Unerträglich

Es wird persönlich und da möchte ich – ausnahmsweise – darum bitten, dass all diejenigen, die damit nicht umgehen können oder wollen, einfach diesen Post überspringen; irgendwann heute möchte ich gerne mal wieder etwas Fertiges zeigen und dann ist alles wieder fein. Also zumindest in dem Post dann …

In acht Tagen wird es neun Monate her sein, dass mein Papa abends gegen 18.00 Uhr aufhörte zu sein. Zu dem Zeitpunkt war es nicht mehr unerwartet, im Grunde hatten wir – seine Familie – es ihm seit Tagen gewünscht. Aber wenn es geschieht … es ist nicht Erleichterung, die man dann verspürt. Und ich habe sie bis heute nicht gefühlt. Natürlich wollte ich nicht sein Leiden verlängern, aber ich kann es noch immer nicht fassen, es nicht ertragen, dass es so kam. Dass er so krank wurde. Dass es so hoffnungslos war. Dass es so schnell ging, so unfassbar schnell.

Ich weiß, nun wird bestimmt jemand denken, ich müsse ja so langsam mal darüber hingweg sein und dass es gar nicht fein ist, dass ich das so ausbreite. Wer das denkt, bitte: einfach weiter gehen. Denn ich brauche das. Das Geschehen in Worte fassen, sie aufschreiben und wegschicken: ins Nirgendwo und zu ein paar Freunden. Oder zu Menschen, die Freunde sein könnten, weil sie Gleiches erlebt haben und es immer noch in ihnen wühlt. Oder weil sie wissen, man wird um die Erfahrung nicht herum kommen, einen Menschen zu verlieren.

Manchmal, wenn ich eine Autobiographie lese, einen Erfahrungsbericht, einen Artikel, was auch immer – wann immer ich etwas lese, in dem es um einschneidende Erfahrungen geht und der Erzählende sagt, diesen oder jenen Namen oder das Datum oder einen anderen Fakt werde er nie vergessen – dann wundere ich mich. Ich weiß nicht mehr, wie die Ärztin heißt, die ich ungespitzt in den Boden hätte rammen können, wenn es nur etwas genützt hätte. Auch nicht, wie die wunderbaren Pfleger und Schwestern und Ärtze hießen, die zuletzt für ihn da waren. Nur mit Mühe bekomme ich die Daten zusammen, außer dreien:

Am 18. Juli fuhr mein Vater zum letzten Mal selbstständig mit seinem Auto und das unter größeren Schmerzen, als wir ahnten und er wohl wahrhaben wollte. Am nächsten Tag ging er nach meiner Standpauke das erste Mal ins Krankenhaus, was ihn sehr große Überwindung kostete. Seit Wochen, Monaten war er bei einem Arzt in Behandlung, der die Schmerzen und den wachsenden Höcker in seiner Brust wohl als Alterserscheinung, als eine Mischung aus Verschleiß und Einbildung abtat. Alte Menschen gehen ja schließlich ständig zum Arzt, nur weil ihnen langweilig ist. Erst recht, wenn sie eine Vorgeschichte wie mein Vater haben: Tumor hinter dem Auge, OP, Auge erblindet, jährliche Kontrolluntersuchungen seit Mitte der 90er. Dann ein bösartiger Tumor in der Schilddrüse, OP, halbjährliche Kontrolluntersuchungen in der Röhre, die mein Vater nicht ertragen konnte. Nichts, was eine Rolle gespielt hätte – Elektrotherapie war der Weisheit letzter Schluß. An den Armen, da strahlt halt was aus. Eine Röntgenaufnahme, nachdem es ja nicht besser, sondern schlimmer und schlimmer wurde – hätte sie vielleicht noch etwas ändern können? Wir wissen es nicht und wollen es vielleicht auch nicht wissen.

Danach habe ich eine Lücke – ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß, wir waren manchmal gereizt und genervt, mein Vater konnte sich ranhalten mit dem Thema. Ständig forderte er uns auf, diesen Knubbel zu spüren – der Arzt meinte nun, es sei eine Verwachsung, die sehr oft bei jungen Frauen vorkommt. Mein Vater fand das nach außen hin manchmal spaßig, beschäftigte sich sehr mit der Diagnose, wußte bald alles darüber. Und vielleicht auch, dass es das nicht sein konnte. Aber ist man nicht froh, wenn die schlimmsten Ängste nicht bestätigt werden?

Wir konnten ihn überreden, doch noch einmal zu einem anderen Arzt zu gehen. Dem gefiel nicht, was er sah, mochte auch die Blutwerte nicht, aber wußte auch nicht so recht weiter. Schickte ihn durch ganz Bonn für Untersuchungen, sammelte Daten und Ergebnisse und wollte ihn am liebsten einweisen lassen. Die Arme meines Vaters schmerzten immer mehr, er konnte kaum noch etwas halten. Es stand das erste Mal die vage Möglichkeit im Raum, es könne wieder ein Krebs sein. Aber auch das machte noch keine zu große Angst: zweimal hatte mein Vater das überstanden und beide Krebsarten waren nicht zurück gekehrt. Hauptsache, man weiß endlich, was los ist. Aber was davon wann und wie stattfand, ich weiß es nicht mehr.

Die Sommerferien begannen in der 2. Juliwoche und die Jungs hatten eine Woche lang von morgens bis abends Tennis und ich weiß, dass ich beim Abholen mit einer anderen Mutter kurz ins Gespräch kam und sagte, es könne sein, dass mein Vater schwer erkrankt sei und dass mir das Angst mache. Oder war es später als in der ersten Ferienwoche? Es ist einfach weg, vernebelt und diffus.

Am 18. Juli hatte unser Jüngster seinen 6. Geburtstag und wie immer verlangte er sein Geburtstagsessen auf dem Chinesischen Schiff, das hatte fast schon Tradition. Natürlich mit Oma und Opa. Wir hatten schon überlegt, wie wir es anstellen würden, damit beide auch würden da sein können. Ich weiß nicht mehr, ob ich schon wußte, was war. Warum ist das weg? Anderes danach war schlimmer und ist noch klar … mein Vater wollte nicht von uns gefahren werden, er fuhr selbst. Und er sah gut aus. Mein Papa legte immer großen Wert auf Kleidung, liebte Borsalinos und Bally-Schuhe. Die er sich immer mal wieder leistete von schwer verdientem Geld. Und obwohl meine Mutter seinen Schnäuzer nie mochte, trennte er sich davon nicht – als ich klein war, war ich fest davon überzeugt: Echte Männer haben Schnäuzer und dunkle Haare.

