Stilfragen

Gut denn, ich fühle mich ermutigt – ich nehme an, dass in dieser Ermutigung ein gewißer therapeutischer Ansatz zu vermuten ist. Therapeutisches Nähen und Stricken betreibe ich schon, therapeutisches Putzen, Waschen, Bügeln ist bereits im Ansatz verfehlt und hat nicht einmal einen Placeboeffekt. Es ist seltsam, eigentlich, oder? Ich meine, wo ich das alles doch so gerne und so ständig betreibe … ha, ihr seht, ich schweife sofort wieder ab und ihr habt mich gezwungen, mich einem größeren Thema zu widmen. Es ist kaum zu erwarten, dass ich das kurz und knapp behandeln werde.

Das Thema Stil beschäftigt mich als Person fast mein Leben lang und als Bloggerin treibt es mich in den letzten Tagen erneut um. Ihr kennt das, das manchmal am frühem Morgen, während eines Elternabends, in der Supermarktschlange ein zu bloggender Gedanke auftaucht und einen verfolgt, nicht mehr in Ruhe lässt, bis er endlich, endlich in die Tastatur fließt. Und sich in meinem Falle verselbstständigt und mich auf Pfade führt, an die ich nun noch nicht denke. Ihr liebt das, vergeßt das nicht. Und das war keine Aufforderung, das war ein Befehl. Ich fühle mich heute dominant, irgendwie. Merkt man’s? Und weitschweifig, denn das ist der Grundsatz des therapeutischen Schreibens: finde einen Weg und verlasse ihn, wenn dir etwas einfällt. Lass alles fließen. Es wird erstaunen, zu lesen, dass ich durchaus in der Lage bin, auf den Punkt zu schreiben und das kurz und knapp. Aber schreibe ich ans Finanzamt? Nein, ich schreibe an mich und an viele kluge Frauen, die die gleiche Frage umtreibt: Was ist Stil?

Was fällt mir ein, wenn ich das Wort “Stil” höre?
Es gibt Stilfragen, Stilberater, Stilregeln, Stilbrüche.
Es gibt schlechten Stil. Guten Stil. Den eigenen Stil.
Es gibt den Schreibstil, den Redestil, den Kleidungsstil.

Spontan greife ich mal den Stilbruch heraus; ein Wort, dass ich nicht mehr hören oder lesen mag. Wann immer einer Moderedakteurin nichts mehr einfällt, weil das Getragene entweder schlicht scheußlich oder aber nicht in Schubladen einordbar ist, erfahren wir, das sei ein Stilbruch. Gerne gezeigt sind dann flimsige Blümchensommerkleidchen, die mit derben Schnürstiefeln und abgewetzten Jeansjacken getragen werden – ein alter Hut seit Beginn der 90er. Oder aber da zeigt ein Streetstyleblog eine Dame in grau, die einen kräftig bunten Gürtel und Gummistiefel trägt – ha, eindeutig ein Stilbruch! Seltsam mutet mich an, wenn bei einer Kombination von Tweed und Seidenbluse oder von Jeans und Ajourkaschmirstrick ebenfalls von Stilbruch gesprochen wird – so neu und so ungewöhnlich sind diese Kombinationen nicht. Aber es öffnet wieder eine Schublade und verunsichert diejenigen, die glauben, kein Geschick in Kleidungsfragen zu haben. Denn wir haben auch gelernt: wer die (Stil-)Regeln kennt, der darf sie auch brechen. Das sind natürlich nur die ganz Großen; zeigte Armani eine Mischung aus Tiger und Leo und pinken Rosen, dann ist das ein Traum der Sinnlichkeit (also, nicht dass so etwas bei ihm zu sehen wäre), tut das aber die Gemischtwarenhändlerin aus Wanne-Eickel, dann geht das gar nicht (wobei ich in diesem Fall mal unnachgiebig bin und meine: geht sowieso gar nie…).

