Theorie. Und Praxis. Und Realität. Und ein Gürtel.

Vor knapp zwei Jahren, irgendwann im Januar 2012, war ich der Meinung, ich müsse wenigstens einmal wieder nach den 80ern mit dicker Wolle und entsprechenden Nadeln stricken. Grobstrick, Struktur, Zöpfe. Ausgerechnet von einem Schachenmayr-Garn ließ ich mich zur Mitnahme (und vorherigem Erwerb, nur, dass hier keinerlei strafrechtlichen Missverständnisse entstehen) überreden. Schachenmayr und ich, wir werden keine Freunde. Irgendwie fehlt mir da die Haptik, das Ansprechen der Sinne. Gut, der Großteil des Programmes ist eh Poly, aber das ist bei den Franzosen nicht anders und doch … aber ich will jetzt nicht über die unterschiedlichen Ansätze zweier europäischer Freundesstaaten in Bezug auf Woll(höhöhö)garnausstattung philosophieren.

Ich hatte also mein Vorhaben in die Tat umgesetzt und das sogar recht flott: 4 Tage und das Ding war beendet. Habe ich seitdem weiterhin Grobstrickpullis hergestellt? Habe ich nicht. Sagt uns das was? Tut es. Mag ich nicht. Dicke Nadeln mögen weder meine Finger noch meine Handgelenke, dicke Garne sind für mich als Dünngarnverwenderin weitestgehend unbeberechenbar, was ihr Verhalten beim Waschen, Trocknen, Tragen anbelangt. Und dazu habe ich es geschafft, eine Verzopfung günstig zu platzieren. Sie knubbelt und es gibt immerhin zwei Punkte am weiblichen Oberkörper, an denen wir keine weiteren Knubbel wünschen.
Außerdem habe ich die Armlöcher etwas zu tief gestrickt, was beim Armeheben dazu führt, dass das ganze Ding sich komplett hebt und dann – dicke Wolle gleitet wirklich nicht sanft über weibliche Formen, wenn es meine Hüften sind – dort hängen bleibt.

Um dieser praktischen Realität etwas von ihrem Stachel zu nehmen und das Ding meiner Idee, also der Theorie, ansatzweise anzugleichen, benötigt es einen Gürtel. Der alles dort hält, wo es hinsoll. Außerdem eine spezielle Ankleidetechnik, bei der Ärmel und Schultern 30 Sekunden lang dorthin gezupft werden, wo sie sein sollen. Geht sogar. Wenn man davon absieht, dass ein Gürtel über einem dicken Pulli und über einem hohen Rockbund aus ebenfalls nicht zartem Wollflanell schon einiges zu umfassen hat und die Trägerin (also mich) somit in eine möglichst aufrechte Position zwingt. Kann nicht schaden, dachte ich mir, bequem ist was für Anfänger. Was kann ich sagen als: ich habe mich in den letzten Stunden gewöhnt und naja, von Zeit zu Zeit kann es mal getragen werden, das Ding.

Aber noch ein ABER: blöde Kamera. Die ersten 6 Bilder komplett unscharf, die nächsten 6 besser, aber für eine detailgetreue Abbildung bei weitem nicht ausreichend. Gut, dann gucken wir heute einfach nur Farbe. Und unsichtbare Kinder, die aus dem Off heraus wundersame Dinge sprachen. Ich bin daher auf einigen Bildern nur physisch anwesend.

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Aber ich war auch ein bißchen brav heute und habe nicht nur mit einer Kamera geschimpft. Nein, ich habe auch ein wenig mit dem zukünftigen Kleid geschimpft. Dieser Stoff treibt mich eiskalt in den glühenden Wahnsinn. Klar, er darf fransen. Ein wenig. Von “Ich löse mich auf, wenn du mich anschaust” war aber niemals die Rede.

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Im übrigen wird es denn doch nicht gefüttert werden, das Kleid. Das könnte nämlich stramm werden … dazu dann mal mehr, sollte es fertig werden.
Fertig werden möchten übrigens auch Rock und Bluse (letztere wartet ja nun schon seit – ja, Moment mal, hmm … wenigstens vier Monaten).

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Ich muss halt einfach zu einer angemessenen Balance zwischen Selbstständigkeit bzw. das Erreichen selbiger, Haushalt und Kindern, Katzen und Gatten und Hobby finden. Aber Balance? Ist das eigentlich die richtige Vokabel? Ich denke, ich muss einfach jonglieren lernen.

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20 thoughts on “Theorie. Und Praxis. Und Realität. Und ein Gürtel.”

    • Meine Beste, du weißt schon, dass man mir nicht sagen darf, man könne nicht stricken? Nächstes Jahr lernst du es! Da hast du es 🙂 Und danke – ja, es geht viel besser heute. Auge zuckt ein wenig interessant herum, aber sonst bin ich wieder so fit, wie es nur geht 🙂

  • ja, jonglieren … oder nicht schlafen zu müssen – das wäre evtl. eine Alternative ….
    Aaber – was meinst Du mit “dicker” Wolle? Die sieht gar nicht dick aus … bestenfalls “worsted”, oder? (seit Ravelry kann ich Garnstärke nicht anders messen)
    LG
    J.

    Ps Du bist sehr fleißig und produktiv, ich ziehe meinen Hut hiermit !!! Chapeau!

    • Nein, ich bin null produktiv – 12 Bilder sind jetzt nicht so fantastisch 🙂 Lass den Hut man ruhig auf.

