Rot-Lila-Rot-Lila-Rot-Lila

Duochrom, quasi. Geht auch, aber welche Digitalkamera mit Blitz macht das in meinen Händen schon mit? Die Frage ist müßig, die Antwort klar. Aber um einen Eindruck zu verschaffen, reicht es aus und ihr seid ja alle mit Phantasie und Großzügigkeit gesegnet.

Über den Rock habe ich mich in der letzten Woche schon klagend in meinem Nähgrüppchen ausgelassen, aber wie es manchmal so ist: ein, zwei Nächte darüber geschlafen und das suboptimale Nähwerk gedanklich in die Kategorie “Haus(halts)kleidung” verschoben und schon darf es vor die Kamera. Vor diesem Rock standen zwei Gedanken, Wünsche, Vorstellungen: Die leicht ausgestellten Röcke nach den Maßen eines Vierzigerjahrerockes in schmaler Linienführung sind bequem und lauffreundlich. Aber auch ein klein wenig langweilig, zumindest, wenn sie dreimal hintereinander genäht werden sollen. Mir schwebte eine Schummelwickelrocklösung vor. Der zweite Wunsch, der zu diesem Rock führte, ist der ewig gleiche: Kirschrot! Schwierig zu finden – bei Karstadt Bonn liegt diese Farbe. Standardmäßig, so versichert der Papieranhänger. Leider in 100% Poly. Die liebe Ingrid hat vor ein paar Tagen dazu Erhellendes geschrieben. Leider ließ sich dieser Polystoff davon nicht beeindrucken: er gehört zu den Stoffen, die verdächtig künstlich schimmern, das Bügeleisen scheuen wie der Vampir den Knoblauch und dazu ein Eigenleben haben, was die Richtung anbelangt, in die sie sich zu begeben geruhen. Aber die Farbe … wie weh kann es tun, einen unauffälligen Meter in einen schmalen Rock zu verwandeln? Sehr weh!

Es fing schon beim Zuschnitt an: glattlegen ließ sich meine Kunstkirsche gerne, auch der Schnitt steckte artig – bis die Schere kam. Ich konnte mich bemühen, wie ich wollte: immer wurde es zackig, vor allem am Saum, wo dann später wunderbarerweise auf einer Viertelseite 2 cm fehlten. Ich mache diese Deserteure für den seltsamen Herrenwinker verantwortlich. Dazu zackte es nicht nur: wohin der Blick fiel, zerfiel der Stoff in Fransen. Mal eben zuschneiden zu später Nacht und am nächsten Morgen nähen – daran war nicht zu denken. Das musste sofort erledigt werden. So saß ich reichlich müde an der Maschine und versäuberte die Stoffränder, alle miteinander. Ansonsten hätte ich in der Frühe wohl nur noch einen Haufen Fäden wiedergefunden. Und vermutlich zwei Katzen mittendrin.

Beim Bügeln stellte sich die Kirsche solange gut an, bis wir zum Saum kamen – schön ist anders. Zumal ich notdürftig die fehlenden Zentimeter wett machen musste – einfach unten gleichmäßig abschneiden, das war klar, würde irgendwann zu einem Mikromini geführt haben. Mittlerweile ging mir der Stoff schon sehr auf die Nerven und ich überlegte, ihn nicht auch noch mit Reißverschluß und Purpurfutter zu verwöhnen. Bis ich dachte: gut, so kannst du den neuen Schnitt wenigstens testen – notfalls trennst du alles wieder raus. Ich habe dem Futtersaum sogar noch einen Zierstich gegönnt; wenn schon testen, dann doch richtig.

Dann endlich stand ich vor dem Spiegel und ich kann es euch allen ans Herz legen, was wir eigentlich wissen: ein neues Kleidungsstück erwartungsfroh und skeptisch zugleich vor den Spiegel zu führen, während einem die Haare zusammen gezwirbelt in die Stirn hängen und die Füße von drei Lagen Socken bedeckt sind, dazu ein zerknittertes Schlafshirt (ja, das kommt auch bei mir alle zwei, drei Monate vor – ich kann mich zu nichts aufraffen und nähe quasi als meine eigene arme Angestellte für die andere Person in mir) … lasst uns feststellen, das tut auch dem schönsten, besten und edelsten Rock nicht gut. Zumal ich meine Röcke, eigentlich alles, immer in Hinblick auf hohe Schuhe nähe … Ich stand also nun vor dem Spiegel in einem seltsam zipfeligen Rock mit widerspenstigem Gesicht – sowohl ich als auch der Rock schauten mit Abscheu auf das Gegenüber und ehrlich: zu sehen, dass ein Polyrock seine Trägerin verachtet, hilft an Tagen mit geringem Antrieb und Selbstbewußtsein nicht. Da blieb nur das Suhlen im Selbstmitleid und der eigenen Unfähigkeit.

