Sollte, wollte, müßte …

… ich nicht längst im Bett liegen? Oder wenigstens fleißig am Zeichen-Zuschneidetisch sitzen – den die männlichen Mitglieder diese Familie nach wie vor als Eßtisch verkennen – und am Schnitt für das Februarkleid basteln? Oder meinetwegen vor dem Fernseher mich befinden und den Pullunder des Sohnes oder schöner noch den eigenen Pulli strickend voranbringen? Ja, sollte, wollte, müßte. Ich finde einfach keinen Tritt im Alltag mehr. Oder nur mühsam. Seit Weihnachten gammele ich seltsam ziellos herum, habe zwei Kleider irgendwie fabriziert, auch einen Pulli gestrickt, nein, sogar zwei, aber dafür alles andere liegen lassen. Vor allem mich, morgens im Bett, vormittags auf dem Sofa. Drei Wochen sogar in Workout-pants und ungeschminkt. Ich! Richtig wohl fühlte ich mich nicht, aber genau das tat gut. Die verheulte Silvesternacht war nicht schön, aber ein Schlußpunkt. Es geht mir besser, irgendwie. Auch, weil ich das ganz Schlimme nicht mehr so sehr an mich heran lasse. Es ist da und es tut weh, aber ich rühre nicht dran und glaube, das ist richtig.

Und seit der wunderbaren Geburtstagsfeier bin ich auf dem Aufwärtstrip: Make up und zumindest schon mal weite Kuschelröcke- und Pullis durften wieder an mich ran und hey: ich stehe schon um halbneun unter der Dusche! Also morgens. So ungefähr, könnte auch viertel vor sein oder so. Aber jeden Tag früher. Nur abends, nachts finde ich den Weg in mein Bett nicht, verzettele mich hier, verzettele mich da, sitze aber doch relativ entspannt, weil ich auch den Haushalt wieder im Griff habe. Jaha, ich bin soo erfolgreich. Wenn nur nicht diese verteufelte Näherei auf der Seele, auf meiner Seele sich herumwälzte.

Das Februarkleid. Ja, hmm, also es soll ab Donnerstag wieder Winter werden, jetzt, wo die Wiese wie gekochter Spinat aussieht und ich mich an diesen Anblick gewöhnen könnte und gestern noch glaubte, nach all den Jahren des Schnees und der Kälte wieder einen klassischen Bonner Winter zu bekommen, so mit offenem Mantel und abwesenden Stiefeln. Und auch glaubte, es sei der Zeitpunkt für ein Hemdblusenkleid aus dickerer, sehr weicher Baumwolle mit Dreiviertelärmeln. Hatte ich auch schon angefangen, das Basteln. Am Sonntag. Heute am späten Nachmittag saß ich dann da und überlegte, welche Kragenlösung ich wohl wolle. Wälzte sechs Bücher und fand: ich kapiere ja gar nichts mehr. Haben die Weihnachtswochen, die ja bekanntlich von Anfang Dezember bis Mitte/Ende Januar gehen, einen dauerhaften Schaden hinterlassen? Ja, ich sehe manche nicken und wer jetzt genickt hat, schickt mir bitte Trostschokolade … dann fiel mir aber ein, dass es ja wieder kalt würde und ein durchgeknöpftes Kleid ist ja so was von unpassend. Nun überlege ich schon länger, mir Wallis’s Brautkleid als sehr, sehr lose Inspiration zu nehmen und ausgerechnet heute, kurz vor der endgültigen Verzweiflung postete eine meiner ultimativen Heldinnen ihr Januarkleid – Auftritt Constanze! (Und ich klau jetzt mal ihr Bild …):

Und was sah ich: den hochreichenden Kragen, der leicht ausgestellte Rock, die betonte Taille und sogar Ärmel, die denen meines Januarkleides ähneln – die könnte ich also einfach nochmal verwenden, was besser ist, als Krägen zu basteln, wenn sie einen hassen. Also irgendwie in die Richtung darf es gehen, aber natürlich ganz anders, weil es ja eh nicht wird, wie man es sich denkt. Wie ich es mir denke. Und weshalb erzähle ich euch das alles? Weil ich dann denke, ich hätte einen guten Grund gehabt, zu spät zu Bett zu gehen …



8 thoughts on “Sollte, wollte, müßte …”

  • Hey, da bin ja ich 😉
    Liebe Andrea, würde es dir was nützen, wenn ich dir den Schnitt ausleihe? Nur mal zur Ansicht und Inspiration…
    Es hört sich für mich an, als hättest du dir einen ausgewachsenen Nähkater eingefangen… Sowas grassierte ja letzten Sommer schonmal. Leider kann man da nicht soo viel machen, man muss es einfach aussitzen. Aber das du in Jogginghosen bis Mittags ungekämmt auf der Couch lümmelst, ist ein Bild, das einfach nicht in meinen Kopf passen will 😉

    Liebe Grüße
    Constanze

    • Hoffe, du hast dich nicht erschreckt so in voller Größe am falschen Ort zu sein 😉 Obwohl: ich wünschte ja, dein Ort wäre etwas näher an meinem Ort, dann wäre es weniger falsch.

