Quo vadis?

Dies hier wird einer dieser Beiträge, bei denen ich zu Beginn des Schreibens noch nicht weiß, wo er endet; Schreiben als Gedankensortiererei hat sich für mich bestens bewährt.

Manchmal sind erzwungene Gegebenheiten nicht nur lästig, sondern vor allem eine Gelegenheit, sich neu zu sortieren, zu ordnen und (zurück) zu finden. Dabei geht es nicht um etwas Großes, Dramatisches, sondern ganz oberflächlich um Kleidung. Wobei: oberflächlich wäre eine oberflächliche Betrachtung, denn Kleidung drückt nach außen doch aus, was wir von uns selbst halten, wie wir uns sehen, was wir mögen, was wir wollen und was nicht.

Bei mir sind es zwei Faktoren, die mir dieses Überdenken aufgedrängt haben: die Gewichtszunahme und das Gefühl von “Da ändert sich doch was …?”. Nach wie vor habe ich kein Problem mit meinem Alter, aber so ganz stimmig waren für mich Äußeres, Inneres und Verpackung nicht mehr in den letzten Monaten. Ganz deutlich wurde mir das, als wir vor einigen Wochen in Maastricht waren und ich im Vichykleid der Hitze trotzte. Ja, es macht eine gute Figur, es war luftig und es passte noch so gerade eben. Aber Stoff und Schnitt fühlten sich nicht mehr gut, nicht mehr nach mir an. Und da ich eh dabei war, meine Grundschnitte zu erneuern, schien das der richtige Zeitpunkt für eben jene Überlegungen zu sein.

Zur Zeit sind in meinem Kleiderschrank drei Teile, die noch richtig gut passen, und zwei Kleider, die immerhin noch passend genug sind. Das ist nicht viel und Zeit war knapp – die Sommerferien sind nicht nur der Feind jeder Bloggerin, sondern auch der jeder Schneiderin, vor allem, wenn auch der Gatte zu Hause ist: zum Nähen kommt man nur schlecht, irgendetwas ist immer. Unbelastet von zu nähenden Teilen, von Zeit zu Zeit ein oder zwei Reihen strickend, hatte ich so Zeit und Muße genug, meinen Kleiderschrank, die Wolltruhen und Stoffregale auszumisten, meine Blogeinträge der letzten Jahre zu betrachten und in Geschäften Kleidung zu probieren. Wo ich dann – irgendetwas muss man ja tragen – eine enge blaue Hose, zwei blau-weiß- gestreifte T-Shirts und eine blaue Bluse mit weißen Punkten erstand. Was mir unglaublich viel Druck und Last von den Schultern nahm. Und für Verwunderung sorgte … 😀

Als ich am Sonntag nämlich bei Freundin Arlett auf Simone und Sabine traf, um gemeinsam zu nähen, waren die Damen wohl verblüfft. Noch verblüffter vielleicht darüber, dass ich nicht nur eine Hose trug, sondern auch gleich noch eine nähte. Auch am Montag wurde das Tragen dieser Hose mit Erstaunen und durchaus begeisterten Kommentaren begleitet, was nun so langsam mich verblüffte. Und den Gatten befragte, der meinte, das sei ja nun wahrlich nicht das erste Mal, dass ich sowas trage. Genau. Allerdings ist das letzte Mal gute zwei Jahre her …

Damals passte – quasi über Nacht – meine 2008 genähte Hose nicht mehr, mit der ich an meinen 90er-Look anschloß. Am besten passte sie mir zwei, drei Jahre später, als ich endlich ein wenig zunahm und damit alle Falten und Probleme der Hose eliminierte:

hose

Diese Hose – theoretisch nach einem Burdaschnitt – hatte mich viel, viel Arbeit gekostet, bis sie saß. Als ich dann mit dem Konstruieren von Schnitten begann, standen Hosen nicht oben auf meiner Liste und seitdem war die Zeit immer zu knapp und die Nerven immer zu schwach, um mich auch noch mit Hosenpaßfomen zu beschäftigen. Und so, nachdem die geliebte Hose endgültig aufgab, verschwanden die engen Hosen aus dem Schrank. Vor etwa zwei Jahren nahm ich noch einmal Anlauf, suchte und fand einen ähnlichen, wenn auch dünneren Stoff bei Karstadt, trennte die blaue Hose auf und nutzte sie, um einen Schnitt für Nummer zwei zu basteln. Doch so recht gelang es nicht: die Zugaben war zu reichhaltig, die Hose schlotterte und so richtig wohl fühlte ich mich darin nicht mehr. Nach Krankheit und Tod meines Vaters kümmerte es mich nicht mehr. Im letzten Jahr habe ich dann drei weite Exemplare genäht, die – Überraschung, Überraschung – nun auch nicht mehr passen. Was mich nun zum Hosennähen zwang.

