Sehr geehrte Frau Dr. Merkel

0652Ich war nie eine Freundin Ihrer Politik – sei es der großen Politik Ihrer Partei oder Ihrer persönlichen Art im Umgang mit anderen – und bin nach wie vor enttäuscht von den meisten Entwicklungen unter Ihrer Regierung, egal ob es um Soziales, Frauenrechtlerisches, Gesundheit oder Bildung geht: wir sind nicht einer Meinung.

In den letzten Monaten – als Sie zum ersten Mal zeigten, dass eine Pfarrerstochter und Wissenschaftlerin Werte hat, die man erwarten kann: Nächstenliebe und Vision – gewann ich mit vielen anderen den Eindruck, dass Sie mit den richtigen Menschen an Ihrer Seite schon Jahre zuvor viel mehr hätten erreichen können. Wie vielen anderen meiner Generation und Couleur fiel es gar nicht einmal so leicht zu sagen, dass Sie in dieser Lage die Kanzlerin meiner Wahl sind.

Als ich ein Kind war, war die politische Welt einfacher und für mich ein selbstverständlicher Teil des Großwerdens; ich machte die Politik einer Partei an den Leuten fest, die diese Parteien bildeten: sowohl an denen an der Spitze, die auf Wahlplakaten ihre Gesichter herzeigten als auch an denen an der Basis der lokalen Politik. Dass man die SPD wählte, das gehörte für die meisten um mich herum selbstverständlich dazu und noch heute sind die meisten klassische Sozialdemokraten, die nur leider nicht mehr so recht wissen, wen sie wählen wollen – immerhin ist hier niemand dumm und gemein genug, um der AfD seine oder ihre Stimme zu geben.

Während die CDUler auf Plakaten bemüht jovial in die Ferne blickten, waren die lokalen Christdemokraten die runden Männer über 50, deren Jovialität immer eine Spur zu laut und zu rotgesichtig war, um einnehmend auf mich wirken zu können. Schon damals war die Wirtschaft ihr höchstes Gut, worunter man sowohl den wöchentlichen Parteistammtisch in einer gutbürgerlichen Kneipe als auch die Stärkung des lokalen Handwerks und Einzelhandels verstand. Also eigentlich recht egoistisch um das eigene Wohl ging es ihnen, denn diesen beiden Stämmen gehörten sie an.

Die Liberalen hingegen, schlank, süffisant und mit einem sehr bemüht zur Schau getragenen Laissez-faire, waren wie auch im Bundestag in einer Minderheit, die ihnen nichts von ihrer Bedeutung nahm – man war wichtig und wollte Dinge, die selten klar und deutlich zum Ausdruck kamen; die meisten, die ich kennenlernte, waren nicht vom Schlage Genschers oder Hildegard Hamm-Brüchers. Leider.

Und da mein Vater ein Lindauer mit Sehnsucht zum See war und wir während der Sommerferien bei meiner Tante einfielen, lernte ich auch CSUler kennen, die im Vergleich zum CDUler lauter, rotgesichtiger und deutlich ungemütlicher waren. Hier hörte ich auch zum ersten Mal, wie beim Vorübergehen an dem einen oder anderen Kaufhaus gezischt wurde: “Do kaaf i net, des is a Jud!”
Das Verbindende schien mir schon damals der Abscheu gegen alles andere zu sein. Ob es der Preuße war oder der Österreicher, ob es der politisch Andersdenkende, der Nicht-Biertrinker oder derjenige war, der nicht “Grüß Gott” sagte: Mir san mir! Und das war wichtig.

Sozialdemokraten kamen mir vielfältiger vor; es waren ja auch mehr davon um mich herum. Für mich manifestierten sich die Unterschiede der Parteimitglieder und Wähler in ihren Fragen nach meiner schulischen Laufbahn: für die Mitglieder Ihrer Partei bestand die Schulbildung vor allem aus “anständig rechnen und sauber schreiben können und tun, was der Lehrer sagt” – es waren meist unergiebige und unersprießliche Gespräche, in denen meine Antworten keine Rolle spielten. Fragte ein FDP wählender Bekannter danach, im Vorbeigehen, so waren die Noten das einzig Entscheidende – da konnte ich einige Jahre mithalten, bis mein schulisches Interesse nachließ. Einem Wähler der alten Tante SPD hingegen schien Bildung etwas anderes zu sein: humanistisch und sprachlich fit sollte ich sein, diskussionsbereit und weltoffen Achtsamkeit und Ironie versprühen können. Ich verstehe das bis heute unter wahrlich guter Bildung. Und nach den letzten Monaten in diesem Land und seinen sozialen Netzwerken scheint die Grundlage dafür das Erlernen der Rechtschreibung zu sein …