      Und zu dem Bild in deinem Kopf: es war vielleicht noch viel schlimmer, denn ich hatte auch gerne noch eine braungraue Heizdecke um mich herum gewickelt. Einzig das Strickzeug in meinen Händen diente der Wiedererkennung und ich denke, die Männer hier im Haus haben nur aus Indizien geschlossen, dass ich hier auch hingehöre: sie sitzt auf Mutters Sofa, kocht unser Essen, meckert uns aus und strickt oder redet übers Nähen – könnte sie sein, muss sie dann sein.

      Wenn du mir vielleicht mal die Anleitung mit der Form der Schnittteile kopieren könntest oder mir verrätst, wie groß der Unterschied zwischen Hüft- und Saumweite ist, dann hätte ich schon alles, was mir weiterhilft. Oder du kommst in dem Kleid mal kurz auf einen Kaffee vorbei … 😉

      Und den Nähkater bekämpft man nur durch Aussitzen oder gibt es da sowas wie eine Nähgurke, ein Strickfrühstück oder sonst was, was man einnehmen kann? Bei dir gucken hilft aber auch schon.

      • Du darfst das, kein Problem :

        Hört dir etwa jemand zu, wenn du übers Stricken und Nähen redest? Ich bekomme da meist nur so Zuhörergeräusche, deshalb lasse ich es auch lieber bleiben.

        Du armes Hascherl, ich drück dich virtuell mal! Mit einer Heizdecke… dann muss es wirklich schlimm sein… Aber es gibt Heilung! Und zwar nicht in Form von Schokolade (ich wiederhole: Keine Schokolade, bloß keine Schokolade), es gibt was viel besseres: SCHUHE!!! Schuhe versprechen Heilung! Und zu neuen Schuhen brauchst du dann natürlich einen neuen Rock, da geht am besten ein bewährter Schnitt… und schon bist du wieder im Rennen 😉

        Ich werd mal schauen, ob ich das mit dem Kopieren hinkriege, hier in der Pampa gibts ja keine Läden….

        • 😀 Herlich, ich lache mich wach. Ok, keine Schokolade, du hast nur berechtigte Angst, dass ich dann in zwei Wochen hier nur noch rumjammere. Klug von dir. Schuhe sind mir ja gar nicht eingefallen und über einen Rock sollte ich wirklich mal wieder nachdenken (aber mir steht ja gar nichts, überhaupt gar nichts!!!)

          Musst du nicht kopieren, um Gottes willen keinen Aufwand. Einfach ein Foto würde reichen … (und soll ich dir das vom Bild schicken, kann ich mir so gut an dir vorstellen)

          • Ok, ich schick dir im Laufe des Tages ein Foto von den Teilen… Hab ich irgendwo deine Mailadresse?
            Herzchen, du hast so tolle Röcke, die dir einmalig gut stehen (Und du bist groß und schlank und hast tolle Haare und schöne Haut, das hätte alles viel schimmer kommen können, finde ich!) Und außerdem, denk doch mal an deine 40 kleinen 40er Pullis (hahaha), ich denke da besonders an den einen, der vorn so Schleifen oder Drapierungen hat, weißt du, welchen ich meine? Der ist klasse!

            Bei spartoo.de ist übrigens gerade Ausverkauf, da sind die Miss L fire dermaßen gesenkt… Man kann es kaum aushalten 😉

  • Klingt schlimm und es fällt mir schwer, mir dich ohne Rock/Kleid vorzustellen. Aber falls dich irgendwie tröstet, mir geht es nicht besser. Auf meinem Arbeitstisch liegt noch immer der halbfertige Strickrock (den, den ich verschnitten habe ;)), dabei bräuchte er keine 30 Minuten um endlich fertig genäht zu werden.
    Ich kann meine fehlende Motivation nicht mal auf schlechtes Wetter schieben (hier ist es geradezu heiss bei Temperaturen über 20º), höchstens auf noch nicht vollkommen auskurierte Grippeviren.

    Deine Idee für das Februarkleid gefällt mir aber schon mal sehr, sehr gut. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass ich das Hochzeitskleid auch toll finde und ich schon seit Ewigkeiten mal etwas ähnliches nähen will. Bis jetzt hat es nur zur eine Bluse gereicht 😉

    • Hi, Schönste – stell es dir auch lieber nicht vor, kein schöner Anblick. Selbst unsere Paketboten blickten mich tief enttäuscht oder gar schwer entsetzt an. So sehr, dass ich einem eine Erkrankung vorgeheuchelt habe – so weit ist es mit mir. Daraufhin schaute er mich nur noch sehr mitleidig an und als er am nächsten Tag wiederkam und ich es in Make up und Rock und Lockenwickler geschafft hatte, meinte er sofort: “Ach, schön, dass es Ihnen wieder besser geht.” Hmmm…

      Februarkleid ist ja sowas von ein Traum, ein ferner. Habe noch immer keinen Strich getan … aber bei 20 Grad sähe das bei mir bestimmt anders aus, hahahaha 😉

      • Ich war in der letzten Woche auch kein schöner Anblick 😉
        Ich schick dir aber gern ein paar Sonnenstahlen rüber, wenn dir das hilft. Und dann machen wir uns gemeinsam ans Schnitte konstruieren. Auf mich wartet nämlich noch ein schon gewaschener blau-grau-lila Wollstoff, der zu einem Kleid werden sollte, bevor es noch wärmer wird (also so in ca 2 Wochen ;))

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