An Tommys Geburtstag saßen wir das letzte Mal alles zusammen an einem Tisch. Kuchen bei uns wollte er nicht mehr, er wollte nach Hause, vollkommen erschöpft. Als meine Mutter am nächsten Tag in der Stadt unterwegs war, um ihrem älteren Enkel auch eine Uhr zu kaufen, rief ich meinen Vater an – er solle doch bittebitte sich wie vom Arzt gewünscht in die Klinik einweisen lassen – man könne dort viel besser für ihn sorgen, es sei doch zu anstrengdend, für jede Untersuchung unnötige Wege auf sich zu nehmen. Er wollte nicht, für ihn ist es unerträglich, mit anderen Menschen so eng zu schlafen, sich ein Bad teilen zu müssen. Ich fühlte mich gräßlich, als ich ihn dennoch dazu überreden wollte. Er wurde wütend und knallte den Hörer auf. Eine Stunde später rief meine Mutter an, mein Vater habe sich entschieden, doch ins Krankenhaus zu gehen, sie warte nur noch auf die Überweisung vom Arzt. Von einem Taxi wollte ich nichts hören, ich fuhr hin und brachte beide hin – die Klinik liegt nur den Hügel hoch am Ende unserer Straße, mitten im Wald. Die Aufnahme habe ich mit meiner Mutter erledigt und bin dann nach Hause. Es war ein Donnerstag, das weiß ich. Am nächsten Tag erfuhr zumindest ich noch immer nicht, was denn los wäre – man kümmerte sich erst einmal um die Arme und sprach davon, dass man die Ursache später herausfinden würde. Der rechte Unterarmknochen war nahezu komplett ausgehöhlt, was mit dem linken war – ich weiß es nicht mehr. Sollte er später folgen, reichte eine andere Behandlung – es ist weg. Am Montag sollte mein Vater operiert werden: der Knochen sollte wieder aufgefüllt werden.

Am Samstag davor kamen die Lindauer: die Schwester meines Vaters mit ihren Töchtern und einem Schwiegersohn. Eine Überraschung, die mich verwirrte – wie ernst ist es denn? Mein Vater fühlte wohl das Gleiche, denn als sie so unvermutet mit uns zusammen ins Zimmer traten, musste er nach dem ersten Erstaunen lachen und er fragte, ob es denn jetzt gleich mit ihm zu Ende ginge, da sie alle hier herum stünden? Das war das erste Mal, dass mir kalt wurde, dass ich hoffte, ich würde über dieses Erschauern ein halbes Jahr später lachen. Ich tat es nicht.

Die Operation verlief gut, man vermutete einen Krebs, aber alles schien immer noch in Ordnung zu sein, irgendwie. Man wußte nichts genaues und hektische Eile war auch nicht fest zu stellen. Auch mein Papa machte keinen trübsinnigen Eindruck, eher einen tyrannischen meiner Mutter gegenüber. Ständig hatte sie was zu besorgen, ständig rief er sie an, wenn sie nicht bei ihm war und orderte dieses und jenes, war ungeduldig und manchmal ranzig wie er es sonst auch konnte.

Nach einer Woche wurde er entlassen und hatte nun einen Termin bei seinem Onkologen, der ihn auch zuvor begleitet hatte. Knochenkrebs, das war es nun also, aber wie weit, wie schlimm, wie aggressiv? Mein Vater bekam Chemotherapien, Bestrahlungen sollten dazu kommen. Die nur am anderen Ende der Stadt durchgeführt werden konnte – Bonn mag ja als klein gelten, aber von unserem Ende bis zur gegenüberliegenden Seite – das war keine Spazierfahrt. Allein die Vorbesprechungen schlauchten ihn, wie er nach den eigentlichen Bestrahlungen dann sich fühlen würde, das mochten wir uns gar nicht vorstellen. Zu zwei Chemositzungen fuhr ich ihn und dann kam ein zweiter Augenblick, der mir eingebrannt ist: Mein Vater stieg mit Mühe vom Beifahrersitz und musste von dort aus eine kurze Treppe zum Haus des Arztes gehen. Er blieb am Treppenrand stehen, hielt sich am Geländer fest und sammelte Kraft – mich nahm er gar nicht mehr wahr in dem Moment und ich konnte nicht losfahren, ohne sicher zu sein, er kommt unten an – mitkommen sollte ich ja nicht. Da stand er, die Hand auf dem Geländer mir seitlich zugewandt, aber den Blick nach oben auf ein paar Vögel gerichtet. Gute Schuhe, Sommerhose mit Bügelfalte, Leinenblazer, Hut – für einen Moment kam er mir wie ein feiner, fremder und älterer Herr vor. Ich ermaß, wie schwer ihm der Krankenhausaufenthalt gefallen sein musste, wieviel Leid und Angst da war und wie sehr er das nicht wahrhaben wollte und konnte. Als ich zu Hause war, habe ich das erste Mal aus Angst geweint.

