Schnittdetektivin

roteskleid
Rote Kleider – eine ganz große Liebe. Die leider bislang kaum Erfüllung fand. Was unter anderem an der Schwierigkeit liegt, passenden Stoff im passenden Rot zu erhalten. Nun habe ich einen solchen schon seit Monaten hier liegen. Schnittideen sind auch nicht zu knapp vorhanden, aber diese kleine Stimme, die moralinsauernd vor dem frühen Freien und langen Reuen warnt und der ewigen Bindung die Suche nach dem Besseren voraus stellt – sie wollte nie verstummen. Und wenn ich ehrlich bin, so schweigt sie auch nun noch nicht.

Dieses Kleid habe ich auf pinterest eingesammelt und konnte bislang leider keine weiteren Ansichten finden. Spontan verliebt schritt mein Kopf ein: brauche ich ein schmales Kleid? Steht mir das? Wie störend wäre dieses Schößchen? Wieviel Stoffmeter würde es wohl verschlingen wollen? Und dazu die Frage, wie es konstruiert sein mag … so unglaublich viel Lust auf Drapierversuche mit Probestoffen hatte ich nicht.

Aber dieses Kleid ließ mich nicht los und so habe ich mich auf seine Spur begeben: Wo verlaufen Nähte, wo liegen Abnäher, was mag ich, was ändere ich, was steht mir und wie könnte ich die Idee dieses Kleides in eine eigene Version umwandeln. Wie von Harriet Pepin empfohlen, nahm ich mir das Bild vor und studierte es, indem ich die Linien nachzeichnete, Schwierigkeiten notietre und Änderungen testete:

1834

Als erstes schaute ich mir die aufspringenden Abnäher an, die aus der vorderen Mitte kommen. Ich glaube, dass dieses Kleid ursprünglich einer Frau gehörte, deren Oberweite höher saß als die der Puppe – Abnäherfalten, die unmittelbar auf der Brust enden, dürften an einer beweglichen Figur seltsam aussehen und der Brust selbst eine unschöne Form verleihen.
Der Ausschnitt: geht er gerade hoch und öffnet sich, wie sich auch eine aufgeknöpfte Bluse öffnet oder ist er in Form eines schmalen Vs geschnitten? Ich habe mich für ersteres entschieden.
Die Ärmel sind glatt und gerade, höchstwahrscheinlich mit einem Abnäher auf Höhe des Ellebogens – nun habe ich soeben zwei langärmelige Kleider beendet. Meist stören mich lange Ärmel am Handgelenk, so dass ich hier eine 3/4-Länge planen würde.
Der Kragen scheint ein schlichter Stehkragen zu sein, der kurz nach der Schulternaht endet.
Der Rock ist schlicht, fällt ohne Mehrweite oder Falten – der gerade Basisrock sollte die richtige Wahl sein.
Das Schößchen … eigentlich der Clou des Kleides, aber doch eher unpraktisch. Und aus 2 Metern kaum heraus zu holen. Aber eine Hüftbetonung sollte schon sein. Meine Überlegung geht in Richtung schlichte Passe, nicht zu tief abgeschnitten, da das für mich nicht schmeichelnd ist. Oder, falls noch genug Stoff übrig sein sollte, ein Schößchen zum Umbinden? Sollte der Rock in einer anderen Weise asymmetrisch sein? Oder vielleicht einfach einen schmalen Gürtel mit breiten Enden dazu fertigen? Damit werde ich mich heute beschäftigen – nach den letzten zwei Tagen mit Intensivhausarbeit gönne ich mir heute einen komplett faulen Tag nur für mich: Schnittbauen, Sauna und Wannenbad, zwischendurch die geliebte Brut mit Essen versorgen … das hört sich doch gut an.

Gestern zum Abend hin begann ich mit dem Oberteil: obwohl ich alle meine Schnittbücher durchwühlte, begegnete mir in keinem von ihnen genau diese Variante; das wäre ja auch zu schön gewesen. Annähernd ähnlich war eine Methode, aus einem Taillenabnäher drei Abnäher aus der VM heraus zu bilden:

1. Der Taillenabnäher wird genau auf Brusthöhe in die VM geschoben (die weiße Partie bitte ignorieren).

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Auf diesen zu laufen von unten drei – in meinem Fall zwei – Linien (ebenfalls aus der VM), die aufgeschnitten werden und dann in gleichmäßige Sektionen aufgeteilt werden.

1836a

Die zwei neuen Abnäher werden dann zu aufspringenden Falten gekürzt; in meinem Fall habe ich dann den oberen der beiden noch einmal etwas mehr zur Mitte geneigt, damit die Falten nicht parallel laufen.

1836

Nun sind solche Konstruktionen nur schlecht mit dem von mir verwendeten Packpapier zu testen, also habe ich mich noch einmal kurz vor der absoluten und endgültigen Müdigkeite zusammen gerissen und habe einen Reststoff zugeschnitten – die wohl gröbste Testmöglichkeit überhaupt: einseitig und nur mit Stecknadeln in Form gebracht. Heraus kam das:

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Nun sind die Puppe und ich nicht zu ähnlich, bei mir mögen diese Falten noch einmal ganz woanders sitzen. Weshalb die oben erwähnte kleine Stimme das Plappern auch nicht lassen kann … riskieren oder lieber nicht?

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4 thoughts on “Schnittdetektivin”

  • Hallo Andrea,

    Du bist wahrscheinlich schon sehr weit mit Deinem Schnitt, aber vielleicht darf ich trotzdem noch meinen Eindruck mitteilen?
    Der Ausschnitt erscheint mir ein sehr schmales V zu sein, das sieht man besser wenn man das Bild vergrößert. Könnte es sein das es sich bei dem Kleid um einen zweiteiligen Ärmel handelt, so einer wie bei Blazern. Manchmal wird das auch bei Kleidern gemacht, damit die Ärmel besser liegen. Viel Spaß beim weiterkreeiren! Bei mir selber bin ich immer noch nicht weiter, melde mich aber noch!
    Liebe Grüßen, Nicole

    • Das mit dem V halte ich für durchaus wahrscheinlich – aber weil ich den Schnitt vielleicht noch in anderen Varianten haben möchte (falls er was wird … ), habe ich mich für die faule Möglichkeit entschieden 😀

      Zweiteilig fände ich jetzt für einen 3/4-Ärmel und für mich übertrieben; fauler als ich kann heute niemand sein. Immmerhin: jetzt bin ich doch fertig. Nahezu. Eine Schärpe schwebt mir noch vor …

      Und ja, du mach mal weiter, ich will was sehen!

  • Wahnsinn, wie todesmutig du dich an die Schnittkonstruktion wagst. Ich würde wohl erst mal stundenlang davor sitzen und nicht wissen, ob ich lachen oder weinen soll. Wie weit bist du denn inzwischen?

    Liebe Grüße
    Julia

    • Das Lachen und Weinen habe ich schon hinter mir, gehört jedes Mal dazu 😀
      Gestern abend doch noch den Rock gemacht und ich könnte jetzt zuschneiden. Allerdings sollte ich vom Blauen auch mal die Säume nähen … habe zur Zeit ein echtes Fertigstell- und Zeigeproblem.

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