Zu schlicht, zu unentschieden, zu langweilig

Das Jahr ist noch jung, aber ich muss sagen: es ist nähtechnisch das mieseste Jahr überhaupt; eindeutig mehr Mißerfolge als Hurras. Aus den unterschiedlichsten Gründen: halbherzig Begonnenes, Stoffe, die sich als nicht waschbar erwiesen, Denkfehler der dümmsten Art und dazu wenig Zeit und keine Lust, die Grundschnitte dem Gewichtsverlust anzupassen. Und irgendwie sind ständig Schulferien … jetzt mal gerade nicht, aber wir steuern geradewegs auf die Weihnachtsferien zu. Hach, seufz.

Entsprechend wenig habe ich gezeigt. Wenn ich auch mit Wonne die Mißerfolge zu zeigen pflegte, so wenig mochte ich die Knipserei und mich für Unschönes noch weiter zu quälen, danach war mir in diesem Jahr nur selten. Denn 2016 ist ja in vielerlei Hinsicht ein annus horribilis. Ich bemühe mich, mich auf das positive zu konzentrieren: tolle Sommerferien an der Nordsee, wo ich mich zuhause fühle, ein Angebot, das ich annahm, obwohl es mich noch mehr Zeit und Nerven kostete, die Aufstockung des heimischen Tierbestandes, das weniger große Kind auf meinem alten Gymnasium in meiner alten Klasse, viele tolle Frühstückchen mit Hund und Gatte ohne Kinder und viele neue nette Bekannte ebenfalls dank Hund und Schule. Es ist sicherlich egoistisch und kurzsichtig, diese Dinge über die allgemeine Entwicklung der Welt zu stellen, aber letztenendes – noch nie habe ich ein so starkes Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit empfunden. Nicht einmal während der weltpolitisch grauen 80er-Jahre. Doch damals war alles drumherum bunt und optimistisch, man war sich in seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Wahnsinn einig. Heute … all wir guten Menschen haben einen Nachteil: uns machen Hass und Hetze krank und mürbe, während Rassisten, Nationalisten, Islamisten – und was es sonst an -isten so gibt – sich davon nähren und aufblühen, je gräßlicher sich die Menschheit verhält. Nun, in den nächsten Tagen werden wir sehen, welche Saat aufgeht.

ABER da wollte ich gar nicht hin, entschuldigt. Eigentlich wollte ich zum Kleid, das ich ausprobieren wollte und mich dabei gründlich vertan habe. Viel zu unentschlossen bin ich an die nötige Weite für Ärmel und Oberteil gegangen, viel zu schlicht ist der Schnitt und viel zu halbherzig (wieder einmal) ging ich an Konstruktion und Näherei. Mir schwebte ein weiteres Hippiekleid vor, höher geschlossen und mit weniger Rockweite. Ewig lange suchte ich nach passendem Stoff, Viskose oder Baumwolle, der weich-flanellig sein dürfte und irgendwie wild gemustert. Bei Karstadt fand ich eine kirschrote Viskose mit gelben, weißen und dunkelblauen Paisleys. Obwohl ambivalent, kaufte ich ihn – entweder es wird Bohème oder Sofakissen. Und bei so viel Musterei blieb der Schnitt ruhig. Viel zu ruhig, eigentlich hätte ich in die Vollen gehen müssen mit weiten Ärmeln, mehr Taille und mehr Weite zugleich, mit Saumrüschen und dem ganzen Tralala. Sollte, hätte, müsste. Aber dann erwies sich der Stoff auch noch als zuschnittbiestig und sowohl verzogen als auch schief bedruckt. Nunja, allzuviel Liebe ist nicht verloren gegangen.

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Ja, der Saum ist nicht fertig und wedelt schief umher – eigentlich ist eine Hälfte des Kleides schief. Verzogen, komplett verzogen.

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Trotz des sehr wilden Musters ist es so unglaublich brav, dieses Kleid. Sehr brav, ich spüre, wie ich zahm und sanft und gehorsam werde, wenn es mich umhüllt – ihr seht es auch.

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Und kein Stiefel, kein Schuh, kein nichts will so recht dazu passen. Verzogen und nicht kompromissbereit das Ding. Außerdem ist es nun schon so kalt, dass mir ein Kleid auch zu Hause nicht mehr reicht – Fazit daher:

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Aber es war den Versuch wert. Irgendwie. Glaube ich. Nur: ich will Kleider nähen. Obwohl ich friere und gar nicht mehr so recht weiß, was ich an mir sehen mag. Albern, höchst albern.

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9 thoughts on “Zu schlicht, zu unentschieden, zu langweilig”

  • …ach Andrea, so ein schönes Kleid!
    Dass es nicht warm genug ist, kann ja sein …
    Aber es ist viel schöner als du denkst 🙂 !

