Sommertag 1955 mit einer Spur 2012

Das Schöne am Selbernähen ist die Möglichkeit, die Schnitte in der Länge und Größe mit den Stoffen zu verwenden, wie man es sich wünscht. Das noch Schönere am Selbererstellen von Schnitten ist, dass man sogar seine Vorstellungen – im Rahmen des eigenen Könnens – verwirklichen kann. Seit einem knappen Jahr beschäftige ich mich mit der Schnittkonstruktion und das Einzige, was mir im Weg steht, ist meine latente Ungenauigkeit. Und meine zwei Jungs … 😉 In der einen Minute habe ich die genaue Zahl, die ich benötige, noch im Kopf – “1,24 cm. 1,24 cm. 1,24 cm. 1,2 – ja! Ich komme schon, was ist los? Lasst sofort die Schaufel liegen und schlagt euch nicht. Jetzt! Sofort! Aufhören! Brav. Ja, ich koche jetzt, sofort, kleinen Moment, ich muss nur noch … wie, was, achja: 1,44 cm. 1,44 cm.” – und bei der Anprobe wundere ich mich dann: “Hä? Aber – wie? Hä??? Verdammt!” Die Fehlersuche ist dann mühsam und unerquicklich, zumal ich den Fehler als allererstes in meinem offenbar galoppierenden Verfall suche, danach in meiner allgemeinen Blödheit und erst zuletzt an die Einflußnahme einer feindlich gesinnten Umwelt denke. Gut, körperliche Veränderungen spielen zur Zeit auch eine kleine Rolle und meine Neigung zu 100% Schnelligkeit und 97% Genauigkeit und 80% Perfektionsdrang ebenfalls. Aber trotzdem!

Nun sind in unserer Familie die Dinge eh alle ein wenig auf den Kopf gestellt und selbiger mit anderen Dingen beschäftigt, so dass ich mit dem Fehler in der Sommerbluse leben kann. Ich hatte im letzten Jahr schon eine Bluse im Kopf, die all die folgenden Details haben sollte:
Ärmellos sollte sie sein und hochgeschlossen mit kleinem Kragen. Tailliert natürlich, aber mit Fülle über der Brust. Falten sollten am Halsausschnitt aufspringen und für die Weite sorgen. Dazu bitte blau- oder rot-weiß-gestreift. Passenden Stoff hatte ich bald gefunden, aber da ich gerade beschlossen hatte, das Konstruieren zu erlernen und erst zum Herbst hin einen passenden Grundschnitt hatte, lag die Idee auf Eis. Bis ich bei meinen Inspirationsjagden durch die virtuelle Weite auf einen McCall’s Schnitt von 1955 stieß. Ebenso wie bei meinem gestreiften Hemdblusenkleid servierte mir das Schicksal genau und exakt das Bild, das ich vor meinem geistigen Auge sah. Und wie schön, den Schnitt nicht kaufen, ersteigern oder eintauschen zu müssen – einfach Selberzeichnen ist schon ein tolles Gefühl. Von dem wir dann den im ersten Absatz beschriebenen Fehler wieder abziehen 😉

Die Inkarnation meiner vagen Idee – seltsamerweise Jahrzehnte vor mir schon vorhanden. Das könnte Anlass zu allerlei philosophischen Betrachtungen geben oder einfach in der Feststellung gipfeln: “Es war alles schon einmal da!”

Heute morgen habe ich übrigens meine sehr verworrenen, von schlaflosen Nächten zernesteten Haare auf Heißwickler gedreht, für zehn Minuten nur – jetzt kämpfe ich noch mit dem Ergebnis 🙂

Ohne Sonnenbrille war es doch zu grell – man ist ja dieses Licht auch nicht mehr gewöhnt. Außerdem konnte ich mich nicht entscheiden, welches dieser Bilder am wenigsten schlimm ist und so bekommt ihr die ganze Ladung, ohne dass sich durch die Menge deutlich mehr erkennen ließe. Das Problem hat, wie letztens schon erwähnt, Lucia für mich gelöst und ich werde in den nächsten Tagen den Schnitt entsprechend verbessern und dann Nummer zwei nähen – entweder rot-weiß gestreift (allerdings sehr zart gestreift, das wird auf Bildern nicht viel ausmachen, nehme ich an) oder aber in weiß mit gelben Punkten, was mir weniger stehen wird, da der Stoff aus der Weite leider nicht weiß und hellgelb ist (was mir stünde), sondern wie Mangoeis wirkt – was mir nicht steht. Aber egal, egal – oder?

