Schwarze Katzen …

Momo

… sind für einen Profi wie mich nicht fotografierbar, es sei denn als Suchbild. Momo – pure Freundlichkeit in zierlichste, scheue Katzenform gegossen, das süßeste Mädchen im Haus, das verschmusteste und kuscheligste Katzenkind überhaupt. Und Katzenkind wird sie bleiben, mag sie auch 20 Jahre alt werden. Kaum ein Besuch hat sie je gesehen und wie man sieht: sieht man nichts.

Schwarze Katzen hat man mit Hexen, Gefahr und Unglück in Verbindung gebracht und ihnen magische Kräfte zugesprochen. All meine Aufforderungen an Momo, doch mal etwas zu zaubern, irgendetwas, blieben vergeblich. Sollte das mit der Magie, mit den Dingen zwischen Himmel und Erde nun doch nur ein Märchen sein, ein Hirngespinst, ein Irrglaube, eine vergebliche Hoffnung? Und wie komme ich nur darauf?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber seit ein paar Tagen erinnere ich mich an das Mädchen, das ich einmal war. Und an Geschichten, die ich erlebte und sah und hörte. Es kann also nun wieder sehr lang hier werden und an die LESERINNEN unter meinen Besucherinnen ergeht somit die Aufforderung: schnapp dir eine Tasse Warmgetränk und ein Stück Weihnachtsgebäck und komm auf mein Sofa. Vergiß die Hektik und den Ärger und gönn dir ein halbes Stündchen. Zum Gucken gibt es heute leider nichts …

Denjenigen, die in den 80ern in der näheren und weiteren Umgebung des Rheinlandes lebten, dürften die kölschrockenden Bap nicht entgangen sein, führte ihr Erfolg doch dazu, dass Scharen an Schülern, die der rheinischen Zunge bis zu diesem Zeitpunkt nicht mächtig waren, nun wie wild diese fremde Sprache erlernten – ich hatte einen kleinen Vorteil, da meine Tante Tinni regelmäßig mit ihrem Mopedroller über den Standstreifen der Autobahn von Köln-Sürth nach Bonn-Duisdorf rollte, um dann mit meiner Mutter auf kölsch sich über allerlei auszutauschen. Das hatte mich immer schon fasziniert und ihr merkt, ich nehme schon gleich die erste Abzweigung weg von der Hauptstraße, mäandere mal wieder vor mich. Aber ich wende, denn dort will ich nicht hin. Bap sang nicht nur auf kölsch, sie sprachen auch all das aus, was uns friedensbewegte, feministische, wütende Jugendliche bewegte und was einen so umtrieb. Und im Lied “Wenn et bedde sich lohne dät” kommt ein Satz vor, den ich auf Hochdeutsch zitiere:

Ich bin neidisch auf die, die glauben können, doch was soll’s, ich jage doch kein Phantom.

Da fand ich mich nach all meinen inneren Glaubenskriegen endlich wieder. Nicht nur, was den Gottglauben anbelangt, sondern das Glauben als Tätigkeit überhaupt. Ich stellte endgültig fest, dass ich zu denen gehöre, die lieber wissen als glauben wollen. Aber leider, leider gibt es Dinge, die sich nicht wissen lassen. Vielleicht auch eine rheinische Krankheit; da hole ich mal den Herrn Beikircher hervor, der vom Rheinländer irgendwann und irgendwo einmal sinngemäß sagte, er sei der geborene, echte Zweifler. So isses. An allem, was ich hoffe und glaube und weiß, findet sich doch immer noch ein Häkchen, an dem ich herum zweifeln kann.

