Wieder gefunden

Dachte ich zumindest. Dass ich mich wieder gefunden haben könnte. Die letzten zwei Jahre waren ein Auf und Ab, mit viel mehr Ab als auf, so kam es mir vor. Und zwischendrin durfte ich mich noch mit dem sich verändernden Körper und seinen Auswirkungen auf mein Spiegelbild und meinen Seelenzustand herum ärgern. Die langen Wochen mit den Versuchen, funktionsfähige UND schmeichelnde Grundschnitte herzustellen, die Überlegungen, was steht mir, was will ich und wie zum Teufel komme ich aus dem Haus so ganz ohne Garderobe – ne, schön ist anders. Das Stimmchen, das mir einflüsterte, es gäbe doch noch wirklich wichtigeres und die Realität, die da lautete: “Herrje, ich kann das Haus nicht verlassen, meine einzige Hose hängt nass auf der Leine” stritten sich in einem fort; ich immer schön mittendrin. Ziemlich ätzend.

Dann habe ich mich letzte Woche – alles um mich herum kühl lächelnd liegen lassend – an neue Rockschnitte und Probeteile gemacht, war einigermaßen zufrieden mit den Ergebnissen und habe am darauffolgenden Wochenende zunächst eine Hose erfolglos und einen Rock erfolgreicher genäht. Als ich ihn am Dienstag morgen mit einer Hemdbluse und Schuhen vor dem Spiegel testete, eine meiner Freundinnen auch noch zu Besuch war, die – schlicht gesagt – hingerissen war, da hatte ich das Gefühl, endlich wieder mit mir im Reinen und in mir zu Hause zu sein. Und habe mich am gleichen Tage noch an Version 2 in kirschrot gemacht. Der Stoff ist leider sehr elastisch, elastischer als eine Fühlprobe zeigte und eine heutige erste Anprobe machte mich nur semiglücklich: Öhrchen an den Hüften und schon wieder die scheinbar unvermeidlichen Sternfalten von tiefer Hüfte zur Bauchmitte. Verlängern der VM erweist sich bei mir immer wieder als nicht machbar, aber eine andere Änderung mit gleicher Wirkung funktioniert: zwischen VM und Hüfte an den Abnähern die Taillenrundung tiefer ausschneiden eliminiert diese Falten meist nahezu.

Gut, darauf wollte ich gar nicht hinaus. Nach Rock 2 holte ich Rock 1 in dunkelstblau wieder aus dem Kleiderschrank und knipste Bilder vor jetzt etwa einer halben Stunde. Und stand vor dem Spiegel. Und mochte das gekaufte T-Shirt dazu nicht, aber was soll man tun, wenn man ja (und jetzt alle im Chor) nichts, NICHTS im Kleiderschrank hat. Aber vor allem waren diese Sternchen wieder da. Und ein Stück Naht unterm RV löste sich auch noch. Und, und, und ….

Nunja, ich habe mich also hingestellt und geknipst und wer mich nur ein bißchen kennt, weiß, dass ich außer bügeln kaum etwas so sehr hasse wie fotografieren. Gesteigert von mich fotografieren. Mich fotografieren lassen wäre noch mal schlimmer, aber so unerträglich, dass es nicht stattfindet. Mich nun zu fotografieren in einem Rock, in dem ich gestern Julia noch vorjubelte, ich sei so glücklich und verliebt in ihn, weil ich mich endlich einmal wieder wie ich selbst und das auch noch in attraktiv fühlen würde, also mich heute in ihm zu fotografieren, nachdem ich wieder entsetzlich viele Fehler finden konnte, ist ein Bah-Erlebnis. Verblüfft bin ich nun allerdings, dass die Falten, die mich stören (hinten kleine Diagonalfältchen untem Bund, vorne den Stern) auf den Bildern kaum zu ahnen sind, dafür aber auf einmal ein sich wellender Saum und eine fette Schrägfalte hinten zu sehen sind. Ich habe den kleinen Sohn strengstens befragt und er kann nichts davon in Wirklichkeit sehen. Auch die Farbe stimmt nicht, aber das erwarte ich schon gar nicht mehr anders. Unnötig zu erwähnen, dass die Hälfte der Bilder unscharf war, ein Viertel über- oder unterbelichtet und der Rest eben das ist, was ich euch zeigen kann.

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Von den Verschwommenen noch das Klarste. Hilft aber auch nicht …

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Man sieht links die Falte, die mich so stört. Ich gehe mal davon aus, dass die unerschiedlichen Hüften eine Rolle spielen, aber so weit bin ich noch lange nicht, dass ich zwei unterschiedliche Hälften zuschneide. Aber ich spiele mit der unerfreulichen Idee, den Bund links noch einmal zu öffnen und den Rock auf Abnäherhöhe etwas anzuheben. Das macht nur einfach überhaupt rein gar keinen Spaß, nicht ein klitzekleines bißchen und ich möchte mich bei dem Gedanken daran so kindisch wie nur möglich verhalten. Nützt nur auch nichts, also bete ich mir ein Müttermantra vor und versuche, Vorbild zu sein. Hahahaha.