Nach den Sitzungen kam er kaum noch hoch, konnte zu Hause kaum noch etwas tun und meine Mutter konnte das nicht schaffen: ihn stützen und bei Laune halten. Ich fand, dass, auch wenn heutzutage wohl alles ambulant gemacht werden kann, das nicht ideal für meine Eltern war. Und nach einem Gespräch mit einer Freundin, die mit dem Arzt meines Vaters befreundet war, rief ich diesen an. Am 2. August kurz vor 8:00 Uhr morgens. Mein Vater sollte in zwei Stunden erneut in das weit entfernte Krankenhaus fahren und meine Mutter war nervös, wie es ihm wohl gehen würde danach. Und ich bat den Arzt, ob es denn nicht doch möglich wäre, in wieder einzuweisen, er könne das doch nicht schaffen… er unterbrach mich und meinte, es sei gut, dass ich mich melde, offenbar hätten meine Eltern in all der Sorge und Angst nicht mitbekommen, dass mein Vater heute nicht zu einem Gespräch, sondern zu einem dreiwöchigen Aufenthalt in die Klinik ging. Und dann sagte er mir, das sei die einzige Chance meines Vaters, es sei sehr spät, die Krankheit sehr weit vorgedrungen und wenn er das nicht mache, dann könne jederzeit alles passieren …
Ich habe meine Eltern angerufen, ihnen erklärt, was nun geschieht, dass ich sie abholen würde und habe aufgelegt. Und eine Stunde lang geweint, geschluchzt, geschrieen und mit der Fassung gerungen. Das erste, was mir auffiel: mein Vater hatte sich den Schnäuzer abrasiert – meine Mutter hattes es in der Aufregung nicht einmal bemerkt. Wieder so ein Moment, der mir Angst machte. Als wir ankamen, blieb mein Vater im geparkten Wagen sitzen, erschöpft und in sich gesunken, während meine Mutter einen Rollstuhl besorgte und ich die Aufnahme erledigte – solange ich etwas zu tun hatte, war ich gut. Ich war zuversichtlich, etwas ungeduldig und nahm alles in die Hand. Ewig lange saßen wir im Flur, weil das Zimmer noch nicht frei war. Der Einstieg war nicht gut – mein Vater war so unendlich weit weg und ich weiß noch, wie ich dachte: jedem Fremden, der so vor dir säße, hättest du schon längst einmal die Hand gestreichelt. Aber bei meinem Vater ging das nicht – es ist wohl die Generation meines Vaters und meine, die mit derlei Selbstverständlichkeiten eben nicht selbstverständlich umgeht.
Nach Stunden endlich war mein Vater in seinem Bett und wollte nur noch Ruhe. Ich bin mit meiner Mutter noch etwas in Godesberg essen gegangen und alles war so seltsam unwirklich. Am nächsten Morgen sind wir wieder hin und wollten meinen Vater etwas aufmuntern und wir waren froh, als er sagte, ja, er habe Appetit auf Eis, das Wetter sei so schön, wir könnten ja ins Klinikcafé hinunter. Als wir später nach Hause fuhren, waren meine Mutter und ich geradezu euphorisch: Gut sah er aus, gelacht hatte er, er ist kampfbereit – nicht heilbar bedeutet nicht gleich den Tod. Ich fühlte eine Last abfallen. Am nächsten Morgen sehr früh rief ich meinen Papa an, wollte wissen, wie er die Nacht verbracht habe. Es ginge ihm nicht gut, er wolle nicht mehr und er wolle auch nicht am nächsten Morgen wieder durch ganz Bonn gekarrt werden, nur um in die Röhre zu kommen. Die könne er nicht mehr ertragen und es sei auch egal, wo der Krebs herkomme. Er will nicht durch all das. Ich, seine Tochter, solle das verhindern und ihm einen Platz zum Sterben besorgen. Ich blieb ruhig und versprach es ihm. Es kam mir gar nicht in den Sinn, ihm das ausreden zu wollen. Und frage mich immer wieder: hätte ich das tun sollen? Hätte ihn das retten können? Wollte er etwas Aufmunterndes hören? Ich weiß es nicht.

Ich bin mit Steve hingefahren, die Kinder blieben bei Oma, und es war nicht leicht, an diesem Sonntag klar zu machen: er will nicht mehr. Man strich den Transport, mehr konnten wir nicht tun. Mein Vater war relativ entspannt, aber fühlte sich unwohl: er bekam Morphiumpflaster, die – wie mir der Arzt der Palliativstation ein paar Tage später erklärte – langsamer wirken, schlechter dosiert werden können und sich schlecht abbauen. Und für Angstzustände und Panikattacken sorgen. Am Montagmorgen, bevor ich wieder hinfuhr, telefonierte ich mit meinem Vater, er war aufgelöst, hatte Schmerzen und ihm war unerträglich heiß. Und litt unter einem Alptraum, in dem er nach Hause wollte und uns nicht mehr finden konnte. Wenn ich ihn bat, doch zu klingeln und zu sagen, er habe Schmerzen, dann weigerte er sich – ihm war das nicht nur unangenehm, es war zu anstrengend geworden. Als wir ankamen und mit der Stationsärztin sprachen, schien ich in einem schlechten Film gefangen: ich erklärte ihr, wie schlecht es meinen Vater ginge, dass er unter der Hitze leide, doppelt, weil ihm das Schwitzen peinlich ist, dass er einfach nicht sagen könne, er bräuchte dies oder das – ob sie bitte die Schmerzmittel höher einstellen könne und etwas zum Kühlen für ihn hätte.
“Gut, dass Sie mir das sagen, dann wissen wir BEscheid. Ihr Vater muss nur was sagen, dann machen wir das.”
“Mein Vater wird Ihnen das nicht sagen, er ruft mich an.”
“Ja, das müssen wir wissen, gut, dass Sie mit mir sprechen. Wenn ihr Vater mehr möchte, dann kann er das haben – er muss mir nur Bescheid geben.”
“Er wird das nicht tun, er kann das nicht, das liegt nicht in seiner Natur und das wird sich nun nicht mehr ändern. Er leidet, können Sie bitte etwas tun??”
“Ja, wenn er etwas sagt.”
“Ich unterschreibe Ihnen, was immer Sie wollen, können Sie bitte etwas tun?”
So ging das immer und immer weiter. Auch die Kühlung war ein Problem, denn er habe ein wenig Fieber, aber das sei im Griff, die Hitze sei nur subjektiv. Natürlich ist sie subjektiv, aber das ist doch egal, haben Sie etwas zum Kühlen? Dauerte auch eine halbe Stunde, bevor sie mir widerstrebend ein Kühlelement aushändigen ließ.
Der Kampf, meinen Vater von dort zur Palliativstation in unserem Krankenhaus überweisen zu lassen, war noch schlimmer. Aber ich merke nun, dass es sehr spät geworden ist, meine Tränen reichlich flossen und ich beim Gedanken an diese Ärztin in Wut gerate. Und dass ich mich dadurch wieder etwas besser fühle und mir das weitere Erleben für eine weiter Nacht aufspare, in der ich es nicht fassen kann, dass man weiter lacht und liebt und streit, sich freut und sich ärgert und dass dabei doch immer die kleine Stimme sagt: “Da war doch noch was … ?”. Es ist immer da, es ist immer unerträglich, tut weh und schmerzt. Aufschreiben hilft. Und den Mut zu fassen, von diesen Dingen zu berichten, hilft auch. Man steht es durch, denn so war es immer schon und wird auch immer so bleiben.



