Schnitterstellung Traumkleid

Während ich am Schnitt für mein Februarkleid saß, dachte ich kurz daran, das einmal zu dokumentieren; über diesen Gedanken kam ich schnell wieder hinweg. Als nun aber Madamsel anfragte, wie das Oberteil zustande kommt, habe ich die Gelegenheit genutzt, den Haushalt sich selbst zu überlassen und mich statt dessen mit Papier, Schere, Tesa und Filzschreibern zu beschäftigen. Das war viel, viel amüsanter.

Ich schicke ausdrücklich voraus, dass ich mir das, was ich hier tue, selbst beigebracht habe – bei groben Schnitzern hoffe ich auf Profis, ein Veto einzulegen. Für mich funktioniert es und wer selbst konstruiert, wird wissen, worauf sie bei sich achten muss.

Zunächst einmal wird ein gut sitzender Oberteilgrundschnitt benötigt: relativ eng anliegend mit genügend Bewegungsfreiheit und einem hohen Halsausschnitt.

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Als nächstes brauchen wir ein Körpermaß und zwar den Radius der Brust von der Brustmitte zum Ansatz rundum – bei mir sind das beispielsweise 9 cm. Ein normal sitzendes Oberteil wird unter der Brust lose sitzen – für ein anliegendes Miederteil muss also Stoff weggenommen werden. Um das nötige Maß zu erhalten, legt ihr ein Lineal von der Brustmitte zur Taille und messt mit einem zweiten Lineal den Abstand zum Körper – in meinem Fall knapp 2,5 cm. Diese Zahl dividiert ihr durch zwei und verbreitert den Taillenabnäher an der Radiusgrenze an beiden Seiten:

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Nun die Abnäher zukleben – den Vorderen wie den Hinteren und das Miederteil einzeichnen; soll die Oberweite schön herausgearbeitet werden, sollte das Miederteil bis zum eingezeichneten Radius heranreichen. Ich habe den Kreuzpunkt an der VM einen Zentimter höher und an der Seitennaht einen Zentimeter tiefer gesetzt. Danach werden die Schnittteile voneinander getrennt und vorderes und hinteres Miederteil aneinander geklebt.

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Damit es am Hals nicht zu eng wird, habe ich den Halsausschnitt rundum um etwa einen Zentimeter vertieft; das ist dann auch eine gute Gelegenhei, die Halsbelege zu zeichnen.

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Der restliche, vordere Taillenabnäher kann – wie auf den Bildern hier – entweder verbleiben, wo er ist oder aber, wenn er tiefer ist, zur Hälfte in den Halsausschnitt geschoben werden (so hatte ich es gemacht). Nun gibt aber ein Abnäher nur Weite unter oder über der Brust, nicht darüber. Ich wollte insgesamt mehr Weite und eine üppige Drapierung haben, die vom Halsausschnitt (den mittleren Zweidritteln) – zur Taille (von der VM bis zum Endpunkt des Brustradius) reicht.

Dazu habe ich vier Linien gezeichnet, die nach unten hin leicht ausgestellt sind und die alle im gleichen Abstand voneinander liegen (was mir auf bei dem Modell nicht gelungen ist). An diesen Linien trennt ihr das Oberteil und schiebt es auf einem zweiten Stück Schnittpapier auseinander, je nachdem, wieviel Weite ihr haben wollt. Ich war großzügig und habe sie jeweils um einen Zentimeter verschoben, was im fertigen Kleid eine Mehrweite von 8 cm ergibt.

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Ich habe noch einen kleinen Stehkragen dazu gemacht, der nach vorne hin eingebogen ist; aber dafür braucht ihr meine Hilfe nicht. Im letzten Schritt werden die bearbeiteten Schnittteile auf ein frisches Papier gelegt, genau abgezeichnet und mit Nahtzugaben versehen. Und das war es auch schon.

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14 thoughts on “Schnitterstellung Traumkleid”

  • Super gemacht! Die Überlegungen zum Modellschnitt sind genau richtig, was im Übrigen auch von dem tollen Ergebnis bestätigt wird.
    Amüsant finde ich das Detail, den Brustdurchmesser abzutragen, das scheint mir ein eher schlecht “fassbares” Maß zu sein. Ich wäre eher von der Taillenlinie ausgegangen und hätte nach oben gemessen, wie breit das Mieder sein soll. Aber wenn es funktioniert, warum nicht?

    Viele Grüße
    Ursula

    • Das habe ich aus zwei Büchern, u.a. Helen Armstrong. Ich fand es erst nur seltsam, aber dann stellte ich fest, dass sich das ganz gut anhand des BHs bestimmen lässt – das Mieder schließt jetzt mit dem Bügel ab. Von der Taille aus habe ich immer irgendwie ungenau abgemessen … wieso, weiß ich auch nicht.

      Aber schön, dass ich keinen fiesen Fehler reingehauen habe – so ein Profiabnicken tut ja schon sehr gut. Danke 🙂

  • Das mit dem Brustdurchmesser ist mir auch neu, aber durchaus schlüssig. Dürfte ich Dich noch etwas zu den Schulternähten fragen? Hast Du sie gleich breit konstruiert oder ist im Rückenteil noch Zusatzweite, wenn der Abnäher dann abgenäht ist?