      Naja, wie dick ist das Ding, ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich habe mit NS 7 gestrickt, was ein wenig lockerer ist (weshalb man das weiße T-Shirt so apart durchschimmern sieht), aber auch so sein sollte. Das Garn waren – so meine ich – 50 m auf 50 g und das finde ich schon dicklich 😀

  • Ich habe mir bei 80er und Grobstick eine ganz andere Optik vorgestellt und bin überrascht, wie schön der Pulli aussieht. Allerdings stimme ich dir zu: Die filigrane Optik der 40er Modelle steht dir noch besser.
    Der eigentlich Knaller ist für mich die Bluse. Da habe ich ganz fasziniert die Luft angehalten, so toll finde ich das Design mit den Streifen. Hoffentlich wird die bald fertig!! Die ist für mich so ein Lieblingsteilchen in deinem Kleiderschrank wie das rot-weiß karierte Kleid.
    Liebe Grüße, Bettina

    • Die sieht aber auf der Puppe viel besser aus als an mir – an mir kommen da so leise 80er-Anklänge auf. Und der Stoff ist leider viel steifer als gewollt. Und die Schleife … ühm, groß …? Aber doch, sie sieht recht nett aus. Muss ja nur noch einen Ärmel dranpappen, ist das nicht peinlich?

  • Pulli , Gürtel und Rock gefallen mir sehr an Dir ( trotz Noppen am Ort wo sie nicht sein sollten 😉 ) . Vor allem die Farbzusammenstellung hat es mir sehr angetan und steht Dir vorzüglich . Und ja , ohne Jonglieren zu lernen geht es manchmal einfach nicht …
    LG Dodo

    • Danke dir, du Gute 🙂 Wollte eigentlich gerade zu dir, mal schauen – da kam aber die Mail, du habest mir einen Gruß hinterlassen. Du warst wieder einmal schneller, man sieht, meine Jonglierkünste sind bescheiden bis mäßig. Dafür bin ich heute hübsch bunt und wer mir auf die Noppen schaut, bekommt böse Blicke 😀

  • Dass das 7-er Nadeln waren, darauf kommt man aus der Entfernung nicht. Mir gefällt die Optik. Besonders schön finde ich aber das Spiel mit den Rottönen – wobei ich zugebe, dass mich das helle T-Shirt etwas stört. Nicht weil ich was gegen Transparenz hätte, sondern weil das Weiß so einen harten, fremden Ton ins Spiel bringt.

    Und wenn Du “den Königsweg” (TM) zur Life-Work-Balance gefunden hast, teile ihn bitte mit 😉 … gerade wir Selbständigen wären da sehr interessiert. Ich will ja nicht negativ sein, aber die Tendenz geht nach den ersten Anfängen eher in die andere Richtung …

    Viele Grüße
    Ursula

    • Das Weiß stört mich auch mächtig! War bzw. ist nur das einzige Langarmshirt, das ich besitze – ich sag ja: Schachenmayr. Nicht kuschelig … 🙂 Das nächste Mal leider ich besser ein bißchen und ziehe ein lila Hemdchen drunter. Wobei das sehr deutliche Blitzen der Kamera geschuldet ist.

      Ja, die richtige Balance … bei meiner ersten Selbstständigkeit hatte ich die irgendwie, wobei ich da auch Single war – mit Familie wäre das gar nicht gegangen. Und in den letzten Monaten, als ich mich jeden Tag um alles mögliche kümmern musste, war es schon mehr als nur grenzwertig. Jetzt muss sich erst mal zeigen, dass es überhaupt anläuft – das Nichtstun belastet natürlich auch. Aber nach 8 Wochen darf ich auch noch nichts sagen.

      Aber natürlich hast du mich neugierig gemacht: welche Selbstständigkeit ist es bei dir? Oder weiß ich das schon und habe es nur vergessen?

  • Die Bluse finde ich ganz toll. Fehlt doch nur noch der eine Ärmel, ansonsten ist sie doch perfekt. Bei dem Gedanken an einen 80er Jahre Pulli habe ich an so ein schrecklich weites Ding mit gewaltigen Schulterpolstern gedacht, aber Deiner ist doch sehr schön und figurbetont. Gefällt mir gut. LG Carolin

  • Tolle Farbspiele und endlich ist das Beweisfoto geschossen: rot mit rot geht genausogut wie blau mit blau – behaupte ich ja immer. Danke – ich drucke es aus und hänge es an den Kleiderschrank.
    Und wenn du mal echt-schlabbrige Pullis sehen willst: unterm Dach habe ich wohl noch zwei – äh drei, vier?. Ich mag sie nicht mehr anziehen, kann mich aber ob der Arbeit auch nicht von ihnen trennen, gerade weil sie mit dünner Nadel gestrickt sind. Dicke sind auch nicht so mein Ding. Aber bei mir reicht es sowieso nur für Socken, der Ausflug in den “Jodel-Sew-Along” hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Oder ich müsste mich endlich mal um eine passende Anleitung für einen gut sitzenden Pulli kümmern.
    Ja, und den Rest kenne ich nur zu gut, denn dieser Kommentar war die Jonglage des Tages, jetzt geht’s zurück zur Selbständigkeit.

  • Also erst war ich von den verschiedenen Rottönen etwas geblendet 😀 aber je länger ich das anschaue … das hat was. Dunkelrot mit leuchtend kombiniert, hätte ich mich nie getraut, aber es ist genial.
    Ich finde den gar nicht 80er, den Pulli, dafür sitzt er viel zu gut. 80er geht bis zum Knie und die Schultern hängen an den Ellbogen. Und man muss Leggins drunterziehen.

    • Die Rottöne sind ein wenig dezenter als auf dem Bild 🙂 Digis …
      Vor allem der Gürtel ist nicht gar so leuchtend Pink, aber ich liebe ja auch Kirschrot mit dunklem Lila und gestern konnte ich diese Farben auch wirklich brauchen.

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