Heute nun zog ich ihn aus seinem Stapel doch heraus; schön, dass er nicht wirklich knittert. Ich verpasste ihm auberginefarbene Strümpfe, Gürtel und Ohrgehänge in Pflaume und setzte ihm die allseits geliebten roten HOHEN Schuhe vor. Er schien seine Einschätzung meiner Person zu überdenken und letztendlich einigten wir uns auf ein friedliches Miteinander: wir haben beide unsere Schwächen und die müssen wir uns ja nicht ständig vorhalten.

Die linke Seite will nach außen, da hilft nichts.

Wenn das Bein folgt, fällt es kaum noch auf.

Ach, komm schon, wir sind ja beide nicht fehlerfrei …

Letztendlich hat sich der Schnitt für mich beim zweiten Draufschauen bewährt und wird demnächst noch einmal in Blau und wolliger folgen. Also, geht doch!



6 thoughts on “Rot-Lila-Rot-Lila-Rot-Lila”

  • Red doch mal mit Deinem Röckchen, ob es mit einem Wellnessbad in Weichspüler einverstanden wäre. Wenn ja, wäre das ein untrügliches Zeichen für seine Kooperationsbereitschaft, dann hört nämlich (bis zur nächsten Wäsche) das Kleben und Funkenschlagen auf. Und Ihr könntet Eure aufblühende Freundschaft ausbauen und genießen. Abgesehen von der kleinen, widerständigen Seitwärts-Aufwärts-Bewegung passt Ihr nämlich, so von außen gesehen, hervorragend zusammen ;-).

    Viele Grüße
    Ursula

  • Liebe Michou, so ist das auch mit den Wickelröcken, oder Pseudowickelröcken. Auch die entwickeln ein Eigenleben und das vorwitzigste Teil schaut nach außen.
    Meine Phantasie lässt daraus schließen, daß die Farbe mir gefällt. Das Material “sehe” ich ja nicht.
    Auch der Rock gefällt mir, ich mag es ja, wenn es auch mal etwas keck woanders hin schaut, das Schnittteil.
    liebe Grüße
    Monika

  • Ich LIEBE deine Texte!
    Wenn ich mal ganz trübsinnig bin, vor lauter grau und fehlendem Sonnenschein, dann lese ich ein bißchen bei Dir und schon muß ich lächeln.
    Wie schön, dass du dich mit deinem Kirschenrock angefreundet hast – die Farbe ist toll und der Schnitt auch!
    Liebe Grüße, Bettina

  • Mir gefällt’s – oh Überraschung 😉 – auch sehr gut. Für Polytierchen habe ich keinen Rat. Polyamid liebe ich, aber der ist auch problemlos, funkt nie und kleben tut er auch nicht. Polyester habe ich zur Not auch funkelnd und klebend getragen, wenn mir das Kleidungsstück gefiel (Weichspülern sagen wir “nein”, meiner Meinung nach umweltbelastendes Zeugs ohne Mehrwert… ). Ich bewundere Dich dass Du Nerven hattest den Stoff zu nähen – ich habe nur einmal Stoff verarbeitet welches sich gerne in Bestandteile auflösen wollte, und das vor mindestens einem vierteljahrhundert. Dennoch habe ich die daraus entstandene Hose gerne und lange getragen – und in fertigem Zustand hat sie aufgehört zu fransen, komisch, nicht?

    Unsere Katze spielt gerade Katzenball … mit einem Radieschen …
    Grüße
    Joanna

  • Ich finde den Rock auch sehr tragbar (auch wenn die Kombination aus Rot und Lila jetzt nicht so die meine ist)! Und mal ganz ehrlich, bei ‘echten’ Wickelröcken und -kleidern ist es doch noch viel schlimmer, da zipfelt und rutscht es doch nur so…
    Was das Problem mit den klebenden Unterröcken angeht, so habe ich den Verdacht, dass auch die Beschaffenheit und Qualität der Strumpfhosen von entscheidender Bedeutung ist…. Bei manchen passiert klebt es eben (ich arbeite da derzeit an einer Testreihe; schade nur, dass ich die Packungen der Strumpfhosen so selten aufhebe…)

    Den Bügelhandschuh habe ich leider noch nicht getestet, denn ich habe IMMERNOCH NICHT gebügelt 🙂 und alles, was ich heute genäht und geflickt habe, war bügelfrei ;))

    Liebe Grüße!

  • Hallo Michou,

    long time no hear; getraue mich jetzt aber mal ganz kess auf den Rat einer Deiner Freundinnen hin, dass ‘es mir vermutlich doch nicht in den Hals hineinregnen wird’ (ist ‘Uebersetzung’ von mir 😉 !); d.h.: Du mir vermutlich doch nicht den Kopf abreissen wirst, wenn ich mich hier oeffentlich melde.

    Eigentlich wollte ich Dir nur ein schoenes Weihnachtsfest und ein gluecklich(er)es Neues Jahr wuenschen.
    Schaut bei mir z.Zt. zwar etwas hektischer aus als frueher, hoffe aber, dass ich mich doch im neuen Jahr ab und zu wieder bei Dir melden kann.

    Bis denne dann wieder einmal und liebe Gruesse,
    Gerlinde

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 545.882 bad guys.