29 thoughts on “Unerträglich”

  • Liebe Andrea,
    mein Papa ist vor fast 3 Jahren gestorben – auch an Knochenkrebs. Bei ihm hat es allerdings 2 Jahre gedauert, 2 wirklich schreckliche Jahre. Und als er dann tot war, habe ich mir gedacht, dass ich nie wieder lachen kann, mich nie wieder über etwas freuen kann…
    Aber es ist wieder gekommen – und doch gibt es Momente, da schlägt es dich wie ein Hammer nieder und du willst dich nur noch in ein Eck verkriechen und schreien. Gerade gestern war es wieder soweit :(.

    Ich drück dich mal unbekannterweise.
    Liebe Grüße
    Patrizia

    • Liebe Patrizia,

      Ich danke dir sehr – wenn ich sowas lese, kullern die Tränen sofort. Zwei Jahre dagegen ankämpfen – das muss die Hölle für euch alle gewesen sein. Es wird sich wohl immer und immer wieder anschleichen und ich weiß garnicht, ob ich uns wünschen soll, es ginge weg? Solange es so ist, ist ja noch ein Teil von ihnen hier …

      Du hast mir gut getan, vielen lieben Dank.

      • Liebe Andrea,

        ja die 2 Jahre waren furchtbar – vorallem, weil es zwischendurch so aussah, als sei er geheilt… Doch dann kam der Krebs wieder und er hatte einfach keine Kraft mehr zu kämpfen. Wenigstens konnte er fast bis zum Schluss zu Hause sein, er kam erst an seinem Todestag in die Klinik.
        Jetzt nach fast 3 Jahren merke ich, wie wie die schlimmen Bilder und Erinnerungen langsam verblassen, die schönen aber wieder kommen :). Und wenn Sohn nach der Schule von Kopf bis Fuß bemalt heimkommt, dann lache ich und denke an meinen Papa, der beim Malen auch immer seine neue Hose mit verziert hat.
        Und so ist er irgendwie doch noch da…

        Liebe Grüße
        Patrizia

        • Wie schön, dass du mir einen Ausblick gegönnt hast auf die Zeit, in der man wieder entspannter ist. Danke noch einmal, das bedeutet mir was!

          • Liebe Michou,

            herzliches Beileid, so banal das klingt.
            Ich musste beim Lesen Deines Beriches daran denken, wie meine sehr geliebte Großmutter gestorben ist, das war vor einem Jahr. Ich merke, dass ich in diesem Jahr nicht darüber hinweggekommen bin, sie taucht immer wieder in meinen Träumen und in meinen Gedanken auf. Dir geht es sicher ähnlich.
            Aber erstens wird es, wie Patrizia sagt, wirklich besser und zweitens möchte ich Dich bitten, dass Du gut zu Dir bist und mit Dir umgehst wie mit jemandem, der in einem langwierigen, anstrengenden Heilungsprozess steckt. Sei gut zu Dir und gestehe Dir die Zeit, die Trauer und die Wut zu.
            Ich wünsche Dir alles Gute und schicke Dir Kraft.
            Susann

  • Liebe Andrea,
    ich weiss gar nicht so recht, was sagen soll, ausser, dass ich dich hier mal virtuell ganz fest drücke.
    Ich finde es ganz schlimm, wie in unserem Land kranken Menschen ihre Würde genommen wird, diese Kaltherzigkeit, die man so häufig bei Ärzten und Pflegepersonal antrifft. Ja, ich weiss, sie müssen sich schützen und sie berufen sich auf Vorschriften und Gesetzeund sie haben zu wenig Zeit … blablabla. Unsere medizinische Versorgung ist einfach zu sehr auf Technik und Funktionalität ausgelegt und dahinter kann man sich prima verschanzen. Das ist für mich der komplett falsche Ansatz, Menschen sind doch keine Maschinen, die man “repariert”, oder eben nicht :-(.
    Kaum wird man krank, ist man diesem System ausgeliefert und hat keinerlei Entscheidungsfreiheit mehr, was mit einem geschieht. Man weiss nicht, ob man die besten Behandlung bekommt oder ob es vielleicht Alternativen gegeben hätte, man weiss oft nicht einmal, was da gerade mit einem gemacht wird.
    Ganz schlimm, wenn man das als Angehöriger dann so miterleben muss.
    Alles, was ich dir hier an wohlmeinenden Ratschlägen geben könnte, hast du schon hundertmal gehört und gelesen, erinnere dich an die guten Zeiten, die du mit deinem Vater hattest und hab Geduld mit dir selbst. Du musst dich nicht selbst geisseln, dass du viel Zeit brauchst, diesen Alptraum aufzuarbeiten, du hast deinen Vater geliebt und es ist absolut normal, dass man dass nicht abschütteln kann wie ein nasser Hund. Und schreib dir deinen Kummer ruhig von der Seele, wer es nicht lesen möchte, muss ja nicht.
    Ganz liebe Grüsse,
    Ingri

    • Liebe Ingrid,

      du weißt, wie dankbar ich dir dafür bin. Zwei Stunden habe ich mir das gestern nacht von der Seele geschrieben und als ich dann da ankam, wo es um die Behandlung ging, die er erfuhr, merkte ich, wie dringend ich auch diese Wut loswerden muss.Damit bin ich noch nicht durch und ich werde das auch noch aufschreiben – es muss einfach raus und Schreiben, das bin ich nun einmal.
      Und lesen muss das niemand und wer es doch tut – ja, der gibt einfach ein bißchen Kraft ab. Danke.

