Schlichtester 1940er Rock

Auf den simpelsten 1930er Rock muss zwangsläufig der schlichteste Rock der 1940er folgen; Bilder dieses Rockes werden irgendwann nächste Woche folgen, denn fertig gestellt werden sie (ja, mehr als einer, ehrgeiziger Plan) erst beim morgigen Nähkränzchen mit Arlett, Janine und Sabine.

Unbenannt

Zu Beginn der 1930er war der typische Rock in etwa knöchellang, kürzte sich dann zur Mitte des Jahrzehntes bis zur Wade, um zum Ende hin eine gute Handbreit übers Knie zu reichen. War er außerdem um 1930 hin meist sehr schmal oder doch zumindest schmal fallend, so bekam der kürzere Rock häufig mehr Schwung und Weite direkt unterhalb der Hüfte anstatt wie zuvor bis zur Mitte des Oberschenkels die Figur der Trägerin nachzuzeichnen.
Vermutlich wäre die Entwicklung zu weiten und vollen Röcken nicht erst zum Ende der 1940er fortgeschritten, wäre der Krieg nicht dazwischen gekommen: überall wurden Stoffe und Produktionsmöglichkeiten für die Uniformen der weltweit marschierenden Armeen benötigt. Was für den Rock bedeutete: mit so wenig Stoff wie möglich auskommen, dabei aber die Trägerin so züchtig wie möglich zu bedecken und ihr das praktische Arbeiten in Heim und Hof, an Fließband und Front zu ermöglichen. Hat man wie ich eine Vorliebe für die Silhouetten der Jahre 1934-1944, dann kann und darf es gar nicht ausbleiben, sich mit all dem zu beschäftigen, was für die Entwicklung der Mode mit-verantwortlich war.

Und es ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, einmal darüber zu sprechen, wie ambivalent ich mich nach wie vor fühle, meiner modischen Vorliebe nachzugeben. Schlechte Zeiten haben wohl immer und überall zu einer erhöhten Ästhethik geführt, aber die Jahres des Dritten Reiches als “schlechte Zeiten” zu bezeichnen – das wäre nicht nur verniedlichend, sondern schon zynisch. Nun habe ich mich, wie wahrscheinlich viele von uns, die während der 80er groß wurden, sehr intensiv mit dieser Zeit auseinander gesetzt, mich während meiner – bleiben wir doch mal in der passenden Sprache – Backfischzeit geradezu zerfleischt, habe Romane und Tagebücher und Augenzeugenberichte en masse gelesen. Und schon damals auf manchen Bildern Kleidungsstücke entdeckt, die Begehrlichkeiten in mir weckten. Die ich verschämt beiseite stieß: kann man wirklich ein Bild von Eva Braun betrachten und dabei nur die Linien ihres Kleides studieren? Eine Antwort habe ich noch immer nicht so ganz. Aber ich habe mich arrangiert, indem ich mir sage, ich “befreie” eine wunderbare Mode aus ihrem Zusammenhang, nutze sie so, wie sie von entwerfender Hand vielleicht gedacht war: als eine unglaubliche feminine, aber starke Mode, die Eleganz und Praktikabilität verbindet und Frauen nicht in Mädchen verwandelt. Rede ich es mir schön? Vielleicht, aber so wie die Liebhaberinnen der 1950er ja auch nicht alle zurück an den Herd wollen, sehne ich mich sicherlich nicht nach dem Leben unter einer Diktatur.

Nun, da hat es mich mal wieder auf einen Weg geführt, den ich vorher nicht sah – wer nur an der Schnittabwandlung interessiert ist: hier geht es weiter.

Wir haben ja nun den Grundschnitt nach Pepin von 1942; wobei ich diese Art Grundschnitt auch aus meinen Anleitungen der 1930 kenne – nur weniger klar beschrieben. Zur Erinnerung: wir haben hier einen Schnitt, der im Vorderteil keinen Abnäher, dafür aber eine sehr gebogene Hüftlinie und im Rückenteil einen einzigen, mitunter breiten, aber auch sehr langen Abnäher besitzt. Nachdem der Grundschnitt an die Figur angepasst und die Seitenlinie gerade gestellt wurde, wird der hintere Abnäher etwas verschmälert, die hintere Hüftkurve ausgeprägter und die vordere ein wenig flacher sein.
beispielmodern
Ich hatte schon einmal gezeigt, wie bei einem modernen Schnitt (dessen zwei hintere Abnäher zu einem zusammen gelegt wurden) die Abnäher entfernt und die Weite in den Saum gedreht wird.
Je nachdem wie groß die Taille-Hüft-Differenz und damit die Breite der Abnäher ist, entsteht ein mäßig weiter bis durchaus weiter Rock. So beispielweise sieht mein nach moderner Schnittaufstellung erstellter Rock aus, nachdem die Abnäherweite in den Saum gelegt wurde – für einen wirklichen 1940er Rock zu viel Weite und auch zu viel Bausch und Bogen an Hüfte und Bauch.

