Was ist schon ein Millimeter … (und HV der hoffentlich Letzte)

Wie lange brauche ich, um einen Rock aus sieben Bahnen zu zeichnen und zu nähen? Vernachlässigen wir mal den Zeitraum, den ich für das Erstellen und Anpassen des Grundrockschnittes benötigte und schauen auf die Tage, die bis zum Zeigen der folgenden Bilder vergangen sind:

Freitag nachmittag: Erstellen des Schnittes mit Abzeichnen, Schneiden, NZ und Markieren.
Freitag abend: Stoff bügeln, Schnitt auflegen und ausschneiden, Markierungen übertragen.
Samstag morgen: Rückwärtige Bahnen zusammen nähen und – ha! – RV einsetzen.
Samstag spät abends: Vordere Bahnen und Vorder- und Rückseite zusammen setzen.
Sonntag früh morgens: Längsnähte versäubern. Beleg ansetzen. Anprobe – die erste mit Tageslicht, aber schon mit einem unguten Gefühl. RV raus und erneut einsetzen. Keine wirkliche Besserung.
Sonntag mittag: verzweifelter Blognotruf.
Sonntag abend: RV raustrennen, Kanten verstärken.
Montag nachmittag: RV einsetzen – keine Verbesserung. RV raus und RM-Naht komplett auftrennen.
Dienstag vormittag: RV eingesetzt. Und wie?

Unter Berücksichtung aller Kommentare habe ich die Naht enger zusammen genäht, um den verbügelten Stoff zu retten. Der Unterschied zwischen links und rechts beträgt nun einen Zentimeter … Wieder Kantenverstärkung aufgebracht, den RV-Schlitz gekürzt, RV eingeheftet, die Kanten DANACH mit Heftfaden verbunden, RV von der linken Seite auf jeweils von unten eingenäht – glatt. Zwar ziehen sich die Kanten nun wieder ein wenig auseinander, aber damit werde ich nun gut leben können – dass das Ganze überhaupt zu retten war, ist mir Glück genug.

Vor allem habe ich gelernt, was NICHT klappt (bei mir!):
Den RV einnähen, während die Kanten noch durch große Stiche verbunden sind – ich schaffe es nicht, ihn wirklich mittig zu legen, wenn ich die darunter liegende Öffnung nicht sehen kann.
Den RV in geöffneten Zustand einsetzen. Ab einem Punkt ist der Reißer im Weg und egal, wie sorfältig und sanft ich versuche, ihn am Fuß vorbei zu hangeln – es ist immer in der Naht sichtbar und vor allem am verschobenen Stoff.
Auf der Stoffseite nähen – ich kann tun, was ich will: hier schiebt meine Maschine (was sie sonst nicht tut – vielleicht ist der RV-Fuß schuld?).

Diesmal bewährt hat sich (wiederum bei mir!):
Die Kanten mit Kantenband verstärken – nachdem sie umgebügelt sind! Den RV von oben nach unten feststecken, dann heften. Anprobieren: glatt? Wenn ja, verbinde ich nun die Kanten mit Kreuzstichen – dabei dürfen sie in Zukunft ruhig noch stärker gegeneinander stoßen. RV dann auf der Innenseite jeweils von unten fest nähen.

So, und damit soll es mit diesen Dingern genug sein. Bis die nächste Katastrophe unserem Tisch weitere Bißspuren bescheren wird …

Was mich heute aber beschäftigt, ist der kleine Millimeter. Wie wichtig kann ein Millimeter beim Nähen sein? Wenn es sich nur um einen Einzigen handelt, der mal hier, mal da auftaucht – nein, der wird uns nicht allzu viele Probleme bereiten. Auch bei einem schmalen Rock aus drei Bahnen mag er sich noch unauffällig verhalten. Aber zeichne ich nun einen Rock mit sieben Bahnen, da stellt sich die Angelegenheit schon anders dar. Beginnen wir vorne:

Ich zeichne nach meinen Maßen der ersten Grundschnitt mit minimalen Zugaben – beim Konstruieren werden an der Taille in der Regel keine Zugaben gestattet, denn durch die entstehenden Kurven und Biegungen kommen die von ganz alleine dorthin, wo sie gebraucht werden. Diesen ersten Schnitt versehe ich für einen Proberock mit NZ von 1,5 cm. Der Proberock passt ohne Änderung, also verwende ich den ersten Grundschnitt, um daraus eine Schablone zu basteln. Die schon minimal größer wird durch das Auflegen und Abzeichnen (statt Bleistift verwende ich Tintenstifte mit ultradünner Spitze und setze diese Spitze beim Zeichnen diagonal gegen den Schnitt).

Für einen “echten” Schnitt umrande ich nun die Schablone (und gewinne wiederum 1mm rundum), schneide diesen Schnitt für die Bahnen entzwei und verwende die nun entstandenen Schablonen wiederum zum Abzeichnen. Nun wird die NZ angefügt – und halte ich das Lineal wie bislang auf 1,5 cm, dann beträgt die NZ schon minimal mehr. Schneide ich nicht ganz genau auf der Linie aus, wird wieder Menge angefügt. Liegt der Schnitt endlich auf dem Stoff, so schneide ich neben dem Papier, wenn auch so dicht wie möglich. Und so summiert es sich. Lasst bei alldem pro Naht einmal nur einen Millimeter dazu wachsen, dann macht das bei sieben Bahnen schon 1,4 cm.