Begonnen hat das schon früh – und jetzt hole ich mal weit, weit aus:

Als Kind von 5-10 Jahren etwa habe ich es genossen, wenn ich abends nach dem Abendbrot mich im bodenlangen Nachthemd in die Häkeldecke aufs Sofa kuscheln und mit Kopfhörern meinen Märchenlangspielplatten lauschen durfte. Mein Siamkater Mucki drückte sich dabei gerne neben mich an meine Hüfte und schlief, während ich schon damals nicht nur eine Sache tun konnte, sondern mir dazu meist noch einen Bildband aus dem Schrank meiner Eltern nahm. Und eines Abends entstand eine große Liebe.
zauber

Meine Lieblingsplatte war “Die Töpfchenhexe”, eine Geschichte um eine freundliche Hexe und ihre Katze Schnurribumbi. Außerdem war ich fasziniert von dem Buch “Zauber vergangener Reiche” – und ich muss schnell mal dazwischen schieben, ich bin ziemlich beeindruckt von meinem Gedächtnis, denn eine schnelle Suche ergab: ich habe mich an die Namen richtig erinnert.  In diesem Band wurden die Inkas, das Reich der Mitte, die Inder und Ägypten mit seinen Bildern, Skulpturen, Gebäuden und Totenritualen gezeigt, vorweg gab es eine mehrseitige Einführung, damit der geneigte Leser das ihm gezeigte auch bitte richtig einordnen würde können. Das las ich mit sechs dann doch noch nicht.

Aber an diesem Abend schlug es ein: ÄGYPTEN. Kurz darauf las ich ein Kindersachbuch über Katzen – ich las es Mucki vor, da ich es für wichtig hielt, er wisse etwas über seine Geschichte. Er war sichtlich beeindruckt. Und in diesem Buch lernte ich, dass ich meine Hauskatze den Ägyptern zu verdanken habe. Kluge Menschen, die sofort erkannten, wie wichtig eine Katze für die Welt ist. Von da an gab es kein Halten mehr, ich las alles, was ich finden konnte und lebte die Hälfte des Tages zwischen Isis und Osiris, stand zwischen Horus und Anubis und verehrte Bastet. Ich konnte sämtliche Pharaonen in der richtigen Reihenfolge herunter beten, wußte mit acht, dass es nur ein Leben als Ägyptologin für mich geben könne und las letzten Endes auch DEN Klassiker “Götter, Gräber und Gelehrte” von C.W. Ceram, als ich neun war. Diese Welt des Alten und Neuen Reiches war für mich real. Selbst meine Barbiepuppen waren drei Engel für Osiris – ich konnte mich nicht so recht zwischen Geheimagentin und Ägyptologin für sie entscheiden, zumal sie zwischendurch als Mannequin undercover zu ermitteln hatte.

Nun traf es sich ungünstig, dass ich zur gleichen Zeit mit meinem Kommunionsunterricht begann. Mein Gefühl der Kirche gegenüber war immer schon zwiespältig: in einem katholischen Kindergarten untergebracht, waren mir sämtliche Feiertage wohl vertraut – in den frühen Siebzigern im Rheinland nicht ungewöhnlich. Und die schönen Seiten der Geschichte, in denen Menschen geheilt, Kinder beschenkt, Kriege beendet wurden, machten mich sehr glücklich und andächtig. Vieles andere verstörte mich eher: die Löwengruben, die ans Kreuz geschlagenen Menschen, die ermordeten Babies. Im Kommunionsjahr kamen nun noch die sonntäglichen Kindermessen, die freitägliche Beichte, die auswendig zu lernenden Gebete hinzu.