Welch ein Glück, das meine Wünsche sich auf Zigarettenhosen richtete, ich ausmistete und dabei die nie beendete enge Hose fand, die nun deutlich strammer und deutlich besser saß. Aber, dumm von mir, den dazu gehörigen Schnitt hatte ich schon vor ewigen Zeiten entsorgt. Eines führte zum Anderen und ich begann, meine alten Burdas zu durchwühlen (etwa 20 Hefte Burda und 5 Knipp hätte ich anzubieten, wer Interesse hat …?), um den Originalschnitt zu finden. Ich fand ihn und kopierte letzte Woche mühsam aus – wie ich das hasse. Dann rannte ich in die Stadt, besorgte gleich 3 Stretchstoffe und legte los. Wie immer: Burda passt mir nicht, die Weitenzugaben sind abenteuerlich und auch in der Leibhöhe musste ich einiges ändern. Aber mit einigem Hin und Her hatte ich am Freitag eine fertige dunkelblaue Hose. Am Sonntag begann ich mit der grauen, heute beendete ich die petrolfarbene von vor zwei Jahren und nachher schneide ich noch eine rote Zigarette zu. Damit bin ich für den Herbst, der dieses Jahr wohl schon vor der Türe steht, schon einmal beintechnisch gewappnet.

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In den Augen anderer scheint sich damit bei mir einiges im Stil geändert zu haben, in meiner eigenen Wahrnehmung nur insoweit, als ich mich auf geradlinigere Silhouette zurück besinne: Röcke mit mässiger Weite, klarer Schnittführung und Kleider zwar weiterhin gerne mit Raffungen im Oberteil, aber nichts zu verspieltes oder niedliches. Und jetzt bin ich auch endlich wieder an dem Punkt angelangt, an dem ich mich aufs Nähen freue. Yay!

Bilder mit Hosen an mir gibt es noch nicht, aber demnächst, demnächst bestimmt.



4 thoughts on “Quo vadis?”

  • So, so, ich werde zu Tragefotos genötigt und hier gibt es nur einen Stapel Hosen ohne Frau. Ts, Ts, Ts!
    Unabhängig davon stehen dir Hosen gut, nur der Anblick ist so ungewohnt. Und jetzt los, ich will Fotos! Ich habe es ja auch geschafft.
    Liebe Grüße
    Arlett

  • Merkwürdig, nicht wahr, wie das Leben so “zirkelt”? Manchmal ist man so stolz wie man sich weiterentwickelt, auch kleidertechnisch, und im nächsten Moment dann doch froh und stolz, dass man mit dieser Person, die man vor 3 / 5 / 7 Jahren war, doch noch sehr gut befreundet ist. Lese deine Gedanken-Posts immer wieder sehr sehr gern! Schick siehste aus! Liebe Grüße, Zuzsa

  • Ja, die Hosen – kommen und gehen. Bei mir fristen sie phasenweise ein unbeachtetes Dasein, Röcke werden ja meiner Meinung nach unterschätzt: nirgends sonst gibt’s mehr Freiheit für Beine und Bauch, und egal wie das Wetter ist, Rock geht immer, schließlich kann beliebig viel drunter getragen oder weggelassen werden. Komischerweise tauchen Hosen trotzdem immer mal wieder auf, gerade jetzt besitze ich sogar wieder eine Jeans, das gab’s seit Jahren nicht mehr … Schön zu lesen, dass dieses Hin und Her nicht nur mir zu eigen ist. Hose nähen? Nur, wenn ich seltenen Anfällen akuten Nähgrößenwahns erliege 😉 Viel Erfolg!!

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