Daher nun das gleiche noch einmal im Original. Was übrigens auch der Grund für mich war, noch einmal einen Grundschnitt für den Rock zu erstellen; unnötig zu erwähnen, dass ich nun schon wieder kurz davor bin, alles neu zu konstruieren – Abgrund, wo bist du? Ich stürze mich hinein, habe ja nichts besseres zu tun …

Zunächst einmal die Rückseite:

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Der Abnäher endet auf der Hüftlinie, ist in meinem Fall damit 4 cm breit und 21 cm lang – auch die Länge ist ausschlaggebend für die Saumweite. Dazu wird der Rock auf eine Länge eine Handbreit unterm Knie gebracht – meine Knielinie ist bei 66 cm (Taille-Knie), der Rock wird eine Länge von 72 cm haben.

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Die Schnittlinie wird parallel zur HM von der Abnäherspitze aus eingezeichnet.

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Der Abnäher wird zur Mitte hin zugeklebt und die Schnittlinie aufgeschnitten – das Schnittteil liegt danach wieder ganz flach auf dem Tisch, die Taillenlinie zeigt in einem Bogen nach oben. Die Mehrweite am Saum beträgt bei mir etwas über 10 cm – beim modernen Rock sind es gute 16 cm.

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Den Schnitt auf ein weiteres Stück Papier legen und rundum abzeichnen und dabei alle Ecken und Kanten in eine weiche Kurve verwandeln.

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Für die Vorderseite gibt es zwei Möglichkeiten: das Aufschneiden des Schnittes vom Saum bis zur Taille oder aber das Einfügen eines Arbeitsabnähers. Ich habe beides getestet und finde die zweite Variante einfacher und genauer.

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Von der Hüftlinie aus wird ein Abnäher eingezeichnet, der etwas schmäler ist als derjenige der Rückseite; ich hatte mich für 2 cm entschieden. Zur gleichen Zeit wird die Seitenlinie um den gleichen Betrag nach außen verlegt und in einer gleichmäßigen Kurve bis zur Hüftlinie aus fortgeführt. Auch hier wird die Schnittlinie vom Saum aus zur Abnäherspitze gezeichnet.

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Im Grunde geht es nun genauso weiter wie für die Rückseite – mit einem kleinen Unterschied:

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Abnäher zukleben, Schnitt aufschneiden und dann die Mehrweite ausmessen – sie wird kleiner sein als die der Rückseite. Die Differenz notieren, den Schnitt auf ein neues Papier übertragen.

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Die fehlende Mehrweite wird an der Seite verlaufend zur Hüftlinie zugegeben:

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Für diesen Rock solltet ihr unbedingt einmal probenähen, denn die starken Veränderungen an der Hüftkurve machen Anpassungen oft nötig. Also einmal nähen, die Hüftkurve dabei neu abstecken und die gemessenen Zugaben oder Verringerungen auf den Schnitt übertragen. Für die Taille wird wieder ein gerader Bund zugeschnitten von etwa 2 cm Breite – auch hier macht sich die Stoffeinsparung bemerkbar.

Wie das dann aussieht – wie gesagt, das zeige ich in den nächsten Tagen.