Ich wollte das alles sehr gerne glauben und zimmerte mir mein eigenes Bild zurecht, wandte mich vornehmlich an Maria in meinen abendlichen Fürbitten, erfand eifrig Geschichten, die ich würde beichten können und freute mich auch darauf, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden. Still und alleine in der Kirche sitzend empfand ich sehr viel von der Hoffnung und Freude, die man als gläubiger Mensch doch empfinden sollte, ich wünschte mit Inbrunst aller Welt und jedem Mensch und jedem Tier Frieden und Glück. Jedoch wenn die Messe begann, ich unendlich lang auf der Bank zu knien hatte, mir der Weihrauch fast die Sinne nahm und ich den endlosen, mir absolut unverständlichen Predigten lauschen musste, dann fühlte ich mich fremd und verloren; hier gehörte ich nicht hin, das stimmte alles nicht. Die Schuld suchte ich bei mir und betete jeden Abend fleißig und erhoffte wahrhaftig ein Zeichen. Vorsichtshalber, weil mir meine besondere Eifrigkeit selbst unheimlich wurde, schob ich als größte Bitte immer eines hinterher:
“Lieber Gott, bitte lass mich nicht berufen sein!” – nein, ins Kloster wollte ich auf gar keinen Fall!

Mittlerweile hatte ich mich aber auch so intensiv mit den Glaubensvorstellungen der Ägypter befasst, dass ich in einen Zwiespalt, in eine wirkliche Glaubenskrise versank: Isis und Bastet waren die beiden Göttinnen, die ich als meine Haus- und Schutzpatroninnen erwählt hatte – es wurde ja nie erwartet, dass nun jeder Ägypter jedem Gott immer  und ständig zu danken und zu opfern hatte; das Göttliche wurde im Alltäglichen gesehen und das Alltägliche war oft schon Ehrerbietung genug. Und so dauerte es gar nicht lang, bis ich mich eines fragte:

Wenn wir heute so unglaublich sicher sind, dass die ägyptischen Götter – die mir ja viel logischer und zugänglicher erschienen – nichts als Folklore und Irrglauben waren, werden sich dann die Menschen in 1000 Jahren unserem Glauben gegenüber ebenso sicher zeigen? Und wenn der eine Gott nicht existiert, wer sagt mir denn, dass der andere real ist? Das hat mich beschäftigt, so sehr, dass ich bald anfing, nach jedem Gebet an Maria nicht nur die Bitte um Klosterfreiheit, sondern auch einen kurzen Nebensatz an Isis hinter her zu werfen – im Sinne von “Ja, ich weiß, dich gibt es auch, nimm das mal nicht so ernst.” Sicher war sicher; ich wollte mir alle Wege offen lassen. So lange, bis ich merkte: ich will wissen, nicht glauben. Da ich aber auch nicht wissen kann, dass ein Gott nicht existiert, bin ich nun also die ewige Zweiflerin an allem und jedem. In der Praxis sieht es so aus, dass ich mir die Hoffnung gönne … denn wäre es nicht schön, es gäbe eine höhere Macht, die uns wohlgesonnen ist und unsere Schritte behutsam weg vom Abgrund leitet? Wenn es sie gibt, so ist sie leider nicht allzu erfolgreich. Gleichwohl: hoffen ist erlaubt und lässt uns mehr Freiheit und mehr Verantwortung als das bloße Glauben.

Wo ich aber eigentlich hinwollte, ist etwas ganz, ganz anderes. Aber dafür ist es heute zu spät. Da gibt es diese Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir sicher alle schon erlebt haben und die etwas magisches und hoffnungsfrohes an sich haben. Wie schwarze Katzen eben. Aber vielleicht findet sich in den nächsten Wochen noch mehr Heißgetränk und Gebäck ein und wir machen dort weiter, wo ich nun ende.

 

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8 thoughts on “Schwarze Katzen …”