1,4 Zentimeter, die erklären, weshalb der eigentlich hoch sitzende Rock bis auf die Taille herunterrutschte und der RV so sehr zu lang wurde. In diesem Fall aber hatte ich dadurch die nötige Menge mehr, um den Rock doch noch retten zu können 😉

Aber so lerne ich weiter dazu: bei Kleidungstücken, die Längsnähte enthalten, werde ich die NZ beim Anzeichnen auf 1,4 reduzieren, sie aber mit 1,5 nähen. Clever, hm? Hoffe ich zumindest, wird sich zeigen 😉 Und wie immer ist meine Dreiviertelstunde vorbei – das Schulkind muss gleich abgeholt werden! Ich kann nur noch laut “DANKE!” in die Runde rufen, weil jeder einzelne Kommentar hilfreich war – ich bin wahrhaftig weiter gekommen. Kuss und Schluß 🙂

Diese Beiträge könnten dich interessieren:



5 thoughts on “Was ist schon ein Millimeter … (und HV der hoffentlich Letzte)”

  • Deine Reissverschluss-Leidensgeschichte könntest du glatt aus meinem Tagebuch abgeschrieben haben, ich kann sehr gut mitfühlen, wie frustrierend das ist. Nur dass ich zusätzlich noch den Arbeitsschritt “über die Zähnchen nähen und wieder raustrennen” eingebaut habe als Beitrag zur sinnlosen Freizeitgestaltung. Wenn’s dir also noch nicht reicht, könntest du das auch noch probieren 😉

    “Die Kanten mit Kantenband verstärken — nachdem sie umge­bügelt sind! Den RV von oben nach unten fest­stecken, dann heften. Anpro­bieren: glatt? Wenn ja, verbinde ich nun die Kanten mit Kreuz­stichen — dabei dürfen sie in Zukunft ruhig noch stärker gegen­ein­ander stoßen. RV dann auf der Innen­seite jeweils von unten fest nähen.”

    Ich mache es genauso und ziehe die Heftstiche schön fest zusammen. Und wenn du dann nicht ganz so nahe an den Zähnchen nähst, dann stehen die Stoffkanten hinterher auch nicht auseinander.

  • Hach, da siehste mal wieder, wofür so’n Internet jut iss 😉 Wie oft stehe ich vor einer Sache, die einfach und einfach nicht will und komme mir nur dumm vor, denn wohin man schaut, scheint es ja zu funktionieren.
    Früher habe ich dann im eigenen Kämmerlein gewütet und war tagelang nicht ansprechbar, bin von Buchladen zu Buchladen gerannt und versucht, geübt und gemacht, bis es endlich ging. Oder ich es satt hatte.
    Heute schreibe ich mir den Frust von der Seele und im Idealfall passiert zweierlei: es rufen ganz viele “Hier! Kenne ich auch!” und schon fühle ich mich gar nicht mehr dumm und alleine. Und dann wird mir noch erklärt, wie es klappen könnte und ha! Schon bin ich auch nicht mehr dumm!
    Das einzig dumme an der Sache ist, dass es mittlerweile einen ganzen Sack voll toller Frauen gibt, die ich am liebsten alle hierhin einladen würde, um die ganze Nacht durch zu schnacken, zu futtern, zu stricken, um Filme zu schauen und Musik zu hören. Virtuell ist das ein wenig schwierig.

    Im übrigen, liebe Ingrid, bin ich ja sehr angetan von der Tatsache, dass du immer mehr zur Strickerin mutierst – Nähen und Stricken verlangen doch heftig nacheinander, insbesondere, wenn es um die 30er und 40er geht 😉 Weiter so!

  • hallo, ich habe jetzt nicht alles durchgelese, nur mal schnell ueber die bilder geschaut. mein vorschlag waere, den reissverschluss nicht nur mit vorderstichen parallel zur bruchkante einzuheften, sonder in kuerzeren abstaenden auch stiche quer zu ihr auszufuehren. damit sollte sich ein verschieben zwischen reissverschlussband und rockstoff eigentlich vermeiden lassen.
    bin gespannt, wie du das problem endlich in den griff bekommen wirst.
    einen schoenen nachmittag!

  • hallo,
    ich habe mir die letzten bilder nochmal angesehen. ganz klar kann ich es leider nicht erkennen, aber auf den fotos sieht so aus als haette deine naehmaschine einen doppelten stofftransport. den du aber nicht benutzt. warum nicht? kann natuerlich auch sein, dass ich etwas sehe, was in wirklichkeit nicht vorhanden ist.
    tschuess 🙂

  • Hi Ursula,

    ganz schnell: weil der Obertransport auf der Stoffseite das Problem noch verstärkt hatte und ich beim nächsten Versuch auf der unteren Seite vergessen hatte, ihn wieder herunter zu klappen – alt werden ist eben auch nichts 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Einverstanden

Please leave these two fields as-is:

Protected by Invisible Defender. Showed 403 to 539.870 bad guys.