Prophezeiung durch Stricken?

Ich erwähnte es gestern: die Farbe, die ich zuletzt verstrickte, heißt Sturmblau. Weshalb eigentlich, erschließt sich mir nicht, denn die Gewittersturmhimmel, die ich sah, waren entweder grau schattiert oder aber leuchtend giftgrün (das war in Lindau zu Kinderzeiten und hat mich nachhaltig beeindruckt). Das Woll-Sturmblau hingegen ist petroltürkis: nix blau, nix Sturm. Und so wunderte ich mich.

Bis gestern. Kaum war der Beitrag geschrieben und publiziert, schon schimmerte es in der Ferne sturmgrau. Nicht viel später vernahm ich ein Grollen, sanft und gedämpft. Und wollte es als Einbildung abtun. Aber es wurde dunkler und dunkler, lauter und lauter, der Wind brauste auf, die Äste unserer Bäume und Sträucher tanzten und tobten und dann brach er los: der Starkregen, der jedes Gespräch unmöglich machte und dessen Tropfen noch durch das gekippte Fenster bis auf den Esstisch schlugen. Das große Kind saß im Schwimmbad fest und duckte sich dort mit vielen anderen unter das Vordach, weil der Kassenraum schon überfüllt war. Eine Stunde danach kehrte auch der Gatte heim – mit dem Rad, nasser als nach einer Dusche. Und das alles nur, weil ich es wagte, Sturmblau zu verstricken, zu benennen und zu zeigen. Ein magisches Garn mit gefährlichen Kräften!

Aber mutig, wie ich bin, trug ich den Pullover heute morgen zum Wochenendeinkauf. Das musste ja untersucht werden. Offenbar ist die Wirkung am Körper weniger stark als nass über einem Handtuch, denn es tröpfelte nur zart und auch der Sturm war abgeflaut. Stünde es mir, so würde ich um euretwillen Sonnengelb, Frühlingsgrün oder Brisenbeige verarbeiten, aber dann müsste ich noch ausdauernder als bisher schon darüber klagen, was Zeit und Jahre und Alter mit einem anstellen. Das scheint mir ein schlechter Tausch zu sein.

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Draußen grau, drinnen Katze und falsche Kameraeinstellung (ich sage ja: hoffnungslos). Also nächster Versuch:

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Gut, das ist die Profieinstellung für Impressionisten. Man beachte die realistische Farbgebung und die romantische Anmutung – eine Kombination dieser Gegensätze ist nicht leicht zu erreichen. Ich sollte Kurse anbieten. Oder schauen, ob jemand mit den Einstellungen herumgespielt hat?
In der Tat: die Auflösung war auf Paßbildgröße eingestellt. Ich war es nicht und – ein Wunder! – es war auch niemand anderes …

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Und vielleicht ahnt man ganz leicht, wie das Garn sich nach dem Waschen und Tragen verhält? Ähnlich übrigens wie der Gabardine des Rockes: es neigt ein wenig zum Leiern und Wachsen; eine Eigenschaft, die ich bislang bei allen verwendeteten Dropsgarnen fest stellte. Halt nein, das ist gelogen: Fabel leiert nicht, ist dafür zu kratzig und harsch für mich.
In der Theorie liebe ich Baumwoll-Wolle-Mischungen, in der Praxis bislang nur selten. Während ich mir wünsche, dass die Baumwolle ihre Kratzunfähigkeit und Wolle ihre Stabilität in diese Partnerschaft einbringen, erlebe ich, dass der Wollanteil wächst und die Baumwolle leiert. Je länger man einen Pulli trägt, umso weiter wird die Taille, umso schlapper der Sitz.
Nun, das ist hier ähnlich: das Taillenbündchen weitet sich zunehmend, die Ausschnittblende wellte sich nach Waschen leicht und die Schultern sind ebenfalls ein klein wenig gewachsen. Da aber sowohl das Verstricken als auch der Tragekomfort wunderbar sind, wird es aus dieser Wolle noch ein oder zwei weitere Stücke geben. Dann mit deutlich reduzierter Maschenzahl im Taillen- und Unterbrustbereich.

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Gebraucht habe ich 4 Knäuel Drops Cotton Merino in Sturmblau und 1,5 Knäuel in natur; die reine Strickzeit dürfte bei etwa 36-40 Stunden gelegen haben. Die auf der Banderole angegebene Maschenprobe von 21 Maschen auf 10 cm und das mit Nadelstärke 4 ist für mich nicht erreichbar gewesen. Nun hat es sich ja über die letzten Jahre eingebürgert, dass “Brettstricken” das einzig Wahre sei: ich habe das getestet. Können kann ich das auch. Wenn ich mich konzentriere und ziehe und anspanne. Meine Handgelenke machen das nicht mit und vermutlich hat auch die jahrelange Massagearbeit an zarten Hälsen ihre Wirkung auf meine Strickerei. Um eine Maschenprobe von 19 Maschen auf 10 cm zu erhalten, habe ich mit 2,75 gestrickt und das entspannt und ohne Kampf. Nach dem Waschen liegt die MP nun bei 18 Maschen.

Anleitung gibt es hierzu keine; auch der Streifenrapport ist aus der Laune heraus entstanden. Den Ausschnitt würde ich nun zarter gestalten, aber die Rollblende erhalten. Falls irgendjemand Interesse an einer genaueren Aufstellung für den schlichten Pulli hat, mag Laut gegeben werden.

Und jetzt warte ich auf richtig dicke Wolle für einen Kurzmantel; ab jetzt soll hier wieder gestrickt werden, wie es sich gehört. Dieses Stillsitzen vor dem Fernseher geht ja gar nicht.

Nachtrag zu einem ganz anderen Thema:

Liebe Frau Siebenhundertsachen,

bist du des Wahnsinns? Vielen lieben Dank für das Füßchen, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich freue mich natürlich sehr und wir sind noch nicht durch 🙂

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4 thoughts on “Prophezeiung durch Stricken?”

  • Danke für die Beschreibung der Drops-Wolle. Jetzt weiß ich dass ich sie nicht testen werde – im Übrigen sind meine Erfahrungen mit der Kreuzung Wolle mit Baumwolle ähnlich wie Deine – statt der von mir erwarteten Santfheit und Formstabilität erhalte ich meistens Garn welches eher die Nachteile beider Faser vereint – kratzig und ausleiernd. Etliche dieser Mischungen habe ich verarbeitet (und auch andere Mischungen wie Viskose/Wolle oder Soja/Wolle oder Seide/Wolle – was auch immer, die Heirat war nie glücklich, zumindest was meine Erwartungen betrifft).
    Den Pulli betrachte ich dennoch neidvoll, schnief, mit Baumwolle erreiche ich solche Passform nicht (bzw. sie geht nach ein paar Stunden des Tragens verloren).

    Lieben Gruß
    (übrigens siehst Du ganz hinreißend aus)

  • Magische Kräfte am Werk….
    Danke für die ehrliche Rezension des Garnes und auch an Joanna für die Info.
    Gut das ich noch nicht bestellt habe.
    Schönen Sonntag
    Janine

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