Offline einkaufen – pah!

Also, mir darf bitte niemand mehr mit dem armen Einzelhandel kommen, der vom bösen Internet und den gemeinen und dummen Verbraucher kaputtgemacht wird.
Stoff würde ich viel, viel lieber live kaufen, ebenso Wolle, Schuhe, Wäsche, Hosen, Pullis – das alles und eine ganze Menge mehr. ABER bekomme ich, was ich mir wünsche? Nö. Und das schon sehr lange nicht mehr.
Es fing mit dem Buchhandel an. Bouvier in Bonn war ungeschlagen mein liebster Ort seit ich denken kann. Jährlich um Weihnachten herum gab einen dicken Wälzer für 5,- DM, in dem sämtliche lieferbaren Bücher des nächsten Jahres vermerkt waren und seit ich 12 Jahre alt war, habe ich jährlich Zeit damit verbracht, in meinen Genres akribisch alles anzustreichen, was ich besitze und was ich haben möchte. Ich habe in meinem (Douglas-) Taschenkalender (kennt doch noch jemand? Was war das Ding beliebt!) eingetragen, wann das eine oder andere herauskommt – nachdem ich mit 14 JA für mich entdeckte, war ich auf der Suche nach jedem Roman, den sie gelesen hatte und das hat Jahre gebraucht, bis ich beispielsweise Arabella fand oder auch nur Udolpho.
Und dann fuhr ich mit meiner Schülerkarte in die Innenstadt und warf mich vor die Regale von diogenes, insel, Reclam und dtv Klassik – und fand in der Regel auf Anhieb, was ich brauchte. Das änderte sich schon Anfang der 2000er – da war das, was ich wollte, nicht mehr vorrätig, dafür freuten sich der nach Studienrat aussehende Buchhändler oder die lockige Blonde, wenn ich um Bestellung bat. Die ich am nächsten Tag abholen konnte. Wenig umweltfreundlich natürlich und auch relativ teuer: Viermal Fahrgeld zahlen erhöht den Wert eines Buches schon sehr. Und auch zwei Stunden Fahrzeit insgesamt sind ja kein Pappenstiel, aber da war ich noch jung und hatte Zeit in Unmengen vor mir.
Und dann wurde es schlimmer: Dann waren diese Bücher meist nicht rasch bestellbar und ich musste drei oder vier Tage warten, bevor ich sie abholen können sollte. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich vollkommen umsonst ein zweites Mal in die Stadt fuhr, weil das Buch trotz allem nicht eingetroffen war. Sehr unschön.
Dann kam Amazon; damit machte mein Bruder mich damals bekannt: Da könne ich jedes Buch eingaben, das ich suche, und erführe sogleich, ob es irgendwo lieferbar sei. Wie geil war das denn? Das war übrigens im Jahr 2000 und ganz vieles, was ich seit Jahren suchte, gab es noch immer nicht. Aber eines fand ich: Frederic und Elfrida.
Das war meine erste Bestellung und die einzige in diesem Jahr – JA, natürlich.
Für das Jahr 2001 war es dann – tada! – ebenfalls eine einzige Bestellung: Evelyn Waughs Helena aus dem diogenes-Verlag, die man mir in meinem Buchladen nicht bestellen woltle, konnte, mochte, durfte.
Aber 2002, da startete ich durch und verdoppelte meine Käufe beim bösen Onlinebuchhändler, der da immer noch kaum anderes als Bücher und Filme und Musik im Angebot hatte. Noch immer fuhr ich zweimal im Monat in die Stadt, um Bücher zu kaufen. Zweimal deshalb, weil ich mit einer Fahrt eben nicht alles bekam …
Es ging genauso weiter: 3 Bestellungen 2003, 4 2004 (trotz Schwangerschaft bin ich lieber rumgelaufen, als etwas zu bestellen!). 2005 3 (trotz Baby noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, finden zu können, was ich will, wenn ich brav in der Stadt einkaufe …) und so geht das ewig weiter. Bis ich es satt hatte. Bouvier war dann irgendwann pleite, Thalia bevölkerte alles und oft genug wurden Bestellungen eher ungern entgegengenommen oder abgewimmelt. Einmal hörte ich, ich könne das im Onlineshop bestellen …
Da habe ich mir dann meinen ersten Kindle besorgt und das frustrierende Thema nach all den Jahren abgeschlossen und bereue es null.
Damit sind wir ja nicht durch: Es gab wunderbare Wollgeschäfte, die sich nicht halten konnten, weil zum Einen es zu wenig qualitätsbewusste Strickerinnen gibt und zum Anderen, weil sie Knebelverträge und miese Konditionen erhielten, die die Kaufhäuser daneben nicht hatten. Und kaum waren diese Läden weg, gab es in den großen Häusern nix mehr mit Merino-Seiden-Mix von Lang yarns und addi-Nadeln (beispielsweise), sondern nur noch den Schachenmayr-Mist und billige Prym-Nadeln. Weshalb diejenigen, die eben doch qualitätsbewusst sind, nun auf Verdacht hin das schöne rote Garn in der Hoffnung bestellen, es möge bläulich und nicht bräunlich sein. Darüber beklagt sich nun aber die einzige Händlerin, die sich hatte halten können – eine Dame, die null kulant ist, ihr Programm immer weiter auf billig runtergefahren hat und sich ebenfalls weigert, gewünschtes beiseitezulegen. DA will nun niemand kaufen, weil hey, wenn ich eh schon Kompromisse eingehen solln, wenn ich live kaufe, dann möchte ich doch wenigstens freundlich behandelt werden. Aber nicht von ihr, nein, niemals. O-Ton: “Was soll ich Sie hier beraten oder mir die Mühe geben, im Lager nach einer passenden Partie zu schauen, wen Sie es nachher im Internet kaufen wollen?”
Liebelein, ich stehe hier mit meinem Geld, ich will jetzt stricken, ich habe hier acht Knäuel einer Partie, brauche aber neun und du willst nicht suchen gehen? Gut, ich komme nie wieder.
Und so geht es jetzt mit den Stoffläden weiter: in Bonn kann ich de facto nun keinen Stoff mehr kaufen.. Ein Jahr lang war ich raus aus der Sache, habe nichts mitbekommen. Drei Geschäfte sind fort – ein günstiges mit toller Auswahl, ein sehr exklusives mit Designerstoffen, eine Filiale vom Kastenholz. Im Kaufhaus ist die Abteilung fast komplett auf Polyesther, Kinderjersey und Quiltstoff umgestellt, beim Stofftänzer gibt es vor allem steife Stoffe und Jersey (wobei da die Dame sehr liebenswürdig war!) und bei Dirk Molly in Pützchen, wo ich letztes Jahr noch jubelte, wie viele erwachsene Stoffe der hat, gibt es eigentlich nur noch Poly, was die ebenfalls sehr liebenswerte Verkäuferin bestätigte. Ja, wo also bekommt die erwachsende Schneiderin, die für sich selbst nähen möchte, noch was her? Von den fünf Onlinehändlern, die das im Programm haben. Und da darf sie sich ärgern, dass aus der Viskosegabardine von von fünf Jahren längst eine Polygabardine wurde, die aber dasselbe kostet.
Dazu kommen all die anderen Branchen, in deren Läden man von desinteressierten und unfreundlichen Verkäufern auch schon mal hört, das oder jenes, das müsse ich mir halt im Internet besorgen, so was bräuchte ja niemand. Schön, wenn dann die Kundin hinter dir sagt, sie hätte das schon auch gerne gehabt und der dritte enttäuscht verkündet, deswegen sei er doch in die Stadt gefahren. Vier sehr ungewöhnliche Kunden, die weggeschickt werden, um im Internet zu bestellen.
So, das war sehr lang, aber ich habe mich auch lang genug über das aufgeregt. Und wenn ich all das dann über einen einzigen Händler bekomme, der zudem sehr kulant und sehr schnell und sehr zuverlässig ist, dann bestelle ich das dort. Es hat schon seine Gründe, weshalb amazon so enorm (und angstmachend) erfolgreich ist: Weil er nämlich auch gemerkt hat, woran es hakt.