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6 thoughts on “Schlichtester 1940er Rock”

  • Vielen Dank für die beiden Anleitungen, den Rock aus den 30ern und den aus den 40ern. Beide erfreuen mein Herz.
    Deine Überlegungen zur Mode der 30er und 40er im Zusammenhang mit der damaligen politischen Situation kann ich gut nachvollziehen.
    Wenn wir diese gedanklich ausblenden, bleibt von den 30ern eine Art des sich Kleidens, die mich sehr beeindruckt hat. Sie gab den Frauen Eleganz, aber auch ausreichende Bewegungsfreiheit, was zum damaligen Rollenverständnis gut passte. Elegante Mode wurde damals über alle Bevölkerungsschichten hinweg getragen.
    Bei der Mode der 40er gelingt mir das Ausblenden des politischen Umfelds weniger. Es war Krieg und das spiegelte sich auch in der Mode wider, die Röcke waren schmal und relativ kurz um Stoff zu sparen, die schulterbetonte Linie erinnerte an Uniformen. Zu lebhaft sind meine Erinnerungen an Erzählungen über Flucht und Vertreibung und dass man nur das Nötigste mitnehmen konnte, am Ende oft nur noch das besaß, was man am Leib trug. Dann der Mangel an allem, der sich erst nach der Währungsreform änderte. Zwischen Kriegsende und Währungsreform machte grenzenlose Kreativität Mode. Aus aufgezogenen Zuckersäcken wurden Pullover gestrickt, Wehrmachtsmäntel und -decken wurden umgefärbt, Kleider gewendet, Fallschirmseide vernäht …
    Die Frauen waren erfinderisch – aber Mode? War sie, waren Stoffe und Wolle für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich und verfügbar? In meiner Wahrnehmung war die Mode der 40er vor allem ein Produkt der Traumfabrik, etwas für ausgewählte Kreise, während die Mode der 30er “demokratisch” war, eben Mode für viele.

    • Interessante Überlegungen, wobei ich es genau anders herum sehe: während der Wirtschaftskrise allerortens war die Traumfabrik mit ihren Garderoben doch viel weiter weg von der Alltagsfrau – Glamour, Glamour, Glamour. Der Krieg hingegen hat dann doch viel mehr Leute einander gleich gemacht: Verlust und Armut traf doch fast jeden, egal, wie groß Haus und Kleiderschrank zuvor gewesen waren. Gerade die Beschränkungen der Kriegsjahre haben doch einen sehr egalisierenden Faktor und brauchten Kleidung auf einen gemeinsamen Nenner: praktisch, sparsam und doch so kleidsam wie möglich, um die Moral zu erhalten, egal, ob in Deutschland, Frankreich oder den USA. Ich denke, genau das hat auch dazu beigetragen, dass so viele der Schnitte und Forme heute als klassisch gelten – es ging eben mehr um Kleidung als um Modetrends. Und genau das wurde von Filmemachern von Babelsberg bis Hollywood auch aufgegriffen: Mode, die nicht protzte und prunkte, sondern ein Gemeinschaftsgefühl weckte. Natürlich gab es auch da noch Ausnahmen, auch das wurde wieder mit der Hebung der Moral erklärt, aber insgesamt ging es doch schlichter zu.

      • Ich bin noch nicht so weit, den persönlichen Blick auf die 30er Jahre zu veröffentlichen, den Blick ins Familienalbum zu gewähren, den Stil zu zeigen, der damals im richtigen Leben von realen Frauen in alltäglichen Berufen getragen wurde. Es war Eleganz wie aus dem Modemagazin, getragen bei normalen Sonntagsspaziergängen und -ausflügen, dem Laufsteg des kleinen Mannes: angefertigte Seidenkleider, elegante Mäntel … Hüte gehörten dazu, Handschuhe, schöne Taschen … nicht mondän und glamourös sondern Eleganz im Alltag.

        • Ja, Eleganz hatte einen anderen Stellenwert, war aber doch nicht für alle zu erreichen – daneben gibt es auch die Bilder der armen Leute, die nicht im geringsten an selbst die schlichteste Variante der Eleganz heran reichte. Das Klassengefälle war deutlicher, die Schere zwischen arm und reich weit geöffnet (fast wie heutzutage, das sollte uns zu denken geben).
          In den 30er träumte die arme Frau von schräggeschnittener Seide und trug geradegeschnittene Baumwolle – in den 40ern träumten sicherlich mehr von diesem Unerreichbaren 😀

  • Diese Art an Schnitte heranzugehen finde ich ungeheuer spannend. Es sieht immer so einfach aus 😉 Danke für die präzisen Hinweise!