      • Hallo Andrea,
        vor jetzt fast 21 Jahren ist mein Vater innerhalb von 4 Wochen im Alter von 55 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Als wir die Diagnose bekamen war es Mitte September und uns wurde mitgeteilt, dass mein Vater Weihnachten nicht mehr erleben würde. Unser erster Termin war an diesem Tag das Röntgeninstitut und der dortige Arzt schickte meine Mutter mit meinem Vater schon zum Auto und teilte mir die Ergebnisse alleine mit, um meine Eltern zu schonen. Mein Vater hätte es wohl nicht mehr verstanden und meine Mutter war schlicht überfordert. Zitat: Sagen Sie es Ihrer Mutter vorsichtig…. In der Klinik trafen wir dann bei der Aufnahme auf einen jungen Arzt, der wohl von Taktgefühl noch nichts gehört hatte. Obwohl ich ihm hinter dem Rücken meiner Mutter Zeichen machte, knallte er ihr ziemlich gefühllos die Fakten um die Ohren….. Aber das waren auch die schlimmsten Momente. Ab da waren wir, anscheinend im Gegensatz zu deiner Familie, in der Klinik gut aufgehoben. Man hat für meinen Vater alles menschenmögliche getan. Und das war wirklich nicht mehr viel…. Als es zuende ging, raümte man sein Zimmer und stellte für mich, meine Mutter und meinen Bruder ein Bett hinein, wir bekamen zu essen und zu trinken und wir fühlten uns sehr umsorgt….
        Ich kann gut nachfühlen, wie es dir geht. Es wird besser mit der Zeit, irgendwann kann man ohne Tränen an seinen Vater zurückdenken und auch wieder über ihn, seine guten Seiten und auch die Eigenheiten reden. Er ist immer da, aber der Schmerz lässt nach und die schlimmen Wochen verblassen, auch wenn man sie sicher nie vergisst.
        Ich habe noch nie so über diese Zeit geschrieben und jetzt geht es mir gerade doch wieder nah….
        Unbekannterweise drücke ich dich und denke an dich und deine Familie.
        Liebe grüße
        Monika

  • Liebe Andrea,

    nach 9 Monaten ist es nich nicht wieder besser, nach 9Jahren wird es immernoch weh tun. Meine Mutti ist nun schon 11 Jahre nicht mehr hier, und sie wird mir wohl für den Rest meines Lebens fehlen. Es ist doch, als ob jemand Deine Kindheit weg nimmt.
    Aber so fürchterlich verzweifelt, wie am Anfang bin ich nicht mehr, man sucht sich seinen Trost. Ich, indem ich mir sage, sie ist immernoch bei mir, irgendwo.
    Dann lacht man auch wieder, denkt nicht mehr jeden Tag an diese unsägliche Krankenhauszeit, es wird besser.
    Aber fehlen wird sie mir immer!

    Ich drücke Dich ganz feste und schicke Dir Trost!
    Deine Dana

    • LIebe Dana,

      es sind diese Erfahrungen, die andere gemacht haben und die sie mit mir teilen, die mir auch in der ersten Zeit am meisten geholfen haben. Zu merken, es geht anderen ebenso, es vergeht nicht einfach, es ist ein Schmerz, den man haben darf, den andere verstehen – ja, das tut gut. Es hat wohl was vom geteilten Leid …

      Wie sehr lieb von dir, dir die Zeit zu nehmen und mir Trost zu senden. Ich weiß das sehr zu schätzen, vielen vielen Dank. Schön auch zu wissen : man kann immer noch ein bißchen Madita behalten und zulassen – das möchte ich jetzt auch lernen 🙂

  • Du Liebe.
    Nach 9 Monaten fängt man erst an wieder zu denken. Begreifen… Was sind 9 Monate, wenn man jemanden liebt, vermisst und vorallem beschützen möchte?
    Und die Ohnmacht, es nicht zu können, ausser im besten Willen, in Liebe und Achtung zu handeln/gehandelt zu haben?
    Du hast deinem Vater einen großen Liebesdienst erwiesen. Seinen Willen erfüllt, seinen Wunsch nach Ruhe…und du wirst in 9 Jahren genau noch solche Gefühle haben. Nicht mehr so schwer, nicht mehr so verzweifelt, nicht mehr ganz allgegenwärtig, nicht mehr ganz so zweifelnd. Aber die Liebe bleibt. Meine Maus wollte Leben und ich konnte ihr nur weitere Schmerzen ersparen. Sie hatte keine Chance. Vielelicht wusste Dein Vater das auch und er konnte es sagen und du hast ihn ernst genommen. Du musst einen sehr guten Vater gehabt haben, denn nur dann kann man jemanden gehen lassen, weil man weiss, dass die Liebe nicht stirbt und man sie immer bei sich trägt. Ich schicke Dir viele gute Wünsche, frohe Momente der Erinnerungen und Arme die dich halten, wenn du traurig bist. Melle mit Falk & Mathis bei mir und meiner Hanna immer im Herzen

    • Heute komme ich nicht mehr so recht aus meinem Bett, weil ich so viel verarbeite und es fehlen so viele dabei. Ein Kind zu verlieren – das muss so unendlich schwer sein. Dass du dir die Zeit nimmst, mir zu schreiben und mir die Freundlichkeit erweist, von dir zu erzählen, ich kann nur immer wieder sagen, wie wunderbar ich das finde. Ich weine dabei wohl, aber es hilft so sehr. Zu lesen, es war richtig, ihn ernst genommen zu haben – Danke, danke dafür. Deine Hanna wird in dir viel Kraft und Liebe gehabt haben …

  • Liebe Andrea,
    ich drücke dich mal ganz feste. Bei mir ist vor 13 Jahren mein liebster Opa gestorben. An Lungenkrebs. Es ist nicht der Vater, aber ich habe sehr, sehr an ihm gehangen. Täglich denke ich an ihn und erzähle meinen Töchter gerne wie er war. Ich vermisse ihn wirklich.
    Nur allein schon der Gedanke, einen meiner Liebsten zu verlieren lässt mir die Tränen kullern- wie sehr muss der Schmerz erst sein, wenn es wirklich passiert? Ich kann es nur erahnen.