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6 thoughts on “Offline einkaufen – pah!”

  • Man sollte auch mal den umgekehrten Weg sehen; viele Leute informieren sich erst mal bei Amazon über die Kundenbewertungen und kaufen dann im Einzelhandel. Dann nervt es besonders wenn da ein uninformierter Verkäufer einem was anderes andrehen will. Mich zumindest.
    Nur für Stoffe gilt das bei mir nicht. Ich habe in 15 km (halbe Stunde fahrzeit plus 15 Minuten fußmarsch, ohne Kinder) einen tollen Stoffladen. Der hat auch einen onlineshop, nur ist der nicht gut. Am liebsten kaufe ich aber Stoffe bei Lagerverkäufen von Modemachern (für mich ist das Montana, Arnstorf). Da ist eine RIESEN Auswahl an DOB-Stoffen und keine Kinderjerseys und Patchworkstoffe die die Auswahl künstlich aufblähen. Wollsnob bin ich noch nicht; dazu wurde ich bei zu vielen Discouter-Angeboten schwach und muss erst mal abarbeiten. Bei Stoffen hab ich da keine Hemmungen….
    LG
    Martina

    • Ha, dann hüte dich – Wollsnobismus eröffnet völlig neue Perspektiven – sowohl für wunderschöne neue Werke wie auch für wunderschönen neuen Frust was die Auswahl vor Ort anbelangt 😀
      Schön auch dein Bild von der künstlich aufgeblähten Auswahl: Wie oft habe ich ein neues Geschäft betreten und dachte, wie herrlich viele Tische es doch gibt. Und dann hakst du einen nach dem anderen ab und gehst bitterlich enttäuscht wieder von dannen.

  • Geht mir genauso. Ich habe auch erst angefangen, im Internet zu kaufen, nachdem ich die Dinge, die ich wollte partout nirgends in der Nähe finden konnte. Was besonders ärgerlich ist, weil ich im Einzugsgebiet von München wohne, das ist ja kein abgelegenes Dorf.

    • Na, das macht auch keinen Mut – irgendwie habe ich mit Bayern und gerade München doch mehr Auswahl verbunden in Bezug auf Handarbeiten. Eine Illusion weniger … erzähl mir nun noch, es gibt kein Christkind! 😀

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