    Es ist gut, jede Zeit differenziert zu betrachten. Was die Modefragen angeht, kann man Deutschland tatsächlich isoliert betrachten? Es gab auch in den 30er Jahren Einfluss aus Frankreich, oder? Wie weit entfernt ist die Mode der Hollywood-Filme aus den 40ern von den hier beschriebenen wirklich? Und war dort tatsächlich die Materialknappheit treibend, oder nicht vielmehr der Wunsch nach einer neuen Silhouette? Solange keine J*ng*mädel*Unif*rmen oder ähnlich militärisch ausgerichtetes hergestellt wird, würde ich nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf eine innere Haltung zu der jeweiligen Modezeit ziehen.

    • Ja, man kann die Mode auch immer geographisch unterscheiden – wenn auch die Unterschiede viel weniger groß sind als oft angenommen. Ich habe aber übrigens nicht nur Deutschland gemeint 🙂 Ganz klar beeinflußen sich Länder gegenseitig, wenn es auch gerade nach dem ersten Weltkriege große Bemühungen gab, sich von anderen Ländern abzugrenzen. Besonders deutlich wurde das in Frankreich und Deutschland. Es ist ganz interessant zu erfahren, dass Deutschland ab dem Ende des 19. Jahrhunderts Exportweltmeister in Konfektion war, während Frankreich schon etwas länger die Herrscherin der Mode war. So fuhren deutsche Bekleidungshersteller regelmäßig nach Paris, um dort die Ideen zu klauen und dann bezahlbare Ware für die breite Masse herzustellen – die dann auch in Frankreich verkauft wurde. Während des ersten Weltkrieges wurde die Mode massiv für Propagandazwecke genutzt und man versuchte in Deutschland, autarker zu werden; wieder einmal – wie schon nach dem Wiener Kongreß – eine Art deutsche Mode zu etablieren. Die Idee wurde von den Nazis aufgenommen und unterstützt und aufgrund vieler Einfuhrbeschränkungen fehlte es im Dritten Reich dann schon bald an wirklich guten Stoffen – allen voran Seide und Baumwolle und so wurde es mit der rein deutschen Mode schon bald eine Notwendigkeit. Schaut man sich einmal Modehefte der 30er an, aus Frankreich, USA und Deutschland, so müssen sich die deutschen Ideen wahrlich nicht verstecken – sie allerdings herzustellen, war schon bald ein Problem. Aber ich komme ganz schön weit weg jetzt – es gab zum einen eine tolle Doku auf Arte über die Propaganda des ersten Weltkrieges, in der auch der modische Aspekt eine große Rolle spielt, dann gibt es ein sehr ausführliches Buch zum Thema Nazichic (auf Englisch, Autorin habe ich gerade nicht parat) – eher faktisch trocken und bilderlos, aber wenn man sich auch für die Mechanismen des Dritten Reiches interessiert, sehr aufschlußreich. Und zu guter Letzt kann man noch hoffen, dass die ganz wunderbare Ausstellung “Zwischen Glanz und Grauen” noch einmal irgendwo gezeigt wird – auch hier unglaublich viel Info zum Thema; auch die grausigen Details wie die Schuhteststrecke im KZ Sachsenhausen bleiben nicht ausgespart.
      Ein Land wie die USA mit guten Handelsbeziehungen, eigenen Baumwollfeldern und spätem Kriegseintritt hat da sicherlich eine opulentere Mode entwickelt, aber schaut man sich die Silhouetten an, so sind die Ähnlichkeiten größer als die Unterschiede. Was die Filmmode anbelangt, so gewinnt man den Eindruck, dass es in den 30ern eher eine Flucht in Traumwelten war, während in den 40ern eine stärkere Hinwendung zur Realität stattfindet – natürlich nicht durchgängig und komplett, aber eben weniger Glanz und Glamour als eben auch Film noir.

      Der Wunsch nach einer neuen Linie ist immer der treibende Wunsch, aber wenn ich mir die Kleider von 38/39 anschaue und dann den Einschnitt, der knapp ein Jahr nach Kriegsausbruch kommt – ich denke, der Trend ging doch wieder zu mehr Weite, zu einer verspielteren Linie mit Rüschen. Das kam dann ja auch relativ flott nach dem Krieg wieder. Was meinst du denn? Du hast viele Fragen aufgeworfen 🙂

      Den letzten Satz habe ich noch nicht ganz verstanden: meinst du, dass man heute von der getragenen Kleidung nicht auf die Gesinnung schließen müsse oder gilt das für die damalige Zeit? Falls es für heute gilt: nein, an meiner Vorliebe für diese Kleidung lässt sicher keinerlei Neigung zur damaligen Denkungsart ableiten 🙂

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