Stilregeln ändern sich ständig und nur der Kenner, der Profi weiß, was gilt, was nicht und was zu brechen ist und wie. Viele von uns kennen noch Regeln wie “Grün und Blau trägt die Sau”, “Lila, der letzte Versuch” und “Der Mantel muss länger als der Rock sein”. Wenn wir mal etwas weiter zurück gehen, dann kommen wir auf Dinge wie
“Krokodil nur am Tage!” “Spitze nur am Abend, Pailletten nur nach Anbruch der Dunkelheit.” “Eine Dame verlässt das Haus nie ohne Strümpfe.” “Schuhe, Hut, Tasche, Handschuhe müssen zueinander passen.” “Ohne Hut nicht in die Kirche.” “Schultern zeigt man erst am Abend.” “Rot und Blau ist nur für Damen und Herren von Stande.” “Mammut passt nicht zu Krokodil.”
Heute ist höchste Individualität angesagt, theoretisch. Passen Schuhe und Tasche und Gürtel nun zusammen, so ist das “too matchy-matchy”, spießig und altmodisch, ein Spiel auf der sicheren Seite, kannst du das nicht besser? Aber kombinieren wie du lustig bist? Nein, wenn du das tust, solltest du dich schon von Modestrecken in Frauenmagazinen inspirieren lassen. Was im täglichen Leben zu seltsamen Ergebnissen führen kann. Zudem wird dir im Januarheft noch dies und das als neue Stylingregel verkauft, während das Märzheft das an irgendeinem Starlet als total daneben abqualifiziert. Noch dazu wirst du dich fragen, wann und wo du dies oder das wirst tragen können – dein Leben findet nun mal nicht auf dem Roten Teppich statt. (Und um genau diese Frage geht es mir eigentlich, aber ich will hier erst einmal die Grundlagen geklärt wissen – ich gehe hier sachlich vor. Jawohl!)

Von den Regeln zur Entscheidung Guter Stil – Schlechter Stil ist es nicht weit. Schlechten Stil verbinde ich persönlich aber nicht mit Kleidung, sondern mit dem eigenen Auftreten. Schlechter Stil ist für mich das Nichtschauen, ob hinter mir jemand durch die Tür treten möchte. Nicht aufzustehen, wenn der Bus sich füllt und ein älterer Mensch, eine Schwangere, ein kleines Kind stehen muss. Jemanden den Einkaufswagen in die Hacken zu fahren und sich nicht zu entschuldigen. Anderen Menschen ungefragt Kritik aufzudrängen (eine Ausnahme ist das Annörgeln des Gatten und die Zwangserziehung der Nachkommenschaft 😉 ). Sich wie ein Fähnchen im Wind jeder neuen Meinung anzuschließen. Und vieles mehr, die Liste lässt sich fortsetzen. Wenn solch ein schlechter Stil sich zeigt, nützt es auch nicht, wenn die betreffende Person perfekt gekleidet, frisiert und behangen ist; im Gegenteil hinterlässt das bei mir einen besonders schalen Geschmack im Mund …

Guter Stil hingegen ist etwas, wonach wir alle streben und das hoffentlich in jeder Hinsicht. Ich lasse den Bereich Sozialer Umgang nun aus, sonst kommen wir nie zum Ende; jetzt geht es um die äußere Hülle. Für mich bedeutet guter Stil eigentlich etwas klassisch-konventionelles. Damit meine ich nicht schwarzes Kostüm mit Perlenkette – obwohl es das sein kann – sondern eine Art sich zu kleiden, die nicht zu sehr heraussticht, nie vernachlässigt wirkt, unaufgeregt elegant ist und der Situation angepasst. Es wirkt nie verkleidet, nie gewollt und das wichtigste: es wird den allermeisten von uns gefallen, wenn wir die Person sehen, die ihn trägt. Das heißt: es ist eine Art sich zu kleiden, die niemandem weh tut. Damit fallen unglaublich viele Stilrichtungen heraus: der Punk hat alleine durch sein Aussehen provoziert. Der Teddyboy machte sich dadurch zum Außenseiter. Über den Dandy wurden Karikaturen verbreitet. Der Gruftie wird beäugt. Die Vintageträgerin von Großvätern angehimmelt. Und so weiter und so fort. Jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass manche schon den Kopf schütteln: “Darf ich jetzt nur noch im Kostümchen durch die Gegend stöckeln? Ist die bescheuert?”

Nein, bin ich nicht. Ich denke nur, dass wir uns erst einmal von dem Gedanken befreien müssen, dass man unbedingt in die Kategorie “Guter Stil” fallen möchte. Es gibt Frauen, die verkörpern den Guten Stil durchgehend, sind auch gar Stilikonen. Da fällt mir nun gerade vor allem Inès de la Fressange ein. Sie ist immer gut und unaufgeregt und passend gekleidet. Man schaut sie gerne an; überlegt womöglich gar, dass man – wie es einem immer vorgebetet wird! – wirklich gar nicht ohne eine gutsitzende, erwachsene Jeans, ohne weiße Hemdbluse, schwarze Chaneljacke und das kleine Schwarze auskommen kann. Um dann festzustellen, dass es an einem selbst eher langweilig, spießig, ungekonnt aussieht. (Von allen Bloggerinnen, die ich so verfolge, fällt mir hier Christel ein, die diese Art sich zu kleiden, auch gut verkörpern könnte. Was sie aber, welch Glück für uns, gar nicht muss, denn sie hat ihren ganz eigenen Stil gefunden.) Warum also sieht das an Mme de la Fressange so wunderbar aus und an mir nett, aber nicht strahlend? Weil in ihrem Fall Guter Stil/Eigener Stil ganz deckungsgleich sind. Das macht dann die Stilikone aus.

