Schlußverkauf

0199

Wirklich und wahrhaftig habe ich den Gatten heute vormittag semi-spontan in die Innenstadt gelotst: eigentlich, um einige Restgeschenke für den “kleinen” Sohn zu besorgen, der am Samstag neun wird. Es ist ein sehr seltsames Gefühl, dass wir im Herbst schon nach einer weiterführenden Schule zu suchen haben. Suchen eigentlich auch nicht, denn er hat sich schon im letzten Jahr entschieden, dass er wie die Mama auch mit Französisch beginnen will und seine Chancen stehen sehr gut, dort auch genommen zu werden. Was mich freut. Einerseits.

Andererseits: wer hat dem Baby eigentlich erlaubt, nun schon ein halber Gymnasiast zu sein? Es reicht schon, dass ich Ende 40 bin, aber dann auch noch mit so einem halbalten Kind? Und wer hat jemals diesen (idiotischen) Satz aufgestellt, Kinder hielten jung? Von unserem Ältesten, der seit einem Jahr der Hölle enstiegen zu sein scheint, kann ich das Gegenteil behaupten: sie machen alt. Wird gewiß auch wieder besser – also das Leben mit ihm, nicht mein Altern. Aber hey, so langsam gewöhne ich mich.

Aber was hat das Älterwerden mit dem Schlußverkauf zu tun? So ganz sicher bin ich mir noch nicht, aber vermute einen starken Zusammenhang. Schon länger treibt es mich um, neben meiner 30er/40er-Vorliebe doch auch wieder anderes zu tragen. Früher (damals, in den Ardennen) galt ich dank bester Freundin, die Einkäuferin in einer Edelboutique war, immer als ausgesprochen gut gekleidet – modern mit klassisch-elegantem Twist, so beschrieb mich ein Personaler kurz vor der Einstellung einmal. Das ging mir mit den Schwangerschaften, Stillzeiten und Breichenfütterungen verloren. Durch den ersten Vintage-Strick-Pulli war ich dann zunehmend der aktuellen Mode entfremdet. Oder eigentlich auch nicht, denn es gab in den letzten Jahren immer öfter Röcke und Kleider in den Schaufenstern, die sich auch gut 1946 hätten tragen lassen. (Übrigens zeigt die Voguepatterns-Kollektion mit einem DK-Rock meine gerade präferierte Rockform …). Seit etwa einem Jahr aber fehlen mir ein oder zwei andere Seiten meiner optischen Persönlichkeit: beispielweise trug ich ja mit großer Liebe Lederröhren (stehen für diesen Winter doch mal wieder an, Kunstleder findet sich mittlerweile ja leicht). Oder auch gerne sehr weite, fließende Oberteile.

Problem dabei ist: sämtliche Testnähereien in Richtung moderate Lässigkeit sahen an mir grausam aus: seltsam beulig, sackig, einfach verkehrt – das Nähkränzchen, insbesondere Arlett, haben da interessantes zu Gesicht bekommen und mit mir entschieden: aus der körperbetonten Ecke komme ich nicht so ohne weiteres raus. Nach der heutigen Umkleidekabinentour weiß ich, was ich in anderer Hinsicht schon lange weiß: Mittelwege sind nichts für mich. So wie ich zu Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt sein kann, mit beiden Beinen fest in den Wolken schwebe, Bücher liebe oder hasse, genauso brauche ich entweder eng oder weit und nix zwittrig-figurumspielendes. Nach dem Luftig-Luftig-Kleid der letzten Woche ahnte ich das. Weil ich mich in dem Zelt wohl fühlte und weil es mir stand.

Und weil es eines tut, was meine 30er-Röckchen nicht tun: es leiht mir ein wenig Jugend und Frische. Was ich an manchen Tagen herbei sehne. Nie wieder möchte ich Mitte 20 sein, überhaupt will ich kein einzelnes Jahr, wie ätzend es auch gewesen sein mag, wieder abgeben müssen, aber mich so ganz ins Damenhafte zurück ziehen, das hatte ich auch nicht vor.
Was ich aber ebenso wenig vorhabe: mich nun mühsam an die Hosenkonstruktion begeben und dann versuchen müssen, aktuelle Formen heraus zu arbeiten. Einkaufen kann der leichtere Weg sein. Und was kann ich sagen: ich habe zugeschlagen und es genossen. Denn auf der Hüfte sitzende Hosen sind weniger passformsensibel als Bleistiftröcke, die in er Taille halten wollen – sowas kann ich nämlich nicht passend kaufen.