  • Ach Michou, du schreibst so schön. Und offenbar sind wir uns gar nicht so fern, auch wenn ein paar Jährchen und Kilometer zwischen uns liegen (ich komme ja aus Oberhausen, das ist dann schon Ruhrgebiet und nicht mehr Rheinland, befürchte ich).
    Meine Kindheit war geprägt von der Begeisterung meiner Mutter für Indianer und südamerikanische Kulturen, Ägypten ebenso. Gleichzeitig sang ich mit Inbrunst bei meinem Opa in der evangelischen Kirche im Kinderchor und besuchte mit meiner Oma die katholische Messe, vor allem weil der Pfarrer sehr viel lustiger war. Meiner Mutter war das ein Dorn im Auge, hatte sie doch mit der kath. Kirche gebrochen als man ihr versagt hatte, Messdiener zu werden und noch Jahre später schrieb sie Briefe an Bischöfe um darzulegen, dass es theologisch keinen Grund gäbe, Frauen die Priesterweihe zu verweigern (oh ja, eine Feministin erster Stunde, die es bis heute nicht versteht, dass man mit Absätzen und Wimperntusche ebenso Feministin sein kann. Aber das hast du ja bereits einmal sehr treffend zusammengefasst, nur fand ich damals nicht die passenden Worte für eine Antwort). Ich habe lange gebraucht, das Glaubenskonstrukt hinter all diesen Liedern und Bildern zu verstehen und noch viel länger um zu realisieren, dass Manitou und Re eben solche Götter sind wie mein lustiger Pfarrer einen anbetete. Angenommen habe ich es wohl nie so ganz. Dass ich Kunsthistorikerin geworden bin, trägt wohl auch nicht dazu bei, sehe ich doch heute vor allem Darstellungstraditionen und Glaubenskonstrukte wenn ich in heiligen Hallen unterwegs bin. Meine bessere Hälfte mit ihrem Interesse in Astronomie tut ihr übriges und erklärt alles mit Physik und Einstein. Es bleibt der Respekt vor tief empfundenem Gottvertrauen und die Sehnsucht nach der daraus resultierenden inneren Ruhe, die nicht von der Triebfeder des Wissen-Wollens und Erklärens gestört wird. Doch egal wie unbedeutend dieses Fleckchen Erde im weiten All auch sein mag, wenn ich versuche unsere Welt auch nur in diesem Moment zu begreifen, ist es mir doch unmöglich und scheint wie ein Wunder, magisch, gewaltig, eben nicht greifbar. Ob da doch was ist oder wir es uns nur wünschen um verstehen zu können, warum wir Teil eines so großen Ganzen sind? Wer weiss, meine Katze dürfte jedenfalls keinen Anteil daran haben, sie interessiert sich eher für die nicht minder magischen kleinen Teile unserer Welt (sprich Käfer und Papierbällchen).
    Alles Liebe, Annette

    • Lass mich eines vorausschicken:
      Es wirft mich immer wieder um, wenn ich Antworten erhalte, denen die Zeit und die Überlegung, die für sie aufgewandt werden musste, spürbar ist. Das ist der Grund, weshalb bloggen so wertvoll für mich ist – nicht für das schnelle Lob, die vermeintliche Aufmerksamkeit. Sondern weil immer wieder ein echter Kontakt entsteht, ein Austausch, eine Möglichkeit, etwas zu lernen. Und für die Intimität, die beim Teilen solcher Gedanken entsteht. Danke dafür und danke für diesen besonderen Text.

      Ich bin ja jemand, dem Vergangenes, die Geschichte sehr wichtig ist; es gibt Epochen, in die ich hinein gekrochen bin und egal, wann und wo es war – früher oder später wirst du auf die Kirche stoßen. Mit all ihrem Einfluß, dem guten wie dem schlechten, mit ihren Schätzen, ihren Dogmen und ihren Gnadenbeweisen. Eine Kirche zu betreten ist für mich immer mehr Respekt vor ihren Erbauern gewesen als innere Einkehr und ist untrennbar mit Kunst verbunden. Da geht es uns wahrscheinlich ähnlich 🙂
      Ach, mir fiele nun ganz vieles an und das ist wohl auch einer der Momente, in denen man sich vergeblich wünscht, schnell mal gemütlich miteinander in einem Café zu sitzen und zu plauschen, wahrhaftig über Gott und die Welt.