Für mich – und das muss ich mal wieder betonen: es ist nur meine Sicht und kein allgemein gültiger Stilregelkalender! – sind Guter Stil und Eigener Stil zwei verschiedene Dinge. Und beide sind nicht immer im ersten Anlauf zu erreichen. Der eigene Stil wird dann von anderen als Guter Stil wahrgenommen werden, wenn er zur Trägerin passt. Und zwar nicht nur zur Figur, sondern zur Persönlichkeit. Das wird man nur erreichen, ich werde mal boshaft (Therapeutisches Schreiben, ha!), wenn man eine Persönlichkeit hat …

So, das ist der Weg, der mir vorschwebt. Ich habe mal fünf Beispiele für euch von Bloggerinnen (die ihr alle kennt), die – meiner Meinung nach, Disclaimer, Disclaimer! – einen Stil verkörpern, der für andere leicht erkennbar und vor allem stimmig ist. Ich habe die Damen nicht gefragt, ob ich das darf, sie werden sich schon beschweren, wenn ich daneben liege 🙂 Ihr stöbert mal durch diese Blogs – also ihr, die ihr demnächst weiter über Stil lesen wollt bei mir, auf dass ihr weise und klug werdet. Und schaut mal ganz bewußt, ob es einfach nur Guter Stil ist (also ein Stil, der sagt: ich tue niemanden weh, Jackie Kennedy wäre auch ein gutes Beispiel) oder doch schon ein Eigener Stil, der nicht einfach so auf jemand anderen übertragen werden kann und der dem Auge nicht nur nicht weh tut, sondern Freude bereitet. Über Meinungen freue ich mich schon.

Steffis Nähfiddeley macht mal den Anfang. Den Blog habe ich noch nicht so lange auf dem Schirm, und erst gestern habe ich mal weit zurückgeblättert und ich bin so baff, wie sehr sie sich verändert hat. Hübsch und ausgefallen war sie wohl immer, aber doch nicht immer so ganz stimmig. Was aber nun in den letzten Monaten so zu sehen ist, ist schlicht der Hammer. Auch wenn ich das gar nicht gerne sage, weil es so nach Schublade klingt: es ist vollkommen egal, ob man ein Kilo mehr oder weniger hat – es geht. Ich schaue mir jedes Bild mit hüpfendem Herzen an, weil sie angekommen ist. Nun experimentiert sie sehr erfolgreich mit den Dreißigern, die ganz, ganz schnell nach Kostümfundus aussehen können. Tut es das bei ihr? Nein! Es ist ihr eigener Stil, ihre Persönlichkeit, die da rüber kommen. Ich empfange Humor und Wärme und Selbstvertrauen. Eine schöne Frau, die aus Versatzstücken der Vergangenheit etwas Eigenes geschaffen hat.

Allerleirauh bittet nicht nur zum Tee, sondern fast in eine andere Welt. Ihre Art sich zu kleiden, ist weder Heutiges noch Vergangenes, sondern ganz und gar Eigenes. Ich schaue sie an und träume mich ruckzuck in Feen- und Märchenwelten hinein. Guter Stil ist das sicher nicht, denn sie fügt sich gar nicht in ein Stadtbild ein. Sie ist ein Hingucker und ein freundlicher noch dazu. Kann ich sie mir anders vorstellen? Nein.

Christel darf nun auch nicht fehlen; sie hat es sogar geschafft, dass ich mich gerne an meine Kindheitsdirndl zurück erinnere, fast sehne 😉 Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber selbst stilistisch so unterschiedliche Kleider wie tailliert mit angekräuseltem Rock und kurze A-Linie sehen an ihr ganz nach ihr aus. Es ist ein Stil, der nicht mit einer Periode, mit einer Landschaft oder sonstwie in Verbindung gebracht werden könnte, aber es ist immer ganz Mimmi. Ganz große Kunst!

Periodisch festgelegter ist Miri, die die Vierziger bevorzugt und das sehr authentisch. Aber wiederum: was bei anderen schnell mal verkleidet aussehen könnte, ist an ihr modern und aufregend. Was immer sie in den letzten Jahren gezeigt hat und so oft sie auch sagen mag, das sei halt nur ihr langweiliger Standardschnitt: ich kenne niemanden, der aus einem Schnitt so viel Vielfalt heraus holen kann.