  • Liebste!
    Deine Trauer ist so überwältigend und nimmt dir so viel kraft aber sie muss doch irgenwie sein. Es tut mir sehr weh dich leidend zu wissen doch tun kann ich für dich leider nichts außer dir zu sagen das ich im herzen und Gedanken bei dir bin. Vielleicht gibts da ja doch dinge die wir (noch) nicht wissen….
    Du weißt ich stehe auf der Seite die manchmal helfen kann machmal es nur noch versuchen kann und manchmal nur noch lindern. Ich sprech weder für andere noch fühle ich mich angesprochen, aber ich denke doch dass alle in diesem Stand irgendwie helfen wollen und es versuchen. Es gelingt nicht immer. Dies ist meine tägliche Ambition und ich hoffe es gelingt oimmer öfter. Es tut dir weh aber es ist so schwer und alles richtig machen? Schafft keiner. Vielleicht solltetst du zu dieser Ärztin gehen und mit ihr reden. Vielleicht lindert ein Erkenntnisgewinn. Lass dir die Papiere geben. Und vielleicht lernt die Ärztin durch ein feedback denn selbstreflexion fehlt doch häufig. Doch den schmerzvollen Verlust must du trotzdem ertragen…. könnt ich nur was für dich tun. Und es dauert in seiner jeweiligen Ausprägung eben solange es dauert aber die Trauer wird für immer bleiben irgendwann erträglicher.
    Deine Sabine

    • Bei dieser Ärztin war alles hoffnungslos – sie wußte ja nicht einmal, was eine Palliativstation ist. Für sie war nur wichtig, den Patienten bei sich zu behalten und im hauseigenen Hospiz einzubunkern – dass meine Mutter dann nicht mal eben so würde kommen können, vor allem, wenn sie mich vielleicht nicht erreichen könnte. Mit Bus und Ubahn und Bus und zu Fuß war sie fast zwei Stunden unterwegs. Aber das werde ich bei Gelegenheit auch noch erzählen und verarbeiten. Diese Ärztin – nein, nicht jeder ist zum Lehrer geeignet, der es wird, nicht jeder ist ein guter Anwalt, egal wie gut die Noten waren. Bei Ärzten ist es nicht anders. Sie war jung, arrogant und hatte ein sehr sichtbares Problem damit, mir nur bis zur Brust zu reichen; rieb sich ständig genervt den Nacken vom Hochschauen, wütete meine hohen Schuhe an, bis ich kurz davor was, diese in den Gang zu feuern, die Knie einknicken zu lassen und sie zu fragen, ob sie sich jetzt endlich auf das Wichtige konzentrieren könne.
      Bei ihrer ersten Visite – in einem Raum mit drei Männern und deren Besuch – blaffte sie mich an, sie habe mit dem Patienten etwas zu besprechen, ich solle raus. Bitte, stöhn! Meine Mutter, noch vollkommen durcheinander, und mein Vater sagten gleichzeitig, ich sei die Tochter und die Ansprechperson und es wäre ihnen lieb, wenn ich blieb. Nein, so geht das nicht, Sie müssen raus. Die Besucher der anderen blieben, sehr diskret. Was immer man zu der sagte, es kam nicht an. Aber das berichte ich noch. Wie weit seid ihr mit eurer Palliativen? Das ist das Beste, was man machen kann.

      Liebste, ich weiß genau, wo du stehst und du weißt, dasss ich wünschte, du wärest näher – als Freundin und als Ärztin. Danke dir für all deine Fürsorge über die lange Zeit schon.

  • Deinen Text habe ich schon heute morgen unter Tränen gelesen, konnte aber nicht mehr antworten. Ich denke es ist gut das du alles aufschreibst und so versuchst deine Gedanken zu ordnen. Mach weiter, ich habe das Gefühl es tut dir gut.
    In meinem Job erlebe ich ja oft wie Alte/Kranke und deren Angehörige behandelt werden. Es macht mir Angst und ich mache mir oft Gedanken wie es wird wenn meine Eltern/ich in dieser Situation sind.
    Fühl dich gedrückt und ganz liebe Grüße
    Arlett

  • Ach, meine Liebe – jetzt habe ich überall Tränen fließen lassen, dass war mir heute nacht nicht klar. Es war kurz, bevor ich das Licht löschte, dass ich merkte: Jetzt ist gut, jetzt kannst du dir selbst sagen, was genau geschehen ist. Bis ich an den Punkt kam, an dem die Finger nicht mehr konnten und ich ganz entsetzt feststellte, dass ich es gerade mal zur Hälfte geschafft hatte. Ich bin noch immer erschlagen und vollkommen nutzlos heute hier herum getigert, aber es fühlt sich an, als hätte ich eine wichtige Etappe hinter mich gebracht.
    Andere zum weinen bringen, war kein Ziel; irgendwie dachte ich, wenn ich das nachts tue, dann schlafen alle und morgen früh setze ich schnell was neues oben drauf.

    Wenn man in die Situation kommt, ist es doch anders, als man dachte – mach dir nicht zu viele Gedanken jetzt schon, das nimmt nur gute Zeit weg! Hab Dank 🙂

  • Liebe Andrea,
    du kennst mich nicht… aber bitte lass Dich trotzdem drücken. Meine Mutter starb am 8.3. diesen Jahres. Sie war Montags in die Klinik eingeliefert worden, Donnerstags musste ich entscheiden wie es weiter geht….. Freitags war Sie tot.
    Ich weiss im Moment nicht, was schlimmer ist. Jemand den man liebt so lange leiden zu sehen, oder so unerwartet und keinen Abschied nehmen zu können.
    Liebe Grüsse Janine
    PS. ich lese regelmässig Deine Nähgeschichten

  • O mein Gott, es ist so frisch für dich, geht es dir einigermaßen gut? Es ist nichts, worauf man sich jemals vorbereiten kann: auf das Entscheiden müssen, auf das Abschied nehmen, auf die Trauer. Ich weiß auch nicht, was schlimmer sein mag: wenn ich denke, es ist doch gut, wenn man die Zeit hat alles zu regeln und dann hoffentlich in Frieden zu gehen oder gehen zu lassen, dann meine ich eine Minute später wieder, wie schlimm es ist, so sicher zu wissen, das war es jetzt und welche Qual in den Nächten vor allem auf den Leidenen warten mag und meine dann: wenn es schnell geht, wäre es besser. Aber was wissen wir, was schnell wirklich ist?