0198

Aber weite Hemden, asymmetrische Pullover, Shorts, Schlabberhosen und wahrhaftig eine schmale Jeans (in ganz, ganz dunkel, sonst mag ich Jeans nicht) plus ein langes Hippiekleid ließen sich finden. Der Gatte war durchaus angetan. Es war ein sehr entspanntes und entspannendes Erlebnis und ich fühle mich fast wieder vollständig. Vor allem aber habe ich wieder einmal bemerkt, wie wenig dramatisch kleine Paßformungenauigkeiten sind. Und wie störend wirklich unpassende Kleidung ist – ist ja nicht so, als ob alles wunderbar gesessen hätte.
Die nächsten Projekte werden sich sicherlich auch immer mal wieder in die aktuelle Richtung neigen, aber als nächstes steht hoffentlich endlich ein Kostüm an.



26 thoughts on “Schlußverkauf”

  • Sehr hübsch – Hippiekleid, ganz meins 🙂 Und richtig so, bloß nicht aus allem ein Dogma machen! Gelegentlich zieht’s mich auch zu Kleidungsstücken, die es ganz normal im Laden zu kaufen gibt – aber das ergänzt dann eher den durchaus gemischten “vintage”-Bestand. Oder geht auch mal schneller als erwartet an die Tochter über 🙂 Die gelben Sandaletten sind auch ein Fang von heute? Sehr schicke Farbe!

    • Das Mixen gelingt mir eher selten, einfach weil körperbetontes für mich schwierig zu erstehen gibt: zu eng an Brust und Hüfte, viel zu weit in der Taille, alles zu kurz. Dafür bin ich aber wieder unbegabt/ungeübt in moderner Schnitterstellung, das lässt sich dann ganz gut kaufen 😀

      Auf alle Fälle war ich von meinem Anblick in Shorts und weitem Pulli überrascht. Für 47 gar nicht so übel …

      Was das Dogma anbelangt: genauso fühlte ich mich in der letzten Zeit oft, als wäre ich einem Eid verpflichtet, an dessen Ablegung ich mich gar nicht erinnern kann.

  • Das ist doch eine nette Ausbeute. Und selber nähen bedeutet ja nicht das man keine Kaufkleidung mehr tragen darf. Wobei ich schon ein paar mal entsetzt gefragt wurde: ” Wie du hast das nicht selbst genäht?”
    Liebe Grüße
    Arlett

    • Ja, du bist in dieser Hinsicht sehr schmerzfrei 😀 Ich finde, es ist ein schöner Impuls – letztes Jahr in Valkenburg und Maastricht hätte ich ja gerne die eine oder andere Boutique von innen gesehen, aber es war zu heiß und die Jungs nicht sehr bereitwillig.

      Wie ist es bei euch?

  • So gerne ich dich in deinen 30er/ 40er Röcken und Kleidern sehe, so sehr kann ich verstehen, dass es dich auch zu anderen Sachen zieht. Letzendlich kleidet man sich doch für sich selbst und nicht für andere. Und ich mag es auch überhaupt nicht, wenn man immer alles so dogmatisch sehen muss. Im Übrigen finde ich dein Zelt perfekt für superheiße Tage. Und das Grillgut hat auch mehr Platz, als in einem taillierten Rock.

    • 😀 In der Tat passten vier Eis-Sabdwiches unter das Zelt – zusätzlich zu allem anderen 😀
      An meiner Vorliebe hat sich eigentlich nichts geändert, es war nur einfach nicht mehr das Einzige, was ich an mir sehen wollte – zu üblich, zu gewohnt, zu ich weiß auch nicht was. Und ich empfand es fast schon als Einschränkung. Folgerichtig kam ich mir heute vor, als betröge ich meinen Kleiderschrank.

  • Abwechslung tut immer gut und es gibt nichts besseres gegen das Altern (im Kopf) als mit Gewonheiten und Routine zu brechen.
    Ausserdem (da bin ich jetzt kleinlaut) wirklich GROßE Änderungen sind ja nicht drin :P.
    Die Schuhe sind der Hammer, warum kann ich in sowas nicht gehen?!