Achso, der Fehler: vom Kragen her zieht eine fiese Falte, die ein wenig nach hängender Schulter aussieht, die ich aber definitiv nicht habe. Auch die nach vorne geneigte Armkugel war nicht das Problem, da die Schulternaht dem perfekt angepaßt verläuft. Ich tippte auf zu engen Kragen, aber Lucia hatte die Lösung: aus irgendeinem Grund war die Naht zu steil – da fehlte was an der Außenseite. Und als ich meinen Schnitt noch einmal ansah, die Abnäher zusammen legte und mit meinem Grundschnitt verglich – da fehlten, weiß der Teufel, warum, knapp 3cm – die Schulterschräge der Vorderteils war in der Tat viel schräger als bei meinem Originalschnitt. Kein Wunder auch, dass die Armlöcher, trotzdem ich sie sie tiefer setzte, irgendwie immer noch knapp waren. Irgendwann habe ich beim Schneiden, Zusammenkleben und Abpausen den Schnitt wohl gedreht und falsch abgemalt. Wundert mich nicht – soviel Routine habe ich noch lange nicht, als dass ich es mir erlauben könnte, den Kopf dabei abzuschalten. Nochmals Danke als an dich, meine Liebe 🙂

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14 thoughts on “Sommertag 1955 mit einer Spur 2012”

  • Hallo Liebelein,

    Bild 3 gefällt mir am besten. Trotz aller Umstände strahlst Du so schön – das gefällt mir sehr!!!
    Und das Blüschen ist wirklich sehr schick geworden und sieht toll an Dir aus!
    Und während Du an sommerlichen Schnitten bastelst, nähe ich an der neuen Herbst/Wintergarderobe 😉

    Ganz liebe Grüße und eine Umärmelung schickt
    Simone

    P.S.: Hast Du am Kommentarfeld und der Schrift etwas geändert? Das ist bei mir angenehm groß.

  • also, diese falte kommt weder von der naht noch vom kragen.
    die ursache ist ziemlich eindeutig- falsche position deines armloches- zu hoch! und eventuell auch noch zu weit vom brustzentrum entfernt.
    wenn du dein arm senkst, zieht die ganze bluse leicht nach unten- ergebniss- entsteht schräge falte.
    falten entstehen immer als resultat von entweder zu viel stoff oder einem zug! um ursache zu finden muss man zum ursprung des zuges(also entgegen gesetzte richtung arbeiten).

  • ach ja! vergessen noch die zwiete ursache zu erwähnen, falls dein armoloch doch noch richtig sitzen sollte- dein halsauschnitt an dem vorderteil ist zu eng. wenn man mehr rausschneidet- legt sich das wieder.
    rausschneiden sollte man im bereich von schulter nach unten am hals herum(praktisch seitlich)

  • @Sewing Galaxy, ich muss dir widersprechen. Falten entstehen nicht nur durch zuviel Stoff. Sie können auch entstehen, wenn stoff an einer anderen Stelle fehlt.

    Michou hat doch bereits geschrieben, dass sie an der vorderen Schulter versehentlich 3cm abgeschnitten hat. Dadurch wirkt das Armloch zu klein (was es ja auch ist ;)) und wird ungúnstig nach oben gezogen.

    Würde sie nun die Schulternaht auftrennen und die fehlenden cm herauslassen, würde das Armloch wieder nach unten rutschen.

  • Ich widerspreche jetzt auch mal von wegen Falten und zu viel Stoff (aber vielleicht habe ich die zweite Ursache von wegen Zug auch nicht verstehen können): Falten entstehen auch bei zu wenig Stoff, das habe ich schon mehr als einmal erlebt und ist mir auch von der Schnittdirektrice so gezeigt worden. Mitunter ist es sehr schwer, beide Faltenwürfe voneinander zu unterscheiden – als ich mit dem Nähen begann und mich dann an Änderungen wagen wollte, war ich ständig hin und her gerissen zwischen zwei Möglichkeiten.

    Das Armloch ist natürlich enger, wenn oben etwas fehlt und klar entsteht da Zug. Im ersten Moment der Anprobe wurde ich schon panisch und meinte, ich müsse nochmals von vorne beginnen. Grundsätzlich ist es aber so, dass ich mein Armloch auch sonst gerne hoch habe – ich habe sehr schmale Arme und wenn es zu weit ausgeschnitten ist, dann rutscht alles nach hinten; nicht schön. Und meine älter werdenden Armansätze versteckt das hohe Armloch auch sehr freundlich; und dazu noch der Vintageaspekt – spricht also alles dafür 😉

    Zum Halsloch: ich wollte ja einen hochgeschlossenen Kragen und am liebsten hätte ich es noch höher und strenger. Nach vorne weiter runter zu gehen, würde mir für diese Bluse nicht gefallen. Nun ist das nach diesen Bildern aber auch schwer zu erkennen, welches die eingelegten Falten sind und welches die ungewollten sind 😉

    Lucia: Los, strick endlich was und habe damit ein Problem, damit ich auch was für dich tun kann 😉

    Simone: Frag mich nicht! In den letzten Tagen waren die Kommentare auf einmal alle winzig – und ich habe nichts daran getan. Ich wollte das ändern, nichts hat sich verbessert. Und heute auf einmal ist alles wieder schön – und im Formular springt einen die Schrift an! Aber laut CSS ist alles ganz gleich … ARGH!

