Raus aus der Kuschelecke!

Ja. Hahaha. Es ist nicht so, dass ich es immer so rundum kuschelig hätte, dafür gibt es schlicht zu viele Idioten um uns herum – und zu viel Hausarbeit, zu viel Kinderstreiterei, zu viel Altwerden, zu viel Näh- und Strickfrust, zu viel Freizeitstress, zu viel von diesem und zu viel von jenem. Aber das heißt auch nicht, dass man es sich nicht doch ganz schön bequem gemacht hat in der eigenen Kuschelecke. Das neudeutsche Wort hierfür ist übrigens die berühmt-berüchtigte comfort zone. Nun ist dieses Wort wie so viele andere angelsächsische Vokabeln so fest in unserem Sprachgebrauch verankert, dass die Kuschelzone vielleicht das wahrhaft neudeutsche Wort für diesen Zustand ist.

Und weil mir das gerade so durch den Kopf geht, schweife ich einmal kurz ab und erkläre, nur so für den Fall der Fälle, dass ich die englische Sprache nicht nur nicht hasse, sondern sie im Gegenteil sogar mag. Mittlerweile und zwangsläufig, früher lag mir Französisch eindeutig näher am Herzen. Könnte nun noch weiter abschweifen und erzählen, wie unglaublich stolz ich auf mich war, als ich in den letzten Tagen eher zufällig eine anderthalbstündige Dokumentation über das Dritte Reich auf französisch sah und hörte und wahrhaftig wenigstens 95% verstand. Damit hatte ich nicht gerechnet, ist ja schließlich alles ein wenig her … wie nun auch immer: mein Alltag ist durchaus durch die englische Sprache geprägt, ich lese, seit der Gatte in mein Leben trat, vor allem Englisches, ich verwende vor allem englische Anleitungen beim Stricken und Konstruieren und bin im Gespräch mit Freundinnen manchmal um den richtigen deutschen Ausdruck verlegen. Aber was ich nach wie vor nicht mag: die eigene Sprache, sei es Französisch, Suomi oder eben Deutsch, mit Anglizismen zu durchsetzen, womöglich noch kombiniert mit einer hohen Zahl klassischer Fremdwörter. Das macht mich altmodisch, zumal ich auch noch einen fatalen Hang zu Fontan’schen und Mann’schen Bandwurmsätzen habe. Warum etwas in fünf Worten sagen, wenn ich noch zehn Nebensätze einflechten kann? Eben 😀

Es ist sicherlich eine Generationsfrage: wir – meine Klassenkameraden und ich – machten uns noch über Phrasen mit Nonsenswert und pseudointellektuellem Ansatz lustig – ein Klassiker ist sicher “Das tangiert mich extrem peripher ..”, hervorgebracht im Tone tiefster Verachtung. Die Verachtung und der Hohn galt dabei denjenigen, die es nötig hatten, sich so auszudrücken. Und – so steht zu befürchten – ein Hauch Arroganz unsererseits war sicherlich auch dabei, denn nicht jeder konnte unseren Witz verstehen. Naja, wir waren alle mal jung und dumm und hatten es nötig. Heute allerdings, liest man sich mal so quer durch diverse Zeitungsartikel, manche Blogbeiträge und Unternehmensverlautbarungen, dann ist diese Art, sich auszudrücken, gebräuchlich geworden – erst vor kurzem hatten eine sehr gute Freundin und ich diesen Fakt festgestellt. Aber andererseits: die Zeiten ändern sich. Ich erinnere mich ja auch noch daran, wie vollkommen ungläubig man in den 90ern war, dass Menschen – amerikanische Frauen, um präzise zu sein – sich freiwillig ein unter Umständen tödliches Nervengift in die Stirn spritzen ließen, um für einige Monaten scheinbar jünger (und deutlich gefühlskälter, da mimikfrei) zu wirken. Konnte sich niemand vorstellen, das war doch … dumm? Und heute gibt es sogar Botoxparties. Nein, es muss wohl so sein: ich bin endgültig aus der Zeit gefallen 😀 Nachdem ich gestern ein weiteres Lebensjahr abgeschlossen habe, kann das durchaus sein.

ABER superlange Rede und vollkommen unnötige Abweichung beiseite gelassen (das war jetzt eh nur für diejenigen, die gerne lesen und ähnlich sentimental-zurückgewandte Anwandlungen haben wie ich):

Eigentlich wolle ich ja nur aus meiner Kuschelzone heraus. Aus meiner Kleidungsfabrikationskuschelzone, um genau zu sein. Was immer ich konstruiere, nähe, stricke, es ist größtenteils an die Zeit von 1939-1946 angelehnt, mit kleinen Ausreißern nach oben und unten und links und rechts. Meine erste Liebe allerdings galt ja den späten 20ern und frühen 30ern. Und genau dahin, ich schrieb es neulich schon, möchte ich in diesem Jahr einmal. Was sich leicht sagt, mich aber in den letzten sechs Tagen in mittlere Krisen führte. Warum?

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Mein so mühsam erarbeiteter Grundschnitt kann für diese Zeit nicht als Basis herhalten, zumindest nicht so ohne weiteres. Der Block für ein Kleid von 1926-1934 etwa ähnelt nicht dem figurabformendem Etuikleid, das unsere heutige Basis ist – und heutig heißt in dem Fall eben ab ca. 1939. Nein, der Block ist eher eine Art untailliertes, nach unten leicht ausgestelltes Hemd ohne Abnäher. Handelt es sich um ein Kleid mit Taillennaht, so ist der Rock im Vorderteil abnäherfrei und dennoch gerade oder leicht ausgestellt, im Rückenteil taucht in manchen Schnitten ein einzelner Abnäher auf. Auch gibt es Oberteile, in denen ein meist nur kleiner Abnäher von der Schulter aus oder unter dem Arm auftaucht – aber der Oberkörper wird nicht glatt und stromlinienförmig abgebildet. Während Hüfte und Taille im Rockteil eng anliegen, ist das Oberteil deutlich weiter und hat mitunter auch eine gewisse Mehrlänge (irgendwo muss der Busen ja auch untergebracht werden) und Mehrweite, die gleichmäßig verteilt werden muss.

