Wer bin ich? Das bin ich.

Manchmal stehe ich unter der Dusche oder bin beim Einkauf oder sitze im Auto und es kommt mir ein Gedanke, über den ich gerne schreiben möchte, will, muss. So auch heute. Seit Sonntag abend bin ich dabei, meine Wollvoräte – Stoff war letzte Woche dran – zu sortieren und dabei fielen mir neun Pullis in die Hände, die ich schon seit Jahren ribbeln will. Zwei liegen noch vor mir; eine wirklich mühsame Angelegenheit, bei der ich alberne TV-Shows schaue und ansonsten meine Gedanken treiben und kreisen lasse. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nun Mitte 40 bin und sich doch einiges getan hat. Auch in Punkto Ehrlichkeit und Akzeptanz mir selbst gegenüber.

Denn wer bin ich? Oder besser: welche Eigenheiten, welche Gefühle, welche Vorstellungen machen mich aus?

Meiner Persönlichkeit treu bleibend beginne ich mit dem Negativen (also mit den negativen Dingen, dich ICH wahrnehme, da habe ich bestimmt noch was vergessen …).

Ich bin unglaublich lärmempfindlich. Seltsamer erster Punkt, so möchte man meinen, aber aus dieser Lärmempfindlichkeit entwickelt sich viel anderes. Mir bereitet Lärm körperliche Schmerzen und seelische Qualen; ich träume von einem herrlich stillen Tag, an dem nichts anderes als ein Mix aus Regen, Wind, Vogelgezwitscher und schnurrenden Katzen zu hören ist. Kein Baulärm, keine nachbarliche Schrottmusik mit Wummerbässen, keine kreischenden Bremsen und keine schreienden (eigenen) Kinder.
Nun hatte ich von Februar letzten Jahres bis vor einem guten Monat keine zehn Meter von mir entfernt eine Baustelle – ein höchst unprofessionelle – mit Arbeit von Montagmorgen bis Samstagabend. Keine Mittagsruhe, keine Pause, kein Nichts. An den heißesten Tagen saß ich mit heulenden Kindern (auch ihnen war es zu laut, vor allem bei den Hausaufgaben) in einem hermetisch abgeriegelten Raum mit Kopfhörern auf den Ohren. Das hat mir nicht gut getan, der Haß floß aus jeder Pore; ich wurde aggressiv und ausfallend, ungeduldig, böse und ungerecht. Was mich sehr erschreckt hat.

Ich halte mich eh für recht ungeduldig, da ich mich weigere, Dinge öfter als dreimal zu erklären. Ich bin eher schnell als genau, hasse Termine, die meine freie Zeit bestimmen (Besuch mal ausgenommen), mit übertriebener Vehemenz, ticke zu schnell mal aus, werde täglich fauler und bequemer, setze mich mit unwichtigen Dingen unter Druck und sehe wichtiges zu entspannt und – am schlimmsten – arbeite nicht gut genug daran, das zu ändern. Ich bilde mir meine Meinung sehr schnell, sage sie entweder sofort oder nie und bin eine Mama, die nicht bastelt. Ich verbeiße mich in manche Projekte so sehr, dass anderes darunter zu leiden hat, oder pfeffere nicht auf Anhieb gelingendes zu schnell in die Ecke. Ich erwarte gute Ergebnisse, verweigere aber mitunter eine adäquate Anstrengung meinerseits.

Das sind so die Dinge, die mich an mir am meisten stören, die ich aber auch nicht in den Griff bekomme und zu denen ich mittlerweile stehe. In früheren Jahren sah ich nur dieses Negative an mir, gemixt mit meiner Nörgelei an meinem Äußeren. Komplimente, Lob und Preisungen anderer beispielsweise durch Kunden-Dankeskärtchen, Freundinnenmeinungen und Date-Reaktionen blieben mir weitestgehend unverständlich und sorgten für ein Gefühl von Peinlichkeit und Hochstapelei.