    Hast du dir das mit den Stoffen überlegt? Dann solltest du mal vorbeikommen … locklocklock.

    Das Lächeln fiel etwas schwer, wir kamen gerade aus dem Krankenhaus und morgen ist die erste OP, die aber nicht an die eigentliche Ursache rangeht – da wissen wir immer noch nichts. Aber ich hatte auf einmal das dringende Bedürfnis, zu knipsen und zu bloggen… so konnte ich mir doch noch eine Umärmelung ergattern. Danke, du Süße!

  • @Lucia, das ist kein widerspruch, oder was ist die ursache vom zug? ich sagte zug oder zuviel stoff. deswegen gibts 2 art defekte- locker oder ziehend.

    allgemein hab ich zur behebung artikel zwar auf russisch gefunden, aber die bilder sprechen für sich- so wirds gemacht( bild 9 oder bild 13)

  • @michou
    das armloch kann so eng sitzen wie du willst- aber balance muss her- zum hals. d.h. man muss di höhe/breite auspendeln. und in deinem fall wenn armloch oben sitzt, muss etwas vom hals seitelich rausgeshcnitten werden.
    es wird noch ein aspekt seltens berücksichtigt:
    es gibt menschen mit runden hals und es gibt menshcen mit ovalen hals. die kurve des halsausschnittes muss deiner entprechend und radius/radien auch. das ist mathematik und da kommt man bei nähen nun nciht mal vorbei.
    ich weiß jetzt nciht, warum der link jetzt weg ist- aber diese informationen sind gold wert.
    auch für die anderen.
    es steht zu wenig über defekte der passform in den bücher. und in einem buch findet man schon gar nicht.

  • Sag mir, wann du Zeit hast und ich mache Platz für dich – wenn du magst, bring den Mann an deiner Seite mit und wir grillen nächste Woche mal; soll doch für sieben Tage Hochsommer sein 😉

    Ich würde mich freuen. Und da denke ich sofort an die schönste Joanna der Welt, die ich dann auch bald wieder sehen will – falls du das liest, ich melde mich nächste Woche ganz bestimmt wieder 🙂

  • Wow, einfach toll.
    Die feindlich gesinnte Umwelt sorgt hier auch dafür das in Sachen Schnittkonstruktion nichts mehr geht.
    Immerhin passen mir die “Japaner” ja recht gut und irgendwann ist der “Mamasupport” hoffentlich nicht mehr ständig gefragt.
    Liebe Grüße
    Arlett

  • ich habe keine ahnung was du mit den falten machen könntest *g*, aber ich muß dir sagen, mir gefällt die bluse auch so. und sie steht dir ausgezeichnet.

    liebe grüße
    anke

  • mir gefällts auch. ich finde es sehr ladylike und passend zu dir, soweit ich dich nicht kenne ;))
    und ich seh rein gar nichts von irgendwelchen falten die da nicht hingehören…aber ich kann auch keine schnitte konstruieren..weder auf deutsch noch auf russisch…

    du bist eine augenweide ! auch mit falten…!!!

  • Also mir gefaellt die Bluse/Rock-Kombi auch sehr gut; incl. der Inhalt trotz vermeintlich ‘disobedient’ Haaren – ungewohnter, aber trotzdem gut!

    Was die Streiterei von ‘zuviel oder zuwenig’ wegschneiden hier betrifft: sagt mir Bescheid, wenn ihr zu haerteren ‘Waffen’ uebergeht (Stoecke, Degen, Revolver u.ae.)
    Mir erscheint das im Moment eher als ein worttechnisches Beschreibungsproblem, wo entsprechende Bilder vermutlich wirklich von ein und demselben sprechen wuerden.

    Fuer Michou und das nunmal noch fuer eeetliche Jahre existierende ‘Ablenkungs-Risiko’:
    Kannst Du’s vielleicht mal mit dem alten Sekretaerinnen-Trick probieren: Spiralblock und Stift zusammenkoppeln und alles (speziell gerade gemessene Laengen …) kurz aufnotieren bevor Du zur Rettung der Jungs losstuermst?

    Bei mir gibt’s im Kommentarfeld auch noch immer ‘Blindeschrift-Groesse’ angezeigt – kommt aber wenigsten wohl im orig. Kommentarfeld dann ‘normal’ an = ist gut!

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