Natürlich sind das nur meine persönlichen Erfahrungen, aber aus denen ist jeder einzelne von uns gemacht. Auch in den nächsten Jahren war ich nur selten überrascht, wenn mir Bekannte oder Freunde ihre politische Gesinnung offenbarten: das passte schon und je empathischer und gebildeter jemand war, umso eher war er nicht Ihrer Partei zugetan. Mit den üblichen Ausnahmen, die die Regel bestätigen natürlich. Tja, eine lange Vorrede – kein Wunder, es ist 5:00 Uhr in der Früh und ich schreibe mir die Seele frei, nachdem ich nur schlecht schlief.

In den letzten Wochen war ich krank wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Ausgelöst durch viel zu viele Gedanken und Sorgen um das Hier und Heute, um die Zukunft, um die Söhne und all die alltäglichen kleinen Reibereien und Mißgeschicke hat sich meine Abwehrkraft verabschiedet und mir eine Erkrankung beschert, die mich ins Bett zwang. Und die immer, wenn ich mich aufregte, mit Schmerzen mich zur Ordnung rief. Und so habe ich drei Wochen lang weggeschaut, so gut es ging, Tränen und Wutausbrüche reduziert und versucht, an eine Verbesserung zu glauben. Aus den paar gefilterten Nachrichten, die zu mir drangen, ahnte und ahne ich wohl: das wird schwierig.

Was haben Sie damit zu tun?

Zum einen bewundere ich sehr, wie äußerlich ruhig und sicher Sie mit all den Schmähungen umgehen, die gegen Sie gerichtet werden. Dass das nicht jeder an der Spitze eines Staates kann, sehen wir alle immer wieder. Zum anderen bin ich unglaublich enttäuscht, dass Sie der erstarkenden Rechten Rechnung tragen und sich zu Entscheidungen haben bewegen lassen, die uns allen nicht gut tun. Um uns herum brodelt es, immer gewalttätiger und brutaler scheint die Welt zu werden und viel zu lange haben Sie und Ihre Partei still gehalten, weil der Feind ja nur links sitzen kann. Was können uns die paar Nazis schon ausmachen?

Sehr viel. Entsetzlich viel. Diese neuen Nazis verdrehen Worte und Tatsachen und Sie widersprechen ihnen nicht oder nicht laut genug. Weil viel zu viele – von Steinbach bis Seehofer – durchaus freudig-verliebt in Richtung braun gucken. Das sich heute blau kleidet. Und offenbar erfolgreich täuscht mit den allersimpelsten Mitteln. Es fehlen deutliche Worte, deutlicher als das, was Sie bisher sagten. Ja, es fehlt Ihnen der Rückhalt, ja, Sie können nicht aus Ihrer Haut: Wirtschaft und Finanzen sind die Kernthemen der Christdemokraten, dem ordnen Sie alles unter. Und das ist die Ursache allen Übels: dass die Armen ärmer und die Reichen reicher geworden sind und nicht das Elend der zu uns Flüchtenden, die wir leicht aufnehmen könnten, wenn wir uns nur an die Arbeit machten. Aber Sie, wir alle haben zugelassen, dass über Jahrzehnte ein rechter Mob sein Unwesen treiben konnte, weil wir uns nicht vorstellen wollten, dass irgendwer nicht aus der Geschichte gelernt haben könnte. Dabei müssen Sie sich nur in Ihrer eigenen Umgebung umschauen, um es besser zu wissen.

Ich bin keine Freundin eines alles bestimmenden Staates, ich will Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit und überhaupt jede persönliche Freiheit, die den anderen nicht bedroht. Aber dort, wo das geschieht, wo durch die Freiheit des einen die des anderen eingeschränkt wird, da will ich den starken Staat auch sehen: wie kann es denn sein, dass Hetzer und Agitatoren Woche für Woche durch die Lande ziehen dürfen und nichts geschieht? Die mit ihren Taten und Worten beweisen, dass sie eben nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, sondern auf dem eines tausendjährigen Reiches? Getragen von Gewalttätern und Ewiggestrigen? Weil wir so tolerant sind? Weil sie ja nur eine Meinung vortragen? Das tun sie nicht, sie zerstören das, was wir haben.

