Wenn man eigentlich keine Zeit zum Nähen hat und es dennoch unkonzentriert tut

Tja. Lief ja nicht so toll, das Jahr. Nähtechnisch gesehen diesmal. Unter anderem aus den oben genannten Gründen. Aber wenn zumindest die Lust dazu wieder erwacht, dann zwängt man das Hobby eben doch mal rein und zack, ärgert man sich über Fehler, die nicht zu reparieren sind.

 

Ich habe, es ist wohl erkennbar, wieder ein wenig mehr Lust auf Kleider mit Vintage-Anleihen. Und als dieser Stoff aus England ankam, war ich sehr angetan. Ich war skeptisch, weil er ganz und gar Poly ist, aber mir gefielen Muster und Farbe so gut, dass ich nicht widerstehen konnte. Und er fühlt sich wirklich, wirklich gut an.

Das erste Problem, das ich als solches leider erst identifizierte, als das Kleid fertig war, liegt schon am Papierschnitt: aus welchem Grund auch immer habe ich die Armkugel zu flach und eng ausgeschnitten. Dadurch sitzt der Ärmel etwas knapp und zieht das Oberteil zu den Seiten, was sich in einem leichten Einschneiden an der Ärmelnaht zeigt. Nicht sonderlich bequem und da es ja ein Kunststoffstoff ist, gibt er auch kein klitzekleines bißchen nach. Ärgerlicher Fehler, da ich auch mit den “feinsten” Kleidungsstücken noch normal arbeiten können möchte. Auf dem nächsten Bild kann man es ganz schön erkennen – beim Einnähen hätte ich mich schon wundern sollen, weil der Ärmel ohne jegliche Einhalterei ins Armloch passte. Stattdessen freute ich mich gar sehr und an der Schneiderpuppe sitzt dieser Ärmel so herrlich wie nur was. Je nun …

 

Das zweite Problem ist das Futter. Da machte ich mich also eher lustlos an das Füttern, kämpfte mit dem Viskose-Acetat, das meiner Nähmaschine gruselige Geräusche entlockte und stellte fest, dass der Polyoberstoff gar nicht so statisch ist, während das Futter nichts anderes kennt, als an allem zu kleben, was sich ihm nähert. Wann ich das bemerkt habe? Ebenfalls erst nach Beendigung des Kleides. Doppelt ärgerlich, da ich sonst Futter- und Oberstoff vorm den Zuschneiden miteinander verdrehe und verwurschtele, um den Grad der gegenseitigen Zuneigung zu messen.

 

Das dritte Problem ist eher mystischer Natur: auch diese Rockteile, Futter wie Oberstoff, sind so geschnitten, dass der gerade Fadenlauf in der Seitennaht liegt; der Oberrock hat zudem in der vorderen Mitte noch etwas an Zugabe für mehr Faltenwurf. Aber sieht man das? Nein, sieht man nicht, weil seltsamerweise dieser Stoff dennoch zu den Seiten nach außen drängt – vor dem Spiegel wirkt es fast so, als hätte ich den Rock gestärkt. Das passt zu dem schlichten, engen Oberteil eigentlich recht gut, doch verstehen kann ich dieses Phänomen nicht.

Was ich sehr liebe, sind nach wie vor die Farbe, die sich schlecht wiedergeben lässt – ein tiefer, matter Pflaumenton – und der eckige Ausschnitt. Wenn ich mich nur endlich dazu motivieren könnte, einen neuen Grundschnitt für einen Bleistiftrock aufzustellen, dann würde ich dieses Oberteil für ein schmales Kleid verwenden.

 

Allerdings … unter Umständen hat meine Unkonzentriertheit noch einen anderen Grund als nur den Zeitmangel: so sehr ich meinen Hund liebe, für meine Garderobe ist er ein Störfaktor. Zumindest in der kalten Jahreszeit. Zweimal täglich marschiere ich mit ihm für wenigstens eine halbe Stunde durch die Natur und brauche dabei Kleidung, die mich warm und trocken hält und kleine Spurts und Baumüberquerungen mitmacht. Mich aber vier- bis fünfmal täglich umziehen ist mein Ding nicht und so hängen fast alle Kleider im Schrank, ohne oft getragen zu werden. Im Grunde ist mir während des Nähens schon zu klar, dass es ein reines Hobby- und Luxusnähen ist und das sorgt bei mir vielleicht nicht für die nötige Anstrengung. Schade eigentlich. Aber kommt das Frühjahr, bin ich schon mal gewappnet, dann kann auch das weiblichste Kleid mit Maxi vor die Tür.