Und weil mich das Thema also so sehr beschäftigte, habe ich heute nachmittag einen Oberteilschnitt nach einer Anleitung aus dem Jahr 1930 gezeichnet. Das war, wie soll ich mich ausdrücken, eine gar wundersame Erfahrung. Es mag an meinen Maßen liegen, die offenbar geradezu außerirdisch sein müssen. Aber trotz genauer Befolgung der Anleitung und konzentriertem Rechnen ergab sich folgendes Bild:

Die Schulterlinie des Rückenteils war bei korrekter Anwendung 16,7 cm lang – 5 mehr als benötigt. Die hintere Seitennaht wäre ebenfalls um einige Zentimeter zu lang gewesen. Gut, das habe ich nun einfach mal angepasst – denn so recht ernst nehmen kann ich diesen Versuch nicht mehr: Dieser Schnitt sieht also vor, dass das Vorderteil an der Brust eine Mehrweite von 10 cm hat, gleiches gilt für die Taille. Dazu hat die Vorderlänge eine Mehrlänge von 3 cm und die Armlöcher haben eine Basis von etwa 13 cm. Das ist schon eine ordentliche Menge und ich kann mir das Ergebnis noch gar nicht vorstellen, werde es aber später heute abend einmal grob testen.

NIchtsdestotrotz hat es mir geholfen, meine Überlegungen voran zu treiben: wie also kann ich einen Grundschnitt entwickeln, der mir sowohl passt als auch die Linie dieser Zeit wiedergibt? Ich habe da die eine oder andere Idee. Und das, obwohl ich mir wirklich gar nicht sicher bin, dass mir das überhaupt stehen wird. Ganz leicht grummelt meine innere Stimme seit Tagen, das all das vollkommen unnütz vertane Lebenszeit sei – ich würde ihr zu gerne das Gegenteil beweisen, bin davon aber nicht wirklich überzeugt. Aber genau darum geht es ja: etwas wagen und testen. Und wenn es auch nur um ein Kleidungsstück geht …

Ach, und weil ich gerade so schön dran bin:

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8 thoughts on “Raus aus der Kuschelecke!”

  • Ohje, da war ja was.. ich wollte ja Bilder machen. Entschuldige, dass ist mir völlig entfallen! 🙁

    Ich habe an einer 40er Jahre Bluse gebastelt und nun nach 5 Probeteilen entnervt aufgegeben und einfach die nächste Seite aufgeschlagen. Neuer Versuch, neues Glück, aber eine Kuschelecke? Nicht in Sicht.. aber bei Krisen reihe ich mich gern mit ein. Ich hoffe das glückliche Ende kommt noch – bei Dir mache ich mir da allerdings auch weniger Sorgen als bei mir 😉

    • Immer mit der Ruhe, ich vergesse so was auch ständig und muss immer ermahnt werden. Gar nicht, weil ich so böse bin oder weil es mir nicht wichtig ist, sondern weil die Zeit einfach schneler rennt als ich 🙂

      Ja, die Kuschelecke ist natürlich nur bedingt kuschelig – zumindest weiß man in ihr schon, was einem steht und was man handwerklich bewältigen kann. Und ich bin jetzt auch schon wieder kurz davor, schnell mal ein Vierziger-Modell zu bauen 😀

      Meine glücklichen Enden … hmmm nuja, ürks … ich wollte ja auch immer dafür sorgen, dass was fertig wird und zeigen wäre ja auch mal was, düdeldü.

      Aber was stimmte an der Bluse denn nicht?

      • Ja, wo fange ich da an..? Ich habe die Anpassungen nicht hinbekommen (FBA aus Schulterabnäher) und habe immer über der Brust zu viel Stoff, an der Brust etwas zu wenig, der Abnäher zeigt nicht Richtung Brustpunkt, an der Taille habe ich’s auch irgendwie verschlimmbessert – und es ist jetzt so der Wurm drin, dass ich gar nicht mehr weiter komme und zum Neustarten fehlt mir absolut die Lust. Ich schmolle und nähe lieber was anderes – vielleicht klappt das ja mit Raffungen besser.. Also habe ich alles von der Bluse sorgfältig in eine Tüte gestopft und unter den Nähtisch geworfen. 🙂

        Ich reiche die Hefte aber auch nochmal nach – bald 😀

        • Ja, diesen Frust kenne ich und du bist ja auch gerade in der Phase, in der man beginnt, die Anpassung zu durchschauen – ich fand das auch sehr verwirrend, wie irgendwo gleichzeitig zu viel und zu wenig Stoff sein kann. Aber danach, wenn man dann durchgestiegen ist, näht es sich viel angenehmer. Wenn mir das jetzt noch für den Rücken gelingen würde … 😀

          • Das ist ja auch so merkwürdig. Am Rücken sitzt es super. Dann habe ich in der hinteren Mitte 2 cm zugegeben und nun sitzt das Rückenteil enger als vorher .. das verstehe wer will. Meine Logik stößt im Moment noch hier und da an ihre Grenzen. 😀

            • Ich weiß genau, was du meinst, aber wenn du dran bleibst, wird es dir irgendwann klar werden. Wenn du magst, kannst du mir heute abend mal Bilder schicken, vielleicht kann ich deinen Erfahrungsweg ein wenig abkürzen 😀

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