    Der neue Blogdesign gefällt mir übrigens sehr.
    Liebste Grüße
    Joanna

    • Du hast unbedingt recht und was die GROSSEN Veränderungen anbelangt: will man die wirklich? Doch nur, wenn eine Verbesserung sicher wäre, oder? Und dafür sind wir uns wohl schon zu sicher, dass das niemals versprochen werden kann 🙂

      Und ob ich auf den Schuhen laufen kann, wird sich noch zeigen; ich bin damit sicher nicht in der Bonner Innenstadt unterwegs …

  • Ach, diesem Dogma was ich die letzten Jahre um sich selber gebaut habe, versuche ich auch zu entkommen.War es am Anfang schiere Nötigkeit mich zu benehmen, weil es nix zu kaufen gab, erlag ich bald dem Stilzwang. Welcher Stil, und was jetzt nun ? Da war ich Wie amputiert und ständig am grübeln. …Geholfen hat mir sehr der warderobe architect von colettepattern. Diese durchaus theoretisch wissenschaftlichen Gedanken zu meinen Kleidungsvorlieben und dem Inhalt meines Kleiderschrankes haben mich echt weitergebracht. Drehumdiebolzeningenieur nannte es “eklekzistisch “. Sehr hübsches Wort für Vielfältigkeit.
    Es gibt viele Situationen und viele Stimmungen, da darf doch für alles was dabei sein….Die Dogmas im Kopf sind immer sehr schnell installiert, und brauchen immer wieder Überprüfung. ..das kann nicht schaden.
    Ich persönlich finde ja, das du das mit der Jugendlichkeit sehr schön gesagt hast.
    Sich leicht fühlen….das ist ganz wichtig ,.Sonst wird alles grau und schwer, und wenn sich das ermöglicht über luftige Kleidung zu erlangen, warum nicht ?
    Alles darf , nichts muss.

    Ich wünsche dir leichte Tage und heitere Stimmung !!!
    Ganz liebe Grüsse
    Stella

    • 😀 Und jetzt benimmst du dich nicht mehr? Da hat bestimmt die Autokorrektur das selbst-benähen bemängelt 😀
      Ich achte beim Nähen und früher auch bei Einkäufen schon immer sehr darauf, dass möglichst vieles zueinander passt. Schwierig wurde es bei mir dadurch, dass heutiges auf der Hüfte und gestriges in der Taille sitzt und dadurch nicht alles kombinierbar war. Und ich immer für das nähte, was schon da war – zack, schon saß ich mitten drin im Dogma 😀

      Jetzt gewöhne ich mich erst einmal wieder ans “neue” Aussehen …

  • Lustig, dass ging mir die letzten Wochen auch im Kopf rum. Nicht so sehr, dass ich mich durch meinen Stil beschränkt fühle, sondern die vielen anderen Möglichkeiten und Interessantheiten, die es neben meinem gewohnten Beuteschema noch so gibt. Und damit auch die Möglichkeit etwas anderes zu “sein”. Das triggert einander ja irgendwie: das, was in einem schlummert und das was man trägt.
    Naja, die Gedanken sind noch ein bisschen wirr… Liebe Grüße, Zuzsa

    • Genauso ging es mir auch – es gibt so vieles und vieles ginge. Aber irgendwie fühlt man sich doch verpflichtet, erst einen Weg zu gehen und dann den nächsten, anstatt sich ständig durchs Gebüsch zu schlagen – wenn du verstehst, was ich mit diesem Bild meine 😀

      Mach dir mal laute Gedanken, ist bestimmt auch spannend! Ich will jetzt übrigens ein kimonoartiges Oberteil!

      • oh schick! Macht sich bestimmt auch gut zu den kurzen Hosen! … ich näh mir ja grad Kimono Nr. 2

        Ersteinmal einen Stil gefunden zu der einem steht und auf den man immer zurückgreifen kann ist auf jeden Fall hilfreich (und macht die Kratzwunden, die man manchmal im Gebüsch davonträgt erträglicher 😉 ) Und ich glaube, ohne den als Sicherheit hätte ich grad auch keine Lust zum experimentieren bekommen.
        Liebe Grüße, Zuzsa

  • Sehr schönes neues Outfit – sowohl für ich als auch für den Blog! 🙂

    Neulich meinte jemand zu mir, ich sei ein Chamäleon. Weil ich in den 4 Jahren, die er mich jetzt kennt, immer wieder anders aussehe. Das stimmt in Bezug auf die Frisur und das Make-Up ja sowieso. Aber auch klamottentechnisch. Ich habe die letzten 5 Tage hardcore genäht, weil Herr Galoppo nicht da ist. Von Gummizughosen und Oversize-Hemden (nach Burda-Designer-Schnitt) bis hin zur klassischen Bluse und schlichtem Kurzarm-Shiftdress war alles dabei. Vielleicht ist das der Vorteil, wenn frau nach Schnittmustern näht und nicht selbst konstruiert?! Ohne diese Vielfalt würde es mich sicherlich bald langweilig…

    Mir gefällt die neue Vielfalt an dir jedenfalls sehr gut! Sehr sehr gut sogar. Und ja, sowas verjüngt eben auch in einem gewissen Maße. Innere Werte hin oder her, das äußere Erscheinungsbild beeinflusst die Wahrnehmung ja schon ganz maßgeblich. Da darf man mit zeitgenössischer Kleidung durchaus nachhelfen. Und mit Kaufkleidung – sofern die Passform unproblematisch ist- sowieso. Dogma ist nicht gut.