Ja, ich weiß natürlich auch, dass Sie alleine weder verantworlich für die Entwicklung sind noch eine solche Entwicklung eigenhändig aufhalten können. Und das mit einer SPD an Ihrer Seite, die überhaupt gar nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist und was sie mal konnte. Aber den Wünschen des angeblichen Volkes und dem menschenverachtenden Schwachsinn einer AfD entgegen kommen, in dem Asylgesetze verschärft, fragwürdige Abkommen mit noch fragwürdigeren Staatsführern und soziale Errungenschaften abgebaut werden – das kann nicht die Lösung sein. Denn damit entschärfen Sie deren Forderungen nicht, bringen das sich ständig weiter hochpeitschende – ja, es fällt mir schwer, das zu schreiben – Pack nicht zur Ruhe, sondern stacheln es immer weiter an. Denn es glaubt, wenn es nur laut genug schreit und schlägt und brandschatzt, dann bekommt es noch mehr. Bis sich andere nicht mehr trauen, etwas dagegen zu sagen. Das hatten wir schon einmal und es fühlt sich verdammt danach an in diesen Tagen.

Das ist alles durcheinander und auch nichts konkretes, was ich hier schreibe. Es muss mir nur von der Seele, damit ich selbst auch noch einmal froh werden kann für ein paar Tage. Mein Leiden an dieser Welt … ja, das muss ich in den Griff bekommen. Wie gerne wäre ich in der Lage, mich hinstellen zu können und die Menschheit dazu zu bringen, sich auf die Werte zu besinnen, die uns aus den Höhlen, aus dem Dunkel und der Kälte hierhin gebracht haben: Neugierde auf das Fremde und Unbekannte, Zusammenhalt und Sorge für die Schwächeren und Fantasie und Freude. Anstatt Flüchtende auszuschließen sollte unser Streben doch dahin gehen, immer mehr Menschen auf der ganzen Welt aus Dunkel und Kälte heraus zu holen. Nicht zu uns, wie es nun die Bösartigen verstehen werden. Sondern Helligkeit und Wärme überall hintragen, das wäre die Zukunft. Und wir tun es nicht. Ich verstehe es nicht und werde es niemals verstehen.

Ja. Was will ich? Deutliche Worte, klares Vorgehen und Ihren Mut, wieder zu Ihrer menschlichen, meinetwegen auch Ihrer christlichen Mission zu stehen, die Sie im letzten Jahr begonnen hatten. Stellen schaffen für die Integration sowohl der neu Ankommenden als auch der besorgten Bürger. Möglichkeiten für Frauen und Familien verbessern. Grundsicherung für alle schaffen, egal, aus welchen Gründen sich  jemand nicht alleine sichern kann. Den Menschen als höchstes Gut ansehen und nicht das Geld. Wohlfeile Wünsche einer naiven Gutmenschin halt.

 

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4 thoughts on “Sehr geehrte Frau Dr. Merkel”

  • michou – ich bin beeindruckt!
    wo bei mir düstere nebel wabern findest du klare worte! wahre worte! hut ab!
    es muss besser werden – die vorstellung eines schlechter ist einfach zu grauenvoll.
    xxxxx

  • ich frage mich manchmal ob das Fluch des Postmodernismus ist, oder Fluch des Älterwerdens – oder beides gar – die immer schwindende Hoffnung, dass es besser werden kann, das verblassende Vertrauen, dass die, die Macht haben – demokratisch gewählt – auch wissen was sie tum – und vor allem dass sie Ideen und Werte auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dass es ihnen bewusst ist, dass sie der Allgemeinheit dienen. Es gibt so vieles was die Enttäuschung stärkt – blicke ich Richtung meiner Heimat, wird es mir ums Herz kalt. Schaue ich mich hier um – ebenfalls. Es gibt ganz gewiss auch anderes, muss geben…
    Wahrscheinlich müsste auch jeder etwas tun – ich frage mich schon länger was konkret ich tun kann um Wandlung zum Besseren irgendwie auch nur einen Tick wahrscheinlicher machen zu können … (außer dass ich endlich mal Wahlrecht in diesem Land haben will und das Thema in Angriff nehmen muss, auch wenn ich tatsächlich nicht weiß wen ich denn verdammtnochmal wählen soll, den die “sozialen” Parteien sind nicht mehr sozial und die “christlichen” gar nicht christlich).

    Danke für Deinen mutigen und offenen Worte.

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