Was bei Miri die Vierziger, sind bei Eva die Sechziger – kein Wunder, wenn man den Mod schon im Titel hat. Nun ist sie da nicht festgelegt, bei ihr lassen sich alle Jahrzehnte finden. Aber was immer sie trägt, es ist sofort als “Ganz Eva” erkennbar. Ganz klar schaut man sich ihre Bilder auch nicht an und denkt: Nett …

Von Rotschopf zu Rotschopf: Simone ist ebenfalls angekommen. Was immer sie trägt (und ich durfte sich schon zweimal live sehen und kann sagen: ähm, die Bilder sind viel schlechter gar als die Wirklichkeit), es ist ihre perfekte Hülle.

Nun fehlen noch einige in dieser Liste, aber ich habe mir ein Limit gesetzt und wollte möglichst unterschiedliche Typen zeigen; das ist wohl gelungen. Denn keine von ihnen trägt etwas, was ihr im Sekundentakt durch den Baumarkt laufen seht. Sie sind positiv auffällig und ich bin dezent neidisch, was ich durch Lob zu verdecken trachtete. Aber das, was ihr da seht, ist das, worüber ich mir in der nächsten Zeit Gedanken machen möchte. Wer denkt mit?

Und jetzt ist es schon wieder sooo spät geworden und ich muss Klarschiff machen, denn ich darf heute abend jemanden kennen lernen, auf die ich mich so lange freue!! Klar, dass sie und ihr Gespons da nicht auf Krümeln treten und im Saft festkleben sollen. Machen eure Kerle auch soviel Dreck innerhalb zweier Tage???

Achso, noch ein PS: die Musterschülerinnen unter euch suchen sich unter dem Stichwort Farbe! in der Stichwortliste links noch einmal meine ungemein wichtigen Beiträge zum Thema Farbberatung heraus – gehört ja dazu. Hausaufgaben sind bis Montag spätestens zu erledigen. Sonst kommt die Stilpolizei. Oder so …

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5 thoughts on “Stilfragen”

  • Danke für Deinen anregenden Gedankengang, ich hab wirklich gerne gelesen, ganz oft den Kopf genickt und JA gesagt (vorallem beim Thema “guter Stil und Benehmen”) und einen ganz langen Kommentar begonnen, der sich dann aber so verrannt hatte, dass ich ihn gelöscht habe 🙂 Also nur so viel: In meinen Augen hast DU einen guten Stil und gehörst auch in die Linkliste!

    Und jetzt geh ich wieder los, meinen eigenen Stil suchen. Den hab ich nämlich noch nicht gefunden…

    Lieben Gruß, auch an den klebrigen Fußboden,
    Cati

  • jaaaha, Cati Basmati, darf ich Deinen Kommentar kopieren? Plus zwei Ergänzungen – Andreas Stil ist sowohl auch Gutes Stil als auch Eigenes.
    Und meinen suche ich nicht mehr :-(, hat sich so lange vor mir versteckt dass er jetzt ohne mich leben muss 😉 und ich ohne ihn …

    Joanna

  • Ich fühle mich sehr geehrt!
    Ich bewunder ja immer, wenn man sich sprachlich so ausdrücken kann. Spannend ist das was du schreibst.
    Ich bin ja nicht so der Kopfmensch, eher der Ichmachmalmensch und somit mache ich mir auch keinen grossen Gedanken über meine Stil. Ich trage einfach was mir gefällt und worin ich mich wohl fühle.
    Das ist wohl das Wichtigste für mich, dass ich mich verkleidetet fühle. Obwohl mein Stil wohl für den einen oder anderen Betrachter so rüberkommen mag.
    Aber da ich keine schlechten Erfahrungen mache, sondern immer mal wieder ein Lächeln geschenkt bekomme, denke ich, dass viele Menschen mich gerne ansehen.
    Menschen mit Stil sind eine Berreicherung für das Stadt-und auch das Dorfbild.

  • Erstmal vielen Dank … und ich würd mal sagen … Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. 🙂 Danke!

    Dein erster Artikel über Stil … Klasse! Sowas von gut geschrieben … ich konnte immer nur mit dem Kopf nicken.

    Lustigerweise geht es mir ähnlich wie Allerleirauh. Ich denke gar nicht all zu viel nach … ich mach einfach. Ich finde es höchst spannend nun zu lesen wie andere mich nun wahrnehmen. Immer wieder zu hören “Du bist angekommen”. Selber war mir das so gar nicht bewußt … aber beim Nachspüren … ja, tatsächlich … es fühlt sich genau so an.

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