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9 thoughts on “Wenn man eigentlich keine Zeit zum Nähen hat und es dennoch unkonzentriert tut”

  • Das Kleid steht Dir fantastisch! Die Farbe, der Schnitt, vor allem der eckige Halsausschnitt und der Fall des Rockteils – das ist einfach toll. Schade, dass die Ärmel ein wenig knapp sind- es schränkt bestimmt bei Bewegung ein.
    Aber sonst: es ist schlicht und trotzdem raffiniert – ich bewundere Dein Können und Deine Geduld.
    Ein Kleid zu füttern – das würde ich nie tun – dauert mir zu lange und überhaupt: Futterstoff treibt einen sowieso immer in den Wahnsinn.
    Ich sehe also mit Bewunderung die Fotos und grüße hezlich
    Kari

    • Erlebe mich beim Futternähen – diese Mischung zwischen Wahnsinn und Resignation, zwischen lautem Wutausbruch und stillen Tränen und dem letztendlich dahingeworfenen “Sieht eh keine Sau, verdammte Hacke nochens!” – ja, es sind diese Momente der Besinnlichkeit und Kontemplation, die dieses kreative Hobby zu einer Labsal für Seele und Geist machen. Auch die Umgebung profitiert sehr von der veränderten Stimmung im Haus – endlich verlässt das an den Computer gefesselte Kind die elterliche Behausung, um das umliegende Grün zu durchstreifen – ach, mir wird ganz warm ums Herz.

      Ohne Mist, für die nächsten Monate habe ich jetzt genug gefüttert … 😀 Aber ich danke dir, ich überlege, ob ich es noch einmal in richtig und mit einem etwas großzügigeren Stoff nähen sollte?

  • Sehr schön dein neues Kleid. Steht dir ausgezeichnet! Der Stoff ist wunderschön, tolles Blau. Das Oberteil mag ich sehr, vor allem den Ausschnitt, aber auch die Ärmel. Wie heißen solche Ärmel? Übrigens, ich wollte dir schon lange mitteilen, dass ich mir einen neuen Oberteilgrundschnitt nach Aldrich konstruiert habe. Wir hatten ja mal darüber gemailt. Der sitzt perfekt! Rücken und Schultern schön schmal, und vorne genug Platz für den (“zu großen”) Busen. Nun liegt der Hofenbitzer-Grundschnitt im Müll…und ich freue mich darauf, mir mit dem neuen Grundschnitt als Grundlage ein paar Shiftkleider zu nähen.
    Fröhliche Weihnachten!

    • Ha, ich sage doch, Aldrich eignet sich ganz hervorragend als Grundlage und simpler geht es kaum, nicht wahr?
      Ich hatte schon angefangen mit einer Schnitterstellungsbeschreibung für das Kleid, aber ich muss im Moment soviel mit dem Großen für die Schule nachholen, ich komme zu nix mehr. Daher ganz schnell: du legst den Schulterabnäher als Französischen Abnäher von der Taille bis zur Brustspitze (den als einzigen nicht kürzen, das sieht immer komisch aus!) und die anderen einfach nur wegstreichen.
      Die Taille ist an der Seitennaht um einen Zentimeter verschmälert, dann läuft ein Bogen, ein ganz zarter, zur Hüfte und der Saum ist insgesamt 4 breiter als die Hüftlinie. So wirkt das Kleid insgesamt gerade, aber du hast dennoch eine leichte Taillierung und etwas mehr Gehfreiheit. War das irgendwie verständlich?

  • Danke dir, super! Wirklich ganz einfach. Ich finde, französische Abnäher sehen immer toll aus. Mir war aber nicht klar, dass man die nicht kürzt. Danke für den Tipp. Wird im neuen Jahr gleich ausprobiert.

    • Ich hatte die einige Mal verwendet und auch gekürzt und hatte dann seltsamste Beulen unter der Brust. Und habe mich gewundert. Und ihn verlängert. Später habe ich dann bei Adele Margolis den wertvollen Satz dazu gefunden, dass er immer bis zur Brustspitze gehen müsse. Für mich funktioniert das und im Gegensatz zu den anderen Abnähern sieht er nicht spitz aus.

      Es fühlt sich gerade etwas seltsam an, zu diesem Zeitpunkt über derlei zu schreiben, aber irgendwie hält es einen auch gesund

      • Achja, die Ärmel – die haben keinen Namen, soweit ich weiß – einfach etwa 8 cm über den Ellebogen und ganz gerade von der Achsel aus herunter. Daran ein kleines Bündchen von 3 cm Breite, so dass es angenehm an der gewählten Stelle sitzt. Dann habe ich den Ärmel in der Mitte mit einer Kellerfalte an den Bund gebracht – so habe ich genug Weite beim Beugen und eine nette Form 🙂

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