    Es tut mir so leid für dich und wünsche dir sehr, dass du Menschen hast, die es mit dir gemeinsam auffangen können.

  • ich finde einfach mutig dass Du das schreibst. Wir brauchen mehr solche Texte – ohne Entschuldigungen (soll jetzt kein Kritikpunkt an Dir sein!). Denn der Tod ist das einzig sichere in unserem Leben. Wir wollen das als Gesellschaft nicht wahrhaben, es wird gelogen und so getan als ob. Aber DAS ist die einzige sichere Sache in jedem einzelnem Leben. es ist schon erstaunlich dass man das Thema meidet und verschiebt. Es müsste viel präsenter sein. Und deshalb danke ich Dir sehr dass Du das mit uns teilst.
    Man wird den Tod nie lernen können – nicht theoretisch, und – denke ich mal – auch nicht praktisch – weil jeder einzelne ganz anders ist und anders sein wird. Und er ist auch unbekannt, daher angsteinflößend. Aber man kann versuchen die Tabuisierung zu minimieren.
    Ich hoffe das klingt nicht zu steif und kopflastig.

    Drücke Dich ganz fest und hoffe meine Dankesrede ist nicht falsch angekommen.
    Joanna

    • Joanna, du musst langsam wissen, dass es nichts gibt, was du sagen könntest, das bei mir falsch ankäme – dass du mir damals einfach ein Buch empfohlen hast, dass ich vor ein paar Wochen einer meiner besten Freundinnen mitgeben musste – das war richtig und gut und hat mir sehr geholfen, das um mich herum zu verstehen und zu akzeptieren. Jetzt ist es einfach noch die Wut und die Trauer, die ich formulieren muss – ich habe gar nicht die Wahl.

      Natürlich möchten wir nicht ständig darüber nachdenken, wir würden ja ersticken. Aber dass es heute gar keinen Platz mehr zu haben scheint, dass man als Trauernder immer das Gefühl hat, sich entschuldigen zu müssen, dass man manchmal meint, man müsse nach einem schulterklopfenden “Das Leben geht weiter!” sich zusammen reißen – da läuft etwas ganz falsch. Und solange wir so denken, wird es nicht mehr Einrichtungen geben, die helfen. Es sterben nicht nur die anderen, irgendwann betrifft es uns …

  • Ich kenne dich nur durch deinen Blog (den ich gerne lese). Und eben habe ich das von deinem Vater gelesen und – obwohl ich dich nicht kenne – würde ich dir gerne spontan die Hand über den Berg runter reichen (wir wohnen Richtung Eifel) und sagen: Schreib weiter.
    Schreib weiter und wüte und weine und sei traurig. Es muss einfach raus. Denn irgendwann kommt es sonst raus, irgendwann kannst du es nicht mehr einschließen.

    Meine Schwester ist vor vielen Jahren gestorben (mit Anfang 20) und ich habe vieles verschlossen. Und es hat mich Jahre später eingeholt.

    Liebe Grüße

    Sabine

  • Liebe Andrea,

    mein Vater starb – ganz plötzlich und unerwartet – als ich 23 war. Im Gegensatz zu dir, konnte ich aber nicht richtig trauern, vielleicht weil ich zu Anfang gar nicht richtig begriffen habe, was passiert ist. Ich weiß noch, wie ich mich auf seiner Beerdigung am Grab umdrehte, um zu schauen, wo mein Vater ist. Das hat mir große Probleme verursacht und mich buchstäblich krank gemacht. So schmerzhaft es vielleicht für dich ist im Moment, es ist gut die Trauer auszuleben, auf welche Art auch immer es für dich richtig erscheint.

    Auch wenn es in keiner Weise ein Trost ist: Dein Vater konnte seine Enkel noch kennenlernen, das ist schön! Ich weiß, meiner hätte sich das sehr gewünscht und wäre sehr glücklich über den kleinen Jungen, der jetzt da ist (er hätte immer gerne einen Sohn gehabt). Ich hoffe, er sieht es irgendwie, irgendwo.

    Fühl’ dich gedrückt.

    Andrea

  • Liebe Andrea,
    meine Mutter ist 1995 an Krebs gestorben. Drei Jahre zuvor fing es mit Brustkrebs an, am Ende hatte sie Metastasen überall im Körper. Wir wussten von Anfang an, dass es eine Frage der Zeit ist, und trotzdem ist man nicht auf den einen Moment vorbereitet, so sehr man es in seiner Verzweiflung auch irgendwie versucht.

    Danach empfand ich es als sehr schlimm, dass man abends irgendwann erschöpft einschlief, dass früh aber, wenn man aufwachte, der ganze Albtraum immer noch da war. Wie ein Schlag vor den Kopf. Es hat Wochen gedauert, bis ich nicht mehr abends meine verheulten zwei Stunden hatte. Und es hat bestimmt an die 10 Jahre gedauert, bis mich nicht mehr an Weihnachten, Geburtstagen usw. die große Traurigkeit überkam. Ich würde dir ja gern etwas anderes sagen, dir irgendwie Mut machen, dass es schneller geht, aber aus meinem eigenen Erleben heraus kann ich das leider nicht. Ich kann nur sagen, dass ich dir so vieles nachfühlen kann.

    Ich drück dich und wünsche dir weiterhin ganz viel Kraft und vor allem Geduld und Nachsicht mit dir selbst.