  • Also, erstmal finde ich faszinierend, dass diese beiden Bücher auch in meiner Kinderzeit existierten – und ergänzt wurden mit den Klassischen griechischen Sagen und der nordischen Mythologie aus väterlichen Beständen.

    Mit der katholischen Kirche habe ich schon relativ früh “gebrochen”, als ich herausfand, dass man meine Oma und meine Mutter exkommuniziert hatte. Ihr “Verbrechen”: sie hatten evangelische Männer geheiratet. Ja, dafür flog man damals noch raus und in meinem Kinderglauben konnte ich mir nicht vorstellen, dass der liebe Gott eine Kirche, die Liebe verbieten will, nur weil die Taufe bei der anderen Konfession stattgefunden hat, gewollt hat.

    Ganz vorbei war es dann, als der katholische Priester, der immer gewusst hat, wo er meine Oma findet, wenn er Spenden brauchte (und sie war großzügig auch in Zeiten, wo es ihnen als Ostpreußenflüchtlingen alles andere als gut ging), weigerte, bei ihrer Beerdigung zu sprechen…

    Glaube ich, dass es etwas jenseits unserer Welt gibt? Ja, für mich bin ich da sicher – so wie für mich die Menschen, die wir lieben, nach ihrem Tode nicht verschwunden sind, sondern ein Teil unserer selbst werden.

    Brauche ich dafür eine Kirche und Pfarrer/ Priester/ Vorbeter? Nein. Ich kann mich in der freien Natur, am Meer, in ganz normalen Situationen meinem Glauben näher fühlen, als in einem Gottesdienst oder an einem Wallfahrtsort mit “Heiligen-Jahrmarkt” und Menschenauflauf.

    Tempel, Kirchen und Heiligenbilder sind für mich auch mehr Kunst als Glaube, obwohl es auch hier Ausnahmen gibt, Werke, in denen man die tiefe Gläubigkeit ihrer Erschaffer auch nach Jahrzehnten und Jahrhunderten spüren kann, Orte, die “Irgendwie anders” sind, etwas in mir berühren, dass ich nicht erklären kann und auch nicht möchte…

    Mein Opa pflegte früher zu sagen: “Der Tiergarten vom lieben Gott ist groß und hat Platz für all uns sonderbare Tierchen…” – vielleicht ist es das, was ich gerne bin: ein sonderbares Tierchen – auch wenn ich es ohne Katze bin 😉

    • Du bist die Eule in meinem Katzenzoo 😀

      Diese Ergriffenheit, die mich in manchen Kirchen erfasst, ist schon ein Wahnsinnseffekt – er bringt mich zumindest dazu, etwas mehr zu hoffen.

      Aber wenn es dann darauf ankommt, dann scheint mir: da ist nichts. Da ist keine höhere Macht, kein allgemein Gutes, das mir zu Hilfe kommt, das rettet und beschützt. Vermutlich ist es der eigene Charakter, der einem die Augen öffnet oder schließt: während die einen in einer ausweglosen Situation genau in diesem Nichtsändern-Können eine Gnade erfahren, erleben sie andere als endgültigen Beweis des ewigen Nichts. Für mich habe ich beschlossen, dass ich, wann immer ich die von dir beschriebene Ergriffenheit empfinde, es die Hoffnung auf das Gute in den meisten Menschen sein darf. Verschwurbelt, oder?

      • Nein, nicht verschwurbelt. Aber vielleicht ist es die höhere Kraft, wie Du es nennst, die uns die Kraft gibt, auch in schwierigen Situationen wieder aufzustehen, die uns befähigt, unsere Probleme selber anzugehen und uns klar macht, dass wir keinen Retter und Beschützer brauchen, weil das was wir brauchen, in uns selber liegt. Wir brauchen nur manchmal etwas länger, um diesen Weg zu finden….