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Aber so, wie ich nun das Negative annehmen kann, kann ich heute auch zum Positiven stehen:

Ich bin großzügig, gebe gerne, was andere besser brauchen können, teile, was sonst nicht zu haben ist, erkenne eine große Bandbreite an Schönheit und Einstellung anderer an, kenne keinen Neid und keine Mißgunst, freue mich über Erfolge anderer, stehe loyal zu jeder Freundin, kann nachts um 3:00 für jeden Kummer angerufen werden und bin ehrlich, in dem, was ich sage und verspreche. Ich bin mitfühlend, hilfsbereit und altmodisch höflich, wenn es um das tägliche Miteinander geht. Ich habe und hatte Freundinnen aus allen Teilen der Welt, mit jeder möglichen Hautfarbe und jeder möglichen Religion und bemühe mich, meine Vorurteile aus dem Weg zu räumen, wenn sie mir doch noch einmal aufflackern sollten. Ich liebe meine Tiere und die der anderen und bin eine 60/40-Vegetarierin/Veganerin, da mir Leichenberge jeder Art ein Horror sind. Ich möchte für jeden Menschen mehr als nur eine Wahlmöglichkeit und ein Höchstmaß an Chancengleichheit, wohl wissend, dass das leider utopisch ist, was mich aber dazu bringt, zumindest per Wahlstimme mich überall dort einzusetzen, wo es anderen viel schlechter geht als mir. Das Wissen um den Zustand unserer Welt geht mir sehr nahe.

Dann gibt es auch einfach die Dinge, die weder positiv noch negativ sind:

Ich stehe gut links von der Mitte, empfinde aber auch meine Stammpartei als nicht mehr ganz für mich passend, was traurig ist. Ich bin vor allem Hausfrau und dennoch altes Emanzenurgestein, finde nicht alles, was Alice sagte und tat, fantastisch, ihre Person aber nach wie vor. Ich lese, seit ich drei bin und das vor allem in meinem persönlichen 3K-Bereich: Krimi, Komik, Klassik und kenne mich vor allem in letzterem Bereich ziemlich gut aus. Ich liebe Jane Austen, verabscheue aber den Kult derjenigen um sie, die in ihren Büchern nur die Romanze sehen. Ich höre kaum noch Musik, da (s.o.) schon genug Geräusch um mich ist, aber wenn, werde ich wohl schon altersnostalgisch und lege vor allem 80iger, Chanson und Rock auf gemixt mit Händel, Mozart, Vivaldi, Telemann, Beethoven und Bach. Ich liebe Filme, die entweder aus den 30er-50er stammen oder aber in dieser Zeit spielen und schaue mir sogar ganz miese zu Ende an – notfalls ohne Ton – wenn die Kostüme ein Traum sind. Ich liebe Serien wie Black Adder, Pushing Daisies, Doctor Who, Buffy, Foyle’s War, Poirot, Miss Fisher’s Murder Mysteries oder Büro, Büro und Drei sind einer zu viel (wieder Altersnostalgie, ganz gewiß). Ich war eine schüchterne, selbstzweifelnde und miese Schülerin, die nur in Deutsch, Religion und Geschichte Einsen und Zweien einheimsen konnte, habe einen IQ von über 135 (was mir aber auch nicht genutzt hat) und lerne für mich alleine gerne, sorgfältig und viel. Solange es mich interessiert, ansonsten bin ich gerne mal schwer von Begriff und nicke freundlich mit dem Kopf. Ich lese gerne vor und habe schon manch einen Besuch unvermutet zum Zuhören gezwungen, stehe sehr, sehr ungern im Mittelpunkt, habe kein Problem damit, eine Rede vor einer Gruppe zu halten, stehe auch nicht gerne am Rande alleine, hasse große Gruppen, finde aber immer zwei, die ticken wie ich und fühle mich dann wohl. Mit Prüfungssituationen kann ich nicht umgehen, was erstaunlich für mich ist, da ich ja Seminare abhalten konnte, ohne vor Angst zu zerfließen. Als Kind habe ich vor allem gelesen und gemalt und später gezeichnet und bereue, dieses (sehr kleine) Talent nicht ausgebaut zu haben, denn mittlerweile bin ich in dieser Kunst unfähig. Ich würde gerne singen können, kann meine Stimme nicht leiden, rede entweder wie ein Wasserfall oder schweige nickend vor mich hin. Ich möchte einen gemütlichen Krimi schreiben, wage mich aber nicht voran. Ich mag Vorgedachtes, Vordesignetes, Massentaugliches meist nicht, habe mich aber doch in einige Monster-High-Püppchen verliebt (und bin daher in den Augen der Freundinnen des großen Sohnes eine ziemlich tolle Person). Ich mag Farben, hasse Schwarz, bevorzuge heute das Wetter in Frühling und Herbst, komme mit dem Sommer nun schlechter und dem Winter ein wenig besser klar als noch vor einigen Jahren. Ich habe zwei Kinder im Bonner Geburtshaus in der Wanne zur Welt gebracht, was ich mir nie zugetraut hätte, aber fantastisch klappte. Bin dem Esoterischen gegenüber eigentlich nicht aufgeschlossen, habe aber dennoch drei nahezu übersinnliche Erlebnisse gehabt, an deren Einordnung ich nach wie vor arbeite. Ich finde mich abwechselnd ziemlich häßlich und einigermaßen hübsch, kann mit Komplimenten noch immer nicht umgehen, freue mich aber sehr darüber. Ich laufe durch die Stadt und sage Frauen, die mir gefallen, dass sie mir gefallen und empfinde dabei viel Glück. Ich laufe durch die Stadt und sage heute manchen Menschen sogar mal, dass es höflicher gewesen wäre, mir die Türe nicht vor der Nase zufallen zu lassen und erschrecke dann über meine eigene Unverschämtheit. Ich fange leicht und schnell Gespräche mit Fremden an und bin schüchtern auf eine extrovertierte Art und Weise. Ich stelle all meine Kleidung selbst her und habe zur Zeit nur zwei Teile, die mir noch passen. Und deshalb sollte ich nun aufhören, schnell den Haushalt erledigen und endlich, endlich wieder mit dem Nähen beginnen.

