Weit entfernt vom Friesennerz

Ja, ha, noch einmal Jubel bitte: Denn ich habe nicht nur die fehlerhafte Tunika genäht, nein, am Dienstag habe ich in einer – das Gewissen überhaupt rein gar nicht belastende – Aufräumaktion alle möglichen Schätze gefunden, die mein wiederentdeckte Nähmojo füttern sollten. Unter anderem fand ich einen Coupon dunkelblauen Kunstleders. Zumindest sah es danach aus. Vor zwei oder drei Jahren bei Karstadt entdeckt (das war in der Zeit, in der da auf einmal immer bessere Stoffe für erwachsene Frauen auftauchten – tja, lang ist’s her offenbar!) und mitgenommen, ohne lange zu prüfen, wie der Stoff beschaffen ist.

Ich dachte stets, daraus würde einmal ein gerades Shiftkleid werden, aber als ich ihn nur öffnete, stellte ich fest, er ist viel dünner als angenommen, viel fließender und vor allem viel hellgrau-jerseyiger auf der Innenseite als vermutet. Schon lange wollte ich noch eine Jacke zum Überwerfen haben, der vordere Enden machen sollen, was immer sie wollen. Die Sache mit den Wasserfällen ist zwar nicht mehr so aktuell, aber hey: Mit über 50 nun darf ich wohl endlich selbst entscheiden, was ich trage und was nicht. So!

Also nahm ich meinen Bunkaschnitt, löste die Schulter- und Armlochabnäher nach unten hin auf, so dass ich zum einen eine leicht schwingende Form erhielte und mich zum anderen nicht mit mehr als Schulter-, Seiten- und Armnähten befassen musste. Win-win. Irgendwie. Vom vorderen Halsausschnitt aus zeichnete ich einfach eine gerade Linie bis zur Stoffkante, ebenso von der Hüftlinie aus. Zu fransen oder zu ribbeln scheint dieser Stoff nicht, also machte ich mir auch keine Gedanken um Nahtversäuberung. Das sollte schnell gehen!

Ging es auch, denn offenbar habe ich damals – vor zwei Jahren also – noch sehr sorgfältig konstruiert und meinen Schnitt mit Liebe angepasst, denn der Angstgegner Ärmel einsetzen war ratzfatz erledigt. Mit einem Stoff, dessen Oberseite ja nun irgendwie friesennerzig beschichtet ist. Ich muss agen: Respekt, früheres Ich!

Der Kragen ist also nichts weiter als ein angeschnittenes Rechteck, der Sitz insgesamt locker – was auch die so leicht einzusetzenden Armkugeln erklärt.

Man sieht es: Der Kragen darf tun, was er will, und sein Ziel ist nicht unbedingt, mich schlanker, zarter oder elfengleicher zu machen als unbedingt nötig. Ja, es scheint sogar, er hält diese Ziele für absolut unnötig und wer bin ich, mich dem entgegenzustellen? Ich habe also gestern Nachmittag mal Frühling gespielt und geschaut, ob ich mit diesem Jäckchen würde glücklich werden können.

Und das mag durchaus sein. Im Augenblick ist es bei zehn Grad usselich da draußen und wie jedes Jahr kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, demnächst einmal wieder barfuß und luftig bekleidet irgendwo entlanghasten zu müssen. Aber wissend, dass das kommt, glaube ich: Och ja, mein seltsames Teil wird mir da wohl gute Dienste leisten.

aus

Nicht halb so gute allerdings wie Max, der beschlossen hatte, endlich wieder einmal mitzumachen bei der Fotografierei. Zwar fand er mich lästig, wie ich beständig über ihn stieg, aber er hat es ertragen und erhielt danach seine Belohnung in Form von Gouda.

Und weil ich gestern eine Linkparty ausgerechnet vom Stiebner-Verlag gefunden habe, die zwei, demnächst drei Schnittkonstruktionsbücher nach dem Bunka-Prinzip im Angebot haben, kann ich nicht widerstehen, dort bei sew la la mitzumachen.

Und noch zwei weitere Linkparties gibt es mittlerweile (was so alles geschieht, wenn man mal ein knappes Jähren oder zwei nicht viel näht und bloggt, das ist erstaunlich!): Eine Nähfröschin lädt ebenfalls ein und feurige Frauen sind auch gerne gesehen.

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4 thoughts on “Weit entfernt vom Friesennerz”

  • ich mag es sehr, mittlerweile bin ich großer Fan von schlichten Schnitten geworden (was nicht heißt dass ich dadurch mehr nähe, wäre ja zu einfach)

  • Die Jacke sieht sehr hübsch an dir aus.
    Ich musste mich ja erst wieder an die weiten, formlosen Schnitte gewöhnen, die zur Zeit so in sind, aber mittlerweile mag ich diesen Look doch gerne;
    Schön, auch mal wieder deinen Fotopartner zu sehen, : ).
    LG von Susanne

    • Mein Fotopartner ist natürlich das Beste im Bild, da gibt es kein Vertun 😀
      Das Schöne an den formlosen Schnitten ist ja, dass sie a) schneller genäht sind (was zumindest mir entgegen kommt zur Zeit) und dass sie b) in der Bewegung weniger formlos sind, sondern ganz anders mitgehen und schmeicheln. Viele zumindest. Und ist es erst einmal wieder heiß, dann c) ist es angenehmer, sich ind er luftigen Hülle zu bewegen 🙂

  • Die Jacke ist richtig cool. Ich mag solche Schnitte. Ohne viel Schnickschnack, ohne viel Firlefanz. Steht Dir absolut super!!!
    Und jetzt erkläre bitte einer gebürtigen Bayerin das Wort usselich! Habe ich noch nie gehört! 🙂
    Liebe Grüße, Lucy

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