  • Wissenschaftler meinen immer öfter, dass Gott im Gehirn sitzt, sprich dass es Ihn nicht gibt und nicht geben kann, dass unser Gehin einfach etwas projeziiert.
    Ich gehöre zu Leuten, die gerne wissen, Beweise haben wollen und überhaupt nichts am Hut mit “übernatürlichen” Sachen haben – pures Gehirn. Ergo logischerweise dürfte ich nicht glauben, da es hier mit Beweislage etwas schwierig ist.
    Paradoxerweise tue ich das.
    Nicht weil es mir Leben erleichtert (manchmal ja, manchmal nein), sondern weil ich nicht anders kann. Glauben ist nämlich eine Gabe, ein Geschenk – man kann es sich selbst nicht schenken, vielleicht in seltensten Fällen.
    Ich hatte vielleicht das Glück, dass es in Polen vor der Wende starke UND kluge Kirche gab, zumindest hatte ich am meisten (passiv) zu tun mit dem intellektuellen Flügel, wo vieles relativ liberal behandelt wurde (nach dem Motto: der Mensch hat nicht umsonst das Gewissen bekommen, und jeder hat andere Kriterien ergo man kann nicht viel mit Vorschriften und Verboten erreichen, etc etc). Es gab Priester, die die Nichtgläubigen respektierten und schon seit langem Disskusionen und Auslegungen über die Themen des modernen Lebens. Mein Lieblingssatz von Prister Tischner war :” niemand hat den Glauben durch die Lektüre von Marx und Lenin verloren (dessen Schriften waren auf dem kirchlichen index), viele aber nach einem Gespräch mit ihrem Pastor”.
    Leider hat sich dieser kluge und fortschrittliche Flügel der kirchlichen Hierarchie nicht durchgesetzt (wie oft – man nehme auch Politik oder manche Strukturen in Konzernen, auch dort Oberhand haben eher Machtmenschen und Engstirnige), mehr noch – wird von den Hohen kirchlichen Gremien bekämpft.
    Dennoch – egal wie enttäuschend diese Entwicklung sein mag – hat die Kirche für mich nicht alles verloren, ich sehe sie nur als sehr menschliche Vertretung, als “Beamte Gottes”, daher hat mein Glaube keinen Schaden genommen und kein Fehlverhalten der Hierarchie zu Erwägung des Austritts aus dem R-K Verein bewegt.Schleisslich bin auch ich en Mensch, nicht ohne Fehl.
    Es mag wenig Logik darin erkennbar sein, dass muss ich gestehen.
    Dennoch – Kirche und ihre Hierarchie ist kein Abbild des Göttlichen Tuns – nur eine bilige und verblasste Kopie einer wunderbaren Idee. Aber der Mensch ist leider dazu fähig jede tolle Idee völlig zu verunstalten …
    Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch andere Türen zum Glauben gibt, die nicht durch die Kirche als Institution führen.
    Was Gott selber angeht, so vermag ich nicht von Ihm irgendein Bild zu haben und verbinde keine Erwartungen, er ist kein Zauberer der plötzlich alles wieder gut macht (haben wir freien Willen oder nicht? was amchen wir, Menschen, verdammt noch mal damit? Hatte Twain mit seinem Menschenpesimismus Recht?). Wir sollen Ihm ähnlich sein, aber ist nicht manch ein Baum auch dem Menschen ähnlich? Oder Ameise? Jedefalls ähnlicher als z.B. ein Stein oder die Luft oder ein Planet.
    (eine kleine Digression muss jetzt: dafür liebe ich C.S.Lewis, dass in seinen Narnia Büchern Gott die Gestalt eines Löwen hatte, eines ungezähmten Löwen)
    Es kann sein, dass er auch die Große Göttin der Stadt Uruk war, und Isis oder Bastet eine von seinen unzähligen Möglichkeiten. Der Mensch nimmt doch das was er kennt als Symbol.
    Es kann sein dass Got auch die Zahl Pi ist. Oder Musik, oder alles gleichzeitig.
    Klingt nicht gerade römisch-katholisch, nicht? Klingt eher wie etwas schiefer Deismus und dennoch – ich bin römisch-katholisch (auch wenn es mir nicht immer leicht fällt).