    …ein schöner Seidenschal dazu in der Farbe des Gürtels oder eine opulente Kette, und du bist wirklich gut angezogen damit …
    … finde ich jedenfalls … 😉 ….

    • Ach, ich weiß es auch nicht – es ist so ein halbwarmes Gefühl in dem Kleid, in jeder Hinsicht 😀 Verblüffenderweise mag ich es, wenn ich nur Gesicht und Schultern sehe, es gibt so eine herbstliche Wärme 😀 Ich packe es erst einmal beiseite und schaue in ein paar Wochen noch einmal.

  • Nein, überhaupt nicht albern. Ich will grad nähen und nicht nähen, das ist albern. Hintern hochkriegen für Hobbies ist grad wohl mein grösstes Projekt.
    Hast du noch was vom Stoff übrig? Dann könnte ich es mir bodenlang als Stufenrock verlängert und noch etwas Gerüsche am Kragen (Schluppe, Jabot, Rüsche im Halbkreis von Schulter zu Schulter) interessanter vorstellen. Und dann würde ich dazu einen sehr breiten Gürtel versuchen, fast wie eine Art Taillenmieder um das brave etwas zu brechen.
    Andererseits kenne ich das, was man nicht mag, das mag man nicht. Erst heute morgen habe ich einen eigentlich geliebten, aber nie gerne getragenen Rock entsorgt, macht ja doch keinen Sinn, wenn er im Schrank liegt und nie das Tageslicht sieht.
    Liebste Grüsse., Annette

    • Genauso hätte ich es machen sollen – hätte auch gleich mehr Stoff mitnehmen sollen. Aber ich war lahm, lustlos und dem Stoff gegenüber lau – so kann das ja nix werden 😀
      Hintern bekomme ich auch nicht hoch und du lässt es bitte langsam angehen, ist ja alles noch nicht so lange her 🙂

  • Zur Tunika kürzen und mit Leggings als Minikleid tragen?
    Jede die beim MMM mitliest kriegt gegen Jahresende die Kleiderlust, schätze ich. Da hilft nix als nähen. In meinem Schrank sind auch die letzten 3 Weihnachtskleider, aber gelüftet werden die nur neu mal, danach wieder Jeans (auch selbstgenäht).
    LG
    Martina

  • hmmm…
    eigentlich ist das Kleid ganz sympatisch und die Farbe und Muster sehr Dir passend. Dennoch – irgendwie fällt mir dazu nichts ein, was mehr Charakter reinbringen würde. Weißen Kragen und Manschetten dazu zu denken fällt sehr leicht – aber wer möchte bitteschön mit 40+ wie ein Schulmädchen aussehen (ok, ich rede von meinen Vorstellungen und Wünschen 😉 )?

    Übrigens wäre ich auf eine Variante mit dem ganzen Tralala gespannt …
    und jetzt ab zu Papier und Schere, damit meine Nähbilanz für 2016 nicht gen 0 tendiert.
    Für die Bilanzen und Jahresabschlüsse bin ich allerdings noch nicht bereit, auch wenn mein Kopf sich gar nicht von der Weltsorge befreien lässt, ich zittere (und produziere Albträume) wegen der US Wahl … Es sind noch einige Wochen bis 2017 – die noch Licht reinbringen mögen, bitte bitte

  • Hi Michou,
    ich bin neu; war gerade auf der Suche nach neuen Ideen zur FBA und bin auf diesem Weg u. a. hier gelandet (Thema aus 2011). Das Kleid kannst Du so schon tragen. Den Saum evtl. etwas kürzen, passende Kette und Lippenstift dazu und die Haare hochstecken – so fallen sie auf den hochgeschlossenen Ausschnitt. Außerdem hast Du einen schönen Schwanenhals – den solltest Du zeigen 🙂

    Ich persönlich finde aber, dass der Gürtel nicht passt, weder vom Stil noch von der Breite. Außerdem nimmt der Gürtel Weite in der Taille – das geht beim Bademantel, aber bei einem Kleid finde ich das nicht schön, weil sich so der Rücken immer über dem Gürtel beult und dadurch der ganze Oberkörper dicker wirkt als er ist. Ich würde mit den vorhanden Taillenabnähern die Weite, die der Gürtel nimmt, abnehmen oder je 2 Abnäher vorne und hinten mittig zu den bereits vorhandenen hinzufügen, damit das Kleid schön auf Figur getrimmt wird. Den Ausschnitt würde ich so lassen, denn nachträgliche Änderungen am Ausschnitt hatten bei mir immer zur Folge, dass ich alles wegwerfen konnte.
    Versuche es auch mal mit einer anderen Strumphose (keine Leggins); vielleicht der selbe Rotton oder der helle Ton im Muster.

    Viel Erfolg noch mit Kleid und Blog

    Marion

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