Trägerkleid – Anfang

Trägerkleid
Es ließ mir keine Ruhe und so begann ich mt dem ersten Kleid diesen Jahres statt das letzte Kleid des vergangenen Jahres zu Ende zu bringen; um es aus den Augen zu haben, warf ich es in die Waschmaschine, um das Trocken- und Bügelverhalten des Stoffes zu testen.

Wenn ich einen Schnitt zeichne, gibt es zwei Möglichkeiten: ich versuche entweder, eine vage Idee einzufangen und teste malend verschiedene Formen und Linien aus oder aber ich habe eine Vorlage in Form eines Bildes oder einer Konstruktionsanleitung. Verblüffenderweise ist ersteres leichter. Wir alle haben so viele Zeitschriften und Filme angesehen, haben Schnittzeichnungen und Bilder und echte Kleider an echten Frauen betrachtet – da bietet das Gedächtnis genügend an Idee und manchmal sogar an Inspiration, um das aktuelle Traumkleid aufs Papier zu bringen. Da liegt der Grundschnitt vor dir und du schiebst und drehst und schneidest und klebst es so zurecht, wie du es möchtest. Es schadet sicher nicht, sich dazu auch mit Proportion und Wirkung zu beschäftigen, aber das führt heute viel zu weit.

Viel schwieriger finde ich es, eine (relativ) konkrete Vorgabe am eigenen, individuellen Schnitt umzusetzen. Manche Konstruktionsanleitungen arbeiten mit genauen Maßen, die nur dann das gewünschte Ergebnis erbringen, wenn die eigenen Proportionen mit denen der Idealfigur des Buches überein stimmen. Beispielweise ein deutlich tieferer Brustpunkt wird unschön mit einem zu hohen Miederteil kollidieren, wenn man die Maßangaben ungeprüft übernimmt. Ich weiß, wovon ich rede 😀

Ebenso ist es bei Modellzeichnungen wie der obigen. Bei meiner gestrigen Pinterest-Stöberei fiel mir dieses Trägerkleid auf: vor wenigen Wochen hatte ich einen wunderbaren, warmen, nicht zu dicken Wollflausch erstanden, aus dem eine Art Westenkleid werden sollte. Da es ja hoffentlich nicht ewig kalt sein wird, sollte ich mich beeilen, ihn zu verwenden und all das schoß mir beim Anblick des Schnittmusters durch den Kopf. Dieses Kleid also sollte, musste, würde es sein. Punkt, aus, basta!
Ein genauerer Blick heute morgen machte mir klar: so simpel und schlicht, wie ich es mir dachte, war es nicht. Die Teilungsnaht verläuft deutlich neben dem Brustpunkt und formt den Ausschnitt; weitere Abnäher waren nicht zu erkennen. Mit meiner Körbchengröße würde ich mit schummeln und schieben nicht voran kommen und so fing die Arbeit am Kompromiß an. Ich will diese Linie des Jahres 1940, ich will einen eher schmalen Ausschnitt und ich will, dass das Oberteil stark konturiert ist. Auf eine Taillennaht mag ich nicht verzichten, die etwas überschnittenen Schultern müssen auch nicht sein, da ich keine schultergepolsterten Blusen trage.

Im ersten Gang habe ich den Vorderteilgrundschnitt aufgezeichnet und dabei auch die Konturabnäher (siehe diesen Beitrag) eingemalt. Da der Halsausschnitt tief ist, braucht es auch hier einen solchen Abnäher: ebenso wie von der Brustspitze nach unten zu Taille gemessen wird, misst man auch vom Halsausschnitt zur Brustspitze; dort, wo das Lineal am weitesten vom Körper entfernt schwebt, wird der Abstand gemessen – vom Lineal zum Körper und von dieser Stelle zur Brustspitze. Eine gerade Linie führt vom Hals zur Spitze, an der gemessenen Höhe wird die gemessene Distanz eingetragen und dieser Punkt mit Spitze und Hals verbunden. Wann immer der Ausschnitt nun verändert wird, wird dieser Abnäher zugeklebt und dann erst der Ausschnitt eingezeichnet – so verhindert man ein Wellen und Abstehen des Ausschnittes.

Der Grundschnitt mit sämtlichen zugeklebten Abnähern sah dann so aus:

1821

Ganz perfekt lässt sich an meiner – im übrigen weihnachtsneuen – Schneiderpuppe nicht arbeiten, aber um den Sitz und die Proportionen zu überprüfen, reicht sie aus. Das Zuviel an Papier an der Taille muss jetzt mal ignoriert werden. Am Originalbild habe ich die Relationen abgemessen und auf meine Maße übertragen und von da aus verschiedene Ausschnitthöhen und -breiten getestet; entschieden habe ich mich für eine Tiefe von 12 cm ab Halsausschnitt in der VM. Für die Breite habe ich am Schulter-Hals-Punkt 1,5 cm nach außen abgetragen und von dort eine Linie zum Brustpunkt gezeichnet. Vom 12cm-Punkt an der VM habe ich eine Linie rechtwinklig gezogen, bis sie auf die erste Linie traf – somit weitet sich der Ausschnitt zur Brust hin leicht.
Den Armausschnitt habe ich um einen Zentimeter vertieft, damit (zukünftge) Blusen dort nicht knubbeln.

1822

Da der Stoff dicker als ein normaler Kleiderstoff ist, wollte ich keine weiteren Abnäher; mein Kompromiß zwischen Original und meiner Figur besteht nun also darin, die Teilungsnaht wie üblich über die Brust laufen zu lassen. Zuletzt habe ich die Schnittteile getrennt, abgezeichnet, mit Nahtzugaben versehen und grob an der Puppe getestet:

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Man braucht schon ein wenig Phantasie, um in dieser Mischung aus Rüstung und Dirndl obiges Modell wieder erkennen zu können; aber da ich keine Angst vor Reinfällen habe, lasse ich meiner Phantasie freien Lauf und behaupte: Das stimmt schon so.

Das Rückenteil wird übrigens auch mit Teilungsnähten gearbeitet; der hintere Halsausschnitt wurde ebenfalls ein wenig vertieft und alle anderen Änderungen an Schulter und Armloch wurden natürlich auch übernommen. Für ein Rockteil musste ich nicht schuften – es wird das gleiche sein, das ich beim letzten Kleid verwendet habe.

Und dann war ich fertig und saß ganz alleine zu Hause: damit hatte ich nicht rechnen können. Dieses Zeitgeschenk habe ich genutzt, um zuzuschneiden; ich kann mich nicht mal erinnern, wann ich zuletzt Papier- und Zuschnitt an einem Nachmittag geschafft habe. Wenn das Jahr so weiter geht, dann habe ich zu Silvester 15 einen vollen Kleiderschrank.

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6 thoughts on “Trägerkleid – Anfang”

  • Sieht ja echt vielversprechend aus – und ist dir auch recht flott von der Hand gegangen. ich wünschte, ich wäre auch so entscheidungsfreudig – ich hab hier nämlich auich einen grünen Wollstoff rumliegen^^
    Viel Erfolg beim Nähen – sollte ja dann in spätestens 2 Tagen fertig sein^^
    LG, Sandy

    • Wenn ich mich jetzt mal nicht selbst blocke, laufe ich fast zu alter Form auf: Oberteile sind beide gesteppt und gebügelt und werden gleich verbunden, dann geht es an die Röcke. Bin einfach zu neugierig, wie es sein wird.
      UND: die Familie entschwindet (hoffentlich recht bald) zum Schlittschuhlaufen und ins Kino!!!! Alleine!!!! Yay!

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