    Liebe Grüße
    Julia

    • Wobei sich die Frage stellt, ob ich eine Verjüngung anstrebe oder ob das nicht eher verzweifelt wirkt? 😀 Letzten Endes trage ich meist, worin ich mich wohl fühle und mich wiedererkenne und gestern beim Shoppen erkannte ich mich erstaunlicherweise in Shorts und asymmetrischem Pulli wieder 😀 Jetzt bin ich gespannt, wohin es sich noch entwickelt.

      Was das Selbstkonstruieren anbelangt: in der Tat kenne ich mich nun besser mit “komplizierteren” Schnitten aus als mit lässigen und stehe/stand ratlos vor dem Schlichten – da hatte ich es mir in den ersten Versuchen deutlich zu schwer gemacht.

      • Wie wäre es statt ‘jünger’ mit ‘jugendlicher’. Also mehr die innere Geisteshaltung als das äußere faltenfreiglattgebügelte Äußere. Ich weiß, was du mit ‘verzweifelt’ meinst, wobei ich da spontan eher an ultrakurze Minikleider kombiniert mit zu viel zu tiefem Dekolletee und tiedunkler Ibizabräune und Wasserstoffperoxid denken muss. Kombiniert mit der größtmöglichen Dosis Camp David. 😀 Und ich glaube, davon bist du Lichtjahre entfernt… Ich finde, du siehst so sehr jugendlich und gleichzeitig altersgemäß aus. Von Verzweiflung keine Spur! 🙂

        Liebe Grüße
        Julia

        • Ich würde sogar so weit gehen und die Worte mit “J” komplett streichen und sie durch ein neutrales “frischer” ersetzen.
          Deine Beschreibung von alter Verzweiflung ist perfekt!! Und da will ich nicht hin. Ich weiß, warum ich mich mit Beginn des Ergrauens vom Haarefärben abgewandt habe: eines zieht das nächste nach sich, bis man nur noch renoviert und das Ergebnis selbst gar nicht mehr wahrnimmt 😀

  • Oooooh, das ist auch hier ein recht aktuelles Thema!
    Aber ich habe noch sooo viele Ideen, die ich umsetzen möchte – da bin ich standhaft beim Stadtbummel ;o)
    Allerdings habe ich vor Kurzem auch einen “Ausflug” jenseits meiner eigentlichen Vorlieben gemacht: ein T-Shirt im Stile der späten 80er musste her. Für den Urlaub und den Garten ist es OK. Ansonsten mag ich es nicht so wirklich. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich den Stoff schon am Stück nicht so richtig mochte…
    Was ich als absolut zeitlos empfinde, sind Jeans und weißes Shirt. Egal, ob weit oder eng. Das geht immer.

    Liebe Andrea, das Kleid steht Dir ganz wunderbar. Es lässt Dich jung, noch zerbrechlicher als sonst und wunderschön aussehen. Und wenn Du Dich in all Deinen neuen Schätzen wohlfühlst, hast Du alles richtig gemacht!!!

    Liebe Grüße

    Katharina

    • Danke dir 🙂

      Sobald man mit dem Nähen begonnen hat, wird Kleidung ein Thema von ganz anderen Dimensionen, oder? Man setzt sich viel mehr mit sich, den Kaufmöglichkeiten, aber den Beschränkungen auseinander. Klingt bei dir ähnlich.

  • Sehr verehrte Madame Michou, in diesem Kleid mit den Spaghettiträgern (das nennen Sie Hippiekleid, ja?) sehen Sie sowas von süß, so richtig ent-züüückend, aus, man könnt grad reinbeißen in Sie (pardon, das war jetzt wieder nicht p.c. – aber sei’s drum). Und auch wenn Sie es nicht anstreben, ich tät sagen – so ungefähr wie 27,3 Jahre … ich kann mich gar nicht mehr beruhigen! Das muß man erst mal bringen. Kann ja bei weiem nicht jeder ….

    • 😀 Das ist das gute an einer schlechten Fotografin und einem nicht ganz staubfreiem Spiegel: Jahre werden ausradiert 😀

      Danke für das Kompliment!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 541.528 bad guys.