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Von der Seite … hmm, da zeigt sich wieder einmal deutlich, dass zumindest meine Bilder nicht mit der Realität überein stimmen oder nur begrenzt: schön finde ich, dass es mir gelungen ist, den Rock von der höchsten Stelle des Bauches fallen zu lassen, was optisch viel schöner ist. Auch die Balance zwischen vorne und hinten scheint zu stimmen (stünde ich auf dem einen Bild nicht so schief). Was mich verwundert, ist, wie steif und starr der Rock wirkt – das fehlen der dritten Dimension ist für meine Fotokünste des Todesstoß.

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Diese Falte!!! Das sieht doch unmöglich aus. Ich kann sie im Spiegel nicht sehen, der auf dem Bügel hängende Rock fällt glatt (das Unterlassen einer Bügelleistung vorm Knipsen kann ich nicht verantwortlich machen) – was ist das? Außer frustrierend natürlich? Und wieso sieht jetzt jede Naht so aus, als wäre sie niemals ausgebügelt worden??

Wie nun auch immer: eigentlich finde ich ihn sehr schön, eigentlich sieht er mit einem anderen Oberteil sehr schmeichelhaft aus und der Sitz ist auch gut und dazu alters- und figurgerecht. Falls also die eine oder andere von euch mit der Idee flirtet, sich ein wenig mehr von gekauften Schnitten unabhängig zu machen, zeige ich ganz schnell, wie aus einem gut sitzenden geraden Rock dieser eingestellte Rock mit Gehfalte vorne wird:

rock1

Der Grundschnitt: Hüfte und Saum haben die gleiche Weite, der Rock hat hinten eine Mittelnaht und vorne den Stoffbruch.
Die breiteste Stelle an der Seitennaht (die Hüftbreite) wird markiert und die Mitte der Oberschenkel an der VM.

Rock2

Von der Markierung an der VM zeichnet ihr eine Linie von 7-10 cm – je nachdem, wieviel Laufweite ihr wollt – waagerecht heraus, ebenso am Saum und verbindet beide Linien. Die Gehfalte wird im Stoffbruch zugeschnitten; für die vordere Mittelnaht jetzt nicht die Nahtzugabe vergessen.

rock3

Der Rock wird leicht eingestellt: dazu von der Hüftmarkierung eine Linie zum Saum zeichnen, der um etwa 1,5 Zentimeter eingestellt wirde. Diese Linie im Bereich der Hüfte mit einer zarten Kurve formen.

rock4

Als Bund noch ein Rechteck in der gewünschten Tailleweite und der gewünschten Höhe X 2 + Nahtzugabe zuschneiden et voilà: schon hat man sich den Kauf eines neuen Schnittes gespart.



9 thoughts on “Wieder gefunden”

  • Also ich finde den Rock richtig gut. Die Minifalten sind doch nicht erwähnenswert. Du stehst doch nicht den ganzen Tag wie eine Statue in dem Rock. Ich gehe davon aus das du von Haushalt und Familie ständig getrieben durch die Gegend rennst. ; )

    • Ja, du hast natürlich recht. Aber ich möchte es doch ganz gerne einmal richtig schaffen – so bleibt immer ein klein wenig Frust übrig. Na, der kommt sowieso immer, wenn ich mich anschaue und so weit von meinem Traumbild weg bin 😛

      Was mich jetzt aber viel mehr ärgert: der Stoff ist ein relativ feste Woll-Baumwoll-Mischung und beim Sitzen beult er etwas aus … und ich finde es noch sehr, sehr ungewohnt, mit so viel Mehrweite herum zu laufen. 😀

  • Ich kann mich den anderen nur anschliessen, der Rock ist wunderbar und steht dir ganz ausgezeichnet! Aber ich kenne das Problem, an Fehlern herumzukritteln, die andere nicht einmal bemerken (nur dass du da noch um einiges perfektionistischer bist). Daher will ich gar nicht “ach. da ist nichts” oder “sieht man gar nicht” grölen, denn wenn du was siehst ist da sicher was. Und trotzdem ist er so nah an perfekt, dass man bei manchen kleinen Dingen doch mal ein Auge zudrücken kann 😉
    lg ette

    • Es ist vor allem die Relation zwischen monatelangem Vorabeiten/Aufwand und dem endgültigen Ergebnis, – das hätte ich mir doch auf einem gleichmäßigen Niveau gewünscht. Der Rock bleibt einfach hinter den Erwartungen zurück.
      Könnte natürlich daran liegen, dass ich mich figürlich schon wieder verändert habe. Kleide mal eine Amöbe ein, das ist kein Vergnügen 😀

  • “Gut Ding will Weile haben”…probier weiter. Ich denk aber, daß es so ganz perfekt nie wird, da auch jeder Stoff anders fällt. Was ich aber sehe, ist ein sehr gut sitzender Rock.
    Vielen Dank auch für deine lieben und mitfühlenden Worte vor einiger Zeit bei mir. Es hat mir geholfen,daß mir in meinem Schmerz jemand “zugehört” hat.
    Danke und ganz liebe Grüße
    Susan

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