    • Vor allem fällt mir eines auf: ich will unbedingt wieder mit dir auf einem Sofa sitzen – Tage mit dir sind immer schön und immer spannend und immer lustig und immer so vertraut, gerade weil wir aus ganz unterschiedlichen Ecken kommen. Bin jetzt gerade gaaaaanz betrübt, dass wir es nicht gebacken bekommen.

      Aber das römisch-katholische: ich glaube, das bleibt einem immer irgendwie erhalten … ausgetreten bin ich schon vor Jahrzehnten, aber irgendwie bleibt es präsent. Ich hatte im übrigen auch zwei Religionslehrer – einer war Pater – die beide unglaublich waren: offen, tolerant, kritisch, lustig, persönlich und packend. Wären die alle so …

  • Wenn “Rouge et Noir” dich angelockt hat, dann war es bei mir BAP. Denn meine Kindheit ist untrennbar mit den Werken des Herrn N. aus K. verbunden. Meine Mutter war BAP-Fan seit ich denken kann. Sobald ein neues Album rauskam wurde das rauf und runter gespielt. (Und auch nicht gerade leise, was ich beim Sesamstraße schauen immer ungemein hinderlich fand. Aber von irgendwem muss ich meine Vorliebe für Lautes-Musik-Hören ja haben…) Und je älter ich wurde, desto häufiger erklärte sie mir die Texte und Botschaften dahinter. Wobei ich glaube, dass es etwas weniger die gesellschaftskritischen Texte waren, als jene, die aus den ganz persönlichen und individuellen Lebenserfahrungen (Scheitern der Ehe/Beziehung, etc.), die sie ansprachen. Aber das war ihr thematisch auch einfach noch ein Stück näher an der eigenen Erfahrungswelt, wer sollte es verdenken.

    Für mich war eigentllich schon als Kind klar, dass Gott mich nicht daran misst, wie oft ich in die Kirche gehe und ob ich jeden Abend vor dem Einschlafen bete. Das sind alles menschengemachte Konstrukte. Das Abstrahieren zwischen dem ursprünglichen Glauben an eine höhere Macht und dessen Institutionalisierung – und vor allem Instrumentalisierung (Wie wussten schon die alten Jedis schon zu berichten: Jeder der Macht hat, fürchtet nur eins: seine Macht wieder zu verlieren) – begann bei mir schon in der Grundschule. Zumindest fühlt es sich so an. Die urspünglichen christlichen Werte (Nächstenliebe, etc.) sind ja eigentlich was Gutes. Und wenn man mal alle Weltreligionen auf das Wesentliche reduziert, sind sie sich dort ja auch alles sehr ähnlich. Das, was die Menschen vom Christentum wegtreibt ist ja vor allem das schlechte Bodenpersonal und das Festhalten an irrsinnigen und vollkommen überholten Strukturen…das hat man in anderen Religionen natürlich auch, aber irgendwie wirkt da wohl die europäische Aufklärung einfach stärker nach…

    Und doch: Auch wenn ich die Institution Kirche ablehne, ich würde trotzdem nicht austreten. Und das nicht nur, weil ich ja dann nicht mehr kirchlich heiraten könnte – was by the way ein ziemlich lächerlicher Grund ist (aber tatsächlich schon gehört!). Irgendwie bin ich in dieser Tradition aufgewachsen und erzogen. Wenn man weiß, dass man keiner Doktrin blind folgen muss, ist das auch in Ordnung. Was man draus macht, ist ja jedem selbst überlassen.

    Meine Gedanken aus dem Krankenlager…wirr und ungeordnet. Sei’s drum! 🙂

    Liebe Grüße und alles Liebe für 2015
    Jay

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