    Es grüßt durch das Schneetreiben: Bele

    • Also: die Schulternähte sind vorne und hinten nach Nähen des Abnähers gleich lang – das auf den Bildern ist keine genaue Minikopie, da habe ich mal eben freihand auf 10×10 cm gezeichnet. Auf den Schulterabnäher würde ich nicht mehr verzichten wollen, das sitzt schon schöner.
      Das mit diesem Radius habe ich das erste Mal in eine Lehrbuch der 60er gesehen und fand es lustig. 😉

  • Sehr gut erklärt. Ich hätte es zwar auch anders konstruiert, aber ich finde deine Variante sehr interessant.
    Ich würde allerdings empfehlen, eine Kontrollmessung zu machen, sprich die Unterbrustweite mit der oberen Kante des Miederteiles vergleichen. Gerade bei einer grósseren Körbchengrösse dürfte es schwierig sein den Abstand genau zu messen.

    Für mich persónlich habe ich festgestellt, dass es mir nicht sonderlich gut steht, wenn die Naht genau in der Brustfalte liegt. Ich verlege sie daher je nach Modell minimal nach oben oder unten.

    Liebe Grüsse
    Lucia

    • Der Abstand lässt sich eigentlich erstaunlich gut messen – das Problem ist vielmehr, dass man den eigenen, verblüffenden Messungen nicht traut. Bei dem ersten Miederversuch vor über einem Jahr habe ich dann nur ganz vorsichtig einen Zentimeter abgetragen und es saß doch schlapp.
      Aber du hast recht, es wäre schon gut, die Weite dann nochmal nach zu messen – das hatte ich beim ersten gelungenen Versuch auch brav gemacht, aber weil ich nun all diese Maße auf meinem Pappschnitt eingetragen habe, muss ich nur noch malen und deshalb habe ich das vergessen. Mea culpa 🙂
      Wenn ich bei mir höher gehe, fühlt es sich nicht so gut an, aber das liegt sicher auch immer daran, wie was wo sitzt, liegt oder hängt -düdeldü. Wenn es drunter liegt, neigen die Falten bei mir dazu, etwas traurig wegzuhüpfen und es sieht so aus, als ob der Busen hängt. Das kann vielleicht schon eine Alterserscheinungs ein. Demnächst will ich aber ein Hemdblusenkleid machen, bei dem das Mieder nicht mehr als ein Gürtel ist, da muss ich mal schauen, wie das dann wird.

      Aber schön, dass du mit meiner Arbeitsweise auch was anfangen kannst und nicht “Neinneinnein!” brüllst. Es gibt – und das finde ich immer noch verblüffend! – viele Wege, die zum gleichen Ziel führen und das hat mich anfangs ganz schön Nerven gekostet. Letztendlich habe ich für das Passende gefunden: ich nehme die Variante, bei der ich am meisten schnippeln darf und die am besten erklärt ist. Je mehr ich am Schnitt selber basteln darf, umso leichter scheint sich das Stück nachher zu nähen, als wäre es mir schon sehr vertraut. Klingt das albern? Und ich wäre neugierig, wie du es gemacht hast – ausgelernt habe ich auch in Jahren noch nicht!

  • Nach deiner Methode gemessen, komme ich bei mir auf 6cm. Das erklärt einiges 😉

    Wenn die Naht bei mir direkt unter der Brust liegt, verschwindet die Naht entweder in der Brustfalte (was einen sehr unschönen Effekt hat ;)) oder bei festeren Konstruktionen (corsagen etc) erinnert es schnell an Unterwásche, auch nicht optimal.
    Dadurch, dass ich die Naht etwas nach oben verlegen, wird der Effekt etwas abgemildert. Liegt die Naht unterhalb der Brust, muss der darüber liegende Teil (die Drapierung) straff genug sein, damit der Hängeeffekt verwinden wird.

    Für mich (und meine Figur) habe ich folgende Methode entwickelt. Ich gehe von der Taillenlinie aus und zeichne die gewünschte Miederbreite im Schnitt ein. Dann zeichne ich den Taillenabnäher im rechten Winkel nach oben und mach eine Kontrollmessung. Je nach Lage der Naht muss ich den Abnäher dann im letzten Stück wieder nach innen legen. (sieht dann áhnlich wie dein erstes Bild aus, ist schwer zu beschreiben)
    Die Weite im oberen Teil arbeite ich genauso ein. Je nach Stoffart kann man allerdings auch im Halsausschnitt mit weniger Weite als im Brustbereich arbeiten (oben die Streifen mit 0.5cm Abstand kleben und unten mit 1cm)

  • “Und das war es auch schon.”
    Ja dann… Ich muss das glaub ich NOCH dreimal lesen, aber ich denke, ich hab es fast verstanden 🙂
    Danke für die Lernstunde!

    • Du bist doch ein schlaues Mädel, das merke ich immer wieder – einmal lesen reicht bestimmt und dabei einfach an einem Stückchen Papier mitbasteln et voilà! 🙂

  • Da ich auch grundsätzlich höflich bin, bedanke ich mich recht herzlich und erteile die Erlaubnis. Muß ich mich jetzt schämen, daß ich dich schon lange dreist in meine Blogliste aufgenommen habe ohne zu fragen? Also eigentlich von Anfang an 🙂 Ich hoffe, es ist ok…?
    Liebe Grüße
    Lotti

    • Ich war nur sehr albern aufgelegt heute morgen 😉 Und manchmal ist es doch nett, zu erfahren, wer einen so listet – und ich bin soooo wählerisch 😀

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