Plumeau mit Ärmeln

“Sag, Kind, sehe ich in dem Mantel rund und riesig aus?”
“Hmmmnjaaa … sagen wir mal so … er macht nicht dünn …”
“Und? Wäre das besser?”
“Nö! Du siehst schön kuschelig aus. Wie in einer Decke. Mit Ärmeln.”

Wo das Kind recht hat, hat es recht. Wie recht, seht ihr in den nächsten Tagen – sobald ich Zeit und Lust habe, mich von ihm, dem Kinde, fotografieren zu lassen. Heute kommt die Anleitung für das Ärmel-Plumeau. Weil ich an diesem sehr, sehr simplen Schnitt letzte Woche Montag fast zugrunde gegangen wäre und sich der Nervenzusammenbruch so wenigstens lohnt, teile ich die aus Frust und Tränen entstandene Anleitung mit euch.
Und nicht nur ich verzweifelte, auch habe ich Julia den halben Tag damit beschäftigt, Anleitungen zu suchen, die mich glauben machen sollten, ich wüßte, was ich täte. All ihrem guten Zureden und ihrem Glauben zum Trotze, ich könne doch nicht ernsthaft so vernagelt sein, war ich es eben doch. Wie der Ochs vorm Berg stand ich vor diesem Schnitt.

 

mantel7

 

Was wollte ich? Einen Mantel in Eiform mit überschnittenen Schultern und einem hohen, halsfernen Stehkragen. Hört sich einfach an, ist es auch. Wenn man nicht festhält an all dem, was man in den letzten Jahren sich angeeignet und angewöhnt hat. Wie beispielsweise die Vorstellung (und Erfahrung!), den Brustabnäher könne man nicht ignorieren. Ich tat mich schwer. Sehr schwer. In etwa war es so wie vor 35 Jahren, als ich mit dem Kochen begann: die ersten Gerichte, die ich alleine brutzelte, waren Eintöpfe aus wenigstens fünf Zutaten, chinesische Pfannenrührgerichte und Aufläufe. Ging gut, war lecker. Bratkartoffeln mit Rührei hingegen oder nicht angebrannte Fischstäbchen oder nicht übergekochte Tütensuppen hingegen …
Oder ein paar Jahre später im Berufspraktikum: ich war in einem Fingernagelstudio gelandet (bis heute für mich eine der unnötigsten Einrichtungen überhaupt) und hatte eine Chefin, die wirklich erstklassig in ihrem Job war (ansonsten eher nicht …). Ob ich wollte oder nicht: ich lernte das Modellieren künstlicher Nägel. Aber was ich auch tat: sie wurden schön, aber selten haltbar. Außer, ich bekam Kundinnen mit Problemhänden. Kundinnen, die zwanghaft Nägel bissen oder deren Nägel papierdünn waren oder die nicht mehr wuchsen. Die kamen lieber zu mir, denn die konnte ich – in schön UND haltbar. Vielleicht sah ich da den Sinn, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist es oft so, dass mir komplizierte, aufwendige Arbeiten mehr liegen als die schlichten, schnellen. Gefühlsmäßig würde ich das anders sehen, aber die Ergebnisse sprechen für diese Theorie.

Gut nun, ich hatte also den kompletten Montag in Verzweiflung verbracht, hatte Bücher gewälzt, mich durch Julias Links und Erklärungen gewühlt, hatte gar auf FB meinen Wahnsinn kundgetan und ungefähr 13 Versuche zerrissen. Immer war der Abnäher mein Problem und meine Weigerung, mich wirklich auf simpel einzulassen. Bis ich in irgendeinem meiner Bücher – ich weiß nicht mehr welches – auf den Satz stieß, dass, je weiter die Schulter überschnitten werden, der Brustabnäher bedeutungslos und bedeutungsloser würde. Eine rationale Erklärung, hurra! Mehr stand da nicht, es wurde auch nicht erklärt, was wie wo ab wann warum sein würde. Aber noch einmal suchte ich mir alle Anleitungen zusammen, suchte mir eine Zahl hier, eine Zahl dort heraus und legte nochmals los. Zwar war ich nach wie vor sehr unsicher ob des Ergebnisses, aber am Dienstag traute ich mich doch, einfach mal zuzuschneiden.