    Liebe Grüße
    Carola

  • Liebe Anderea !
    Ich lese erst heute mit Bestürzung bei Dir , dass es Dir so schlecht gegangen ist .Ich selbst hatte mich am 15. nämlich quasi vor meinem ungeliebten 60. Geburtstag “versteckt ” und war 2 Tage internet off . Zunächst mal : fühl Dich gedrückt von mir , falls ich das darf .Dann möchte ich Dir sagen , dass es die beste Idee war , Dir all das von der Seele zu schreiben . Kummer zu formulieren ist ein gutes Mittel , ihn nicht zu verdrängen , sondern abzuarbeiten . Und das ist glaube ich etwas , was unsere schnelllebige Gesellschaft heute leider überhaupt nicht mehr akzeptiert oder in Betracht zieht . Dabei muss Trauer wirklich bearbeitet werden , und es braucht seine Zeit . Früher trugen die engsten Angehörigen 1 Jahr Trauerkleidung . Das war m. E. ein gutes , leider in Vergessenheit geratenes Ritual, dem Trauernden die Möglichkeit zu geben zu signalisieren : Ich habe da eine traurige Baustelle , die ich bewältigen muss( lass mich also in Ruhe / hilf mir ) Gleichzeitig auch eine gute Zeitvorgabe , weil Trauer nicht mal eben in ein paar Wochen erledigt ist.
    Ich persönlich erlebe gerade den sehr langen Abschied von meiner Mutter , deren Geist immer weniger wird , und die so gar nicht mehr der Frau ähnelt , die früher meine Mutter war – manchmal wünsche ich mir ein schnelles Ende , aber wir wissen alle nicht , was besser für denjenigen und auch für uns ist . Bei meinem Vater machte ich die Erfahrung eines sehr schnellen unerwarteten Endes , und im nachhinein betrachtet war das auch nicht besser zu verkraften . Vielleicht müssen wir wieder lernen , dass auch wenn um uns herum Geschwindigkeit immer mehr das Leben beherrscht , dass die wirklich wichtigen Dinge des Lebens Zeit brauchen , durchlebt werden müssen und dass man vor allem so wichtige Dinge wie Trauer nicht entschuldigen oder verstecken muss
    liebe Grüsse Dodo

  • Hallo Andrea!

    Unter Tränen habe ich gerade deinen Text gelesen und möchte, auch wenn dein Artikel schon einige Tage her ist, dir gern einen Kommentar hinterlassen. Da wurden bei mir so viele Erinnerungen wach. Auch mein Vater hat einen Schnäuzer und dunkles Haar. Die Hilflosigkeit gegenüber den teilweise sehr überheblichen Ärzten. Die Wut. Die ständige Angst um meinen Vater, die mich über Monate hinweg begleitet hat. Die Gerüche. Die Fassungslosigkeit. Vorweg: meinem Papa geht es heute wieder gut und er ist gesund. Dafür bin ich unendlich dankbar.

    Ich finde es richtig und wichtig, dass du deine Gefühle aufgeschrieben hast, das hilft dir hoffentlich bei der Verarbeitung deines Verlustes. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Verdrängen eigener Gefühle nicht gut ist.

    Wenn ich darf, möchte ich dir unsere Geschichte erzählen: 1977 wurden meinem Vater 2/3 seines Magens entfernt und 2007 sollte in einem Routineeingriff nochmals ein kleiner Teil, entfernt werden, da die Operationstechniken 30 Jahre zuvor noch nicht so ausgereift waren. Eine Woche sollte er im Anschluss noch zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Aus diesen 7 Tagen wurden im Endeffekt 18 Monate Klinik und Reha. 18 grausame Monate voller Angst.

    Da das KH zu diesem Zeitpunkt Bettenmangel hatte wurde er bereits 4 Tage nach der OP entlassen. Mit 2.5 Litern Eiter im Bauchraum, die nicht entdeckt wurden. 2 Tage nach der Entlassung brachten wir ihn mit fast 42 Grad Fieber wieder ins KH, aus Platzmangel musste mein Papa 2 Nächte im Stationsbad unter unwürdigen Bedingungen liegen. Insgesamt musste er noch 7 weitere Male operiert werden und es stand mehrmals auf der Kippe, ob er überhaupt überleben würde. Nach der fünften oder sechsten OP lag mein zuvor immer großer, starker, sportlicher Vater vor Schmerzen schreiend im Fieberwahn vor mir. Abgemagert (er war nie übergewichtig und hat in der Zeit fast 40 kg verloren) und von den Schmerzen gezeichnet. Ich – bzw. Wir, meine Mutter, mein Bruder und ich – fühlten uns so unendlich hilflos und allein gelassen. Von den Ärzten wurden wir harsch abgekanzelt: er könne gar keine Schmerzen haben, bei der Menge an Schmerzmitteln, die er bekäme. Nach zwei quälenden Tagen stellte sich heraus, dass beim Übertrag des Krankenblattes die Schmerzmittel vergessen wurden und er somit mehrere Tage überhaupt keine erhalten hatte. Furchtbar!

    Nebenbei: Gegen Ende des Klinikaufhaltes hat mein Papa sich übrigens nach über 35 Jahren auch erstmals den Schnäuzer abrasiert und meine Mutter hat es zunächst nicht bemerkt 😉 Als ich ihn nach dem Grund fragte, meinte er, dass er es aus Frust getan hätte. Dass er es leid sei auf andere angewiesen zu sein und viele Dinge nicht selbst entscheiden zu dürfen.

    Den eigenen Vater so leiden zu sehen, hat bei mir tiefe Narben hinterlassen. Er selbst erinnert sich gar nicht mehr richtig daran und kann nicht nachvollziehen, dass ich heute, knapp 6 Jahre danach, immer noch daran zu knabbern habe. Sogar mehr als damals. Ganz plötzlich habe ich Jahre später Probleme, deren Wurzeln in 2007 liegen. Ich habe das Vertrauen in Ärzte und Kliniken vollkommen verloren, hatte im letzten Jahr mit Depressionen, Panikattaken und ständiger Angst vor Krankheit und Tod zu kämpfen und bin jetzt in therapeutischer Behandlung. Ich trauere, obwohl ich keinen „richtigen“ Verlust erlitten habe, denn mein Papa lebt noch. Diese Trauer zu erkennen und zu akzeptieren ist mir schwer gefallen.

    Was ich dir damit sagen möchte: Schreibe und spreche so oft es geht über deinen Papa, deine Gefühle und deinen Verlust. Verdränge diese Gefühle nicht und friss deine Trauer nicht in dich hinein. Du hast jedes Recht diese Gefühle zu artikulieren wenn dir danach ist. Nimm dir die Zeit zu trauern und deine Wunden zu heilen. Dafür gibt es keinen Zeitplan.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Fühl dich gedrückt,
    Verena

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