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Das bin ich. Wer bist du?

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9 thoughts on “Wer bin ich? Das bin ich.”

  • Und als jemand, der Dich kennengelernt hat, kann ich hinzufügen, dass Du außerdem charmant, interessant und eine tolle Gesprächspartnerin bist – und irgendwann treffen wir uns auch noch mal mit Strickzeug und können wir auch über Poirot ( Miss Fisher kenne ich nicht, klingt aber nach dem ersten googlen sehr interessant) und BBC-Serien (ich mag da Miss Marple, Pater Brown und Midsummer Murders 😉 ) und ganz viele Bücher plaudern…

  • Also ich fasse das mal kurz zusammen: alles in allem eine sehr interessante Person, mit Ecken und Kanten und das ganze im Oval. Und dazu noch ziemlich mutig, dann erstmal sich selber zu zu häuten und sezieren und dann noch öffentlich zu schreiben – das finde ich nicht einfach!

    Bis bald und liebe Grüße,

    Sabine

    • Nunja, wer mich kennenlernt, bekommt mich ja deutlich zu sehen 😀 Aber für mich ist gerade das Schreiben darüber immer auch ein guter Weg, um mir über manches klar zu werden – öffentlich oder nicht … hmmm, ich bin da nicht zu empfindlich und es gibt so vieles, was ganz geheim bleibt 😀

  • Ach Süße – komm, lass Dich knuffeln! :-*

    Ich hoffe, wir schaffen es bald mal wieder – auch wenn der Tag Mittwoch irgendwie verflucht zu sein scheint und eine höhere Macht uns voneinander fern halten will 😉

    Ansonsten kann ich nur sagen: ich find Dich sehr töfte, so wie Du bist!

  • ich finde es ist nicht leicht einen objektiven Blick auf sich selbst zu haben – Du kannst es (sofern ich das beurteilen kann ;-)).
    Joanna (mit obligatorischem Findus auf dem Schoß)

  • Bitte nicht erschrecken, aber schau mal im Netz bei Hochsensibilität und Asperger nach. Da besteht ein Zusammenhang mit extremer Lärmempfindlichkeit. Es gibt einige interessante Blogs dazu, die ich leider gegenwärtig nicht parat habe, weil es mich im Moment nicht tangiert. Du könntest einige Erklärungen für andere deiner Charaktereigenschaften finden. Man muss ja nicht gleich “anders” sein, vielleicht nützt dir ein Aha-Erlebnis. Das war meine spontane Eingebung beim Lesen deiner ersten Sätze.
    Sei gegrüßt von einer sonst stillen Leserin

  • Dein Eintrag hätte fast von mir sein können. Ich bin Hochsensibel (HSP) und auch nicht doof, was mir ebenfalls wenig gebracht hat. Auch ich bin extrem lärmempfindlich und kann sehr unleidlich auf Situationen und Menschen reagieren. Ich nähe, aber nicht so gut wie Du. Seit meiner Kindheit gehören seltsame Begebenheiten zu meinem Leben, dennoch empfinde ich mich nicht als Esotherikerin. Ich bin Buchhändlerin, versuche gerade selbst ein Buch zu schreiben und bin eher der Physik und der Malerei zugetan als der Mystik. Obwohl ich gerne nicht auffalle, scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein. Frauen mögen mich oft nicht. Du bist mir sehr symphatisch, weiter so! Gruß aus Kiel!

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