Was braucht ihr? Wie immer euren Grundschnitt, der schon auf Mantelgebrauch zurecht geändert wurde. Heißt: der seitliche Abnäher ist zum Großteil in das Armloch gewandert, ein knapper Zentimeter in den Halsausschnitt und ein gutes Drittel in die Schulter – wer diese Methode jetzt nicht kennt, fragt nach und ich sehe zu, dass ich in den nächsten Tagen auch das einmal zeige. Von dort aus geht es wie folgt weiter:

 

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Zunächst einmal werden sämtliche Abnäher entweder herausgenommen oder ignoriert: der Schulterabnäher wird ausgemessen, weggestrichen und die Schulter wird um den gleichen Betrag gekürzt und verschmälert. Wichtig sind für eine gute Paßform nur die richtige Schulterneigung und die passende Halsweite, damit er wie für euch gemacht sitzt bzw. fällt.
Alle anderen Abnäher werden ausgestrichen.
Dann wird der Halsausschnitt tiefer und weiter: die hintere Höhe bleibt erhalten, die Seite und die vordere Mitte werden um 3 cm vertieft, damit der Stehkragen nicht einschnürt und ein Schal Platz darunter hat.
Die Achsel habe ich um 4 cm (da müsst ihr schauen, wie tief eure Achsel eh schon sitzt, wieviel drunter passen soll und was euch gefällt) herunter gesetzt und am Vorderteil um 7 cm, am Rückenteil um 9 cm verbreitert.
Die Schulterlinie wird bis zum Handgelenk verlängert, ohne etwas an der Schräge zu verändern. Vom neuen Achselpunkt wird ebenfalls verlängert, parallel zur Schulterlinie; beide werden dann im rechten Winkel miteinander verbunden. Die Ecke am Achselpunkt mit einer schönen, nicht zu knappen Rundung verändern.
Für die Knopfleiste 3 cm an der VM anzeichnen.
Um die Eiform zu erreichen, in der gewünschten Mantellänge die gewünschte Saumweite rechtwinklig zur VM einzeichnen – ich habe hier die Hüftweite verwendet. Vom Saum zur Achselkurve eine gerade Linie einzeichnen und schon ist der Mantelschnitt fast fertig.

 

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Jetzt geht es an den Feinschliff:
Die beiden Schnittteile werden an der Schulter-/Ärmelnaht aneinandergeklebt. Nun wird die Ärmelposition festgelegt. Meine Schultern sind um 14 cm überschnitten; der Achselpunkt liegt vor der Rundung (vom Ärmelsaum aus gesehen) – die Ärmelnaht hatte ich schon im ersten Schritt grob festgelegt und nun korrigiert.

 

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Das Ärmelteil vom Rumpfteil trennen und zum Saum hin leicht verjüngen; ich habe beidseitig 1,5 cm weggenommen.

 

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Nun den Mantelteil, der an den Schultern noch verbunden ist, so aufeinander legen, wie er später auch genäht wird und die Schulternaht überprüfen. Hier im (nicht maßstabgetreuen!) Minischnittbeispiel entspricht die Neigung der Schulternaht auch zufällig der Neigung der geknickten Schulterlinie. Bei überschnittenen Ärmeln will die Naht immer in die Mitte der Schulter rutschen – ist also die Schulternaht leicht nach vorne geneigt, kann es sein, dass das Kleidungsstück konsequent und würgend nach hinten rutscht; auch sieht die nach vorne auf den Oberarm verlaufende Naht nicht schön aus.
Sind also Schulternaht und gefaltete Schulter unterschiedlich geschrägt, dann bitte die Schulternaht anpassen und vom Halspunkt aus parallel zur Falte einzeichnen und dort auseinanderschneiden.

 

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Zu guter Letzt kommt noch der Stehkragen:
Den Halsausschnitt vorne und hinten ausmessen, beide Werte addieren und eine gerade Linie dieser Länger zeichnen. Von der VM aus 4 cm abmessen, markieren und an der VM selbst 1,5 cm nach oben gehen. Diese beiden Punkte mit einer leichten Kurve verbinden und dann noch die 3 cm für den Übertritt anzeichnen.
Die Höhe des Kragens sind hinten 6 cm und vorne 7 cm; auch hier beide Punkte in etwa parallel zur unteren Linie verbinden.

 

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Und dann ist der simpelste aller Mäntelschnitte schon fertig. Durch die Weite und die Form passt sehr viel warme Kleidung drunter und auch ein warmes Flauschfutter oder – wie bei mir – Futter und thinsulate – haben Platz. Und in der Tat fühlt sich mein Mantel an, als würde ich mir ein Plumeau umlegen.

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2 thoughts on “Plumeau mit Ärmeln”

  • Das sieht bestimmt toll aus, ich bin schon sehr gespannt auf die Fotos. In einer meiner Zeitschriften von um 1960 ist so ein ähnlicher Mantel in Strick (allerdings wohl etwas länger), den ich schon seit Jahren immer mal wieder bewundernd anstarre. Aber ich glaube, ich sähe in sowas aus wie ein Kugelfisch 😉

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