Zugedrehte Rockabnäher

Nicht der schönste Titel für einen Beitrag, aber der Treffendste. Von diesen zugedrehten Abnähern im Rock habe ich schon öfter geschrieben, aber dabei immer versäumt, das auch zu erklären – manche wußten, was gemeint war, manche nicht und von diesen bin ich nun – vollkommen zu Recht! – ermahnt worden. Statt nun also auf der Krachmachermaschine herum zu rattern, habe ich Miniaturschnitte gebastelt, um zu erklären, wovon ich rede. Und wieder weise ich darauf hin: ich bin nicht die Fachfrau, sondern habe mir das angelesen, angearbeitet und angeflucht. Auf unserem Wohnzimmerboden sind unendlich viele Nerven zugrunde gegangen, wütend zertrampelt und zu Tode geschrieen. Und Schande über mich: es waren nicht nur meine Nerven … na, bißchen Schwund ist immer, Schwamm drüber 😉

In medias res, auf geht’s:
Wir gehen davon aus, wir haben alle einen wirklich gut sitzenden, engen und nach unten hin geraden Rockschnitt – d.h. die Saumbreite entspricht der Hüftweite des Schnittes. Außerdem hat dieser Schnitt jeweils einen Taillenabnäher vorne wie hinten. Das ist der Basisschnitt, auf den so ziemlich alle Rockformen aufbauen; Dirndl-, Glocken- und Tellerröcke bilden die Ausnahme und brauchen uns nicht zu interessieren.
Nun habt ihr alle schon mal Schnitte in der Hand gehabt oder auch verarbeitet, bei denen die Abnäher nur sehr schmal oder aber gar nicht vorhanden waren und der Saum mehr oder weniger weit schwang. Bei diesen Schnitten wurden die Abnäher zugedreht oder heraus genommen – im Grunde nicht anders als bei einem Oberteilschnitt, bei dem der Brustabnäher an die Schulter gelegt wurde oder an jeden anderen gewünschten Platz.

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Das also ist unser Basisrockschnitt. Meist ist die Hüftrundung des Vorderteils ausgeprägter und der hintere Abnäher länger und breiter als der Vordere. Gut wäre auch, ihr malt die Hüftlinie ein, das habe ich im Schnellschnell gerade eben vergessen.

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Von der Abnäherspitze aus zeichnet ihr eine Linie, die senkrecht auf den Saum stößt. Wer von nun an öfter konstruieren möchte, sollte schon mal auf die Suche nach einem Lineal von wenigstens 50 cm, besser noch 60 cm Länge gehen.

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Im nächsten Schritt werden die Abnäher zugeklebt, so wie sie auch genäht würden.

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Jetzt dürft ihr an eurer eingezeichneten Linie entlang aufschneiden. Der Schnitt, der zuvor sich nach oben wölbte, legt sich wieder; er muss ganz glatt liegen, dann habt ihr weit genug geschnitten. Damit habt ihr den Abnäher von der Taillennaht zum Saum verlegt.

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Die entstandenen Lücken werden mit Papier unterlegt und verklebt.

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Da der hintere Abnäher größer ist, öffnet sich auch der Saum hinten weiter als am Vorderteil. Würden beide Rockteile nun so zusammen genäht werden, dann würde die Balance nicht stimmen und das hintere Rockteil nach vorne schwingen. Also legt ihr nun die beiden Schnittteile aufeinander, so dass die Taille und Mitte übereinstimmen und meßt den Unterschied am Saum aus; dieses Maß wird durch zwei geteilt. Am hinteren Rockteil wird dieser Betrag von der Seitenlinie verlaufend zur Hüftlinie abgetragen und weggeschnitten, am vorderen Rockteil wird diese Menge dazu gegeben und angeklebt – nun verläuft die Seitennaht wieder gerade.

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Bliebe der Rock so, entstünde ein relativ schmaler Rock, der ganz gut in die 30er-Silhouette passt; ich habe diese einfache Form für das Februarkleid gewählt. Für das Kleid gefiel es mir, als Rock hingegen ist es eine sehr biedere Angelegenheit.

Für einen etwas schwingenderen Rock wird nun an der Seitennaht vom Saum zur Hüfte verlaufend zugegeben – schaue ich meine Schnittbücher durch, so bewegt sich dieser Betrag zwischen 6 und 8 cm je nach Dekade und Geschmack des Verfassers; auch von der Rocklänge hängt es ab – da müsst ihr testen, was euch gefällt und steht. Wichtig ist, dass ihr die Länge von Hüfte zu Saum meßt, bevor ihr Weite zugebt und danach diese Länge wieder herstellt; d.h. dass oft ein kleines Dreieck am Saum weggeschnitten wird.

Wenn der Grundschnitt perfekt saß, habt ihr nun einen ebenso perfekt passenden Rock, der an der Hüfte schön schmal anliegt und nach unten weit schwiegt – eine ideale Grundlage für luftige Sommerkleider. 🙂



15 thoughts on “Zugedrehte Rockabnäher”

  • Ich möchte nur kurz anmerken, dass die entstehende Saumweite von Unterschied zwischen Taille und Hüfteweite abhängig ist. Je grösser der Unterschied, umso weiter wird der Rock am Saum und braucht dementsprechend weniger Zugabe an der Seitennaht.

    LG Lucia

  • Meine Güte, da wäre ich ja im Leben nicht drauf gekommen. Banal aber doch so wirkungsvoll.

    Aber kaum ein Rätsel gelöst … schon das nächste: Warum ist die Hüftkurve am Vorderteil ausgeprägter als am Rückteil?

    Grüßle Steffi

    • Weil du keinen zu großen Abnäher vorne haben kannst – sonst beult es zu sehr überm Bauch. Das ist jetzt meine unprofessionelle Zusammenfassung. Aber schau dir deine Schnitte mal an 🙂

      • Darf ich eine Vermutung angegeben?
        Ich denke, dass in dem Fall ein Teil des hinteren Abnähers in die Seitennaht gelegt wurde. Mein Rockschnitt besitzt im Vorder- und Rückenteil einen identischen Hüftbogen, dafür ist das Rückenteil (wegen der zwei hinteren Abnäher) etwas breiter als das Vorderteil.

        Wie tief der vordere Abnäher sein darf ohne zu beulen, ist ganz figurabhängig. Je flacher der Bauch, umso kleiner sollte der Abnäher sein. Meine ehemalige Chefin zB besass eine typische Apfelfigur (ausgeprägter Bauch, sehr flaches Gesäss). Sie hat am Ende ihre Röcke mit zwei Vorderabnähern und einem sehr kleinen Rückenabnäher genäht. Dies ist zwar ziemlich ungewöhnlich (und hat sie einige Überwindung gekostet ;)), sass letztendlich aber am Besten.

        • Aaah, okay … bei mir sind die Hüftbögen auch gleich. Da ich ja eher ne Fässchenfigur mit ausgeprägter Heckausrichtung besitze sind bei mir vorne nur zwei fake-Abnäher (max. 1cm) der Optik wegen und hinten zwei sehr breite Abnäher (meist so um die 3,0 cm).

  • Super erklärt und eigentlich ist es doch ganz einfach. Das mit dem Übereinstimmen der Seitennaht und das Maß durch zwei teilen war mir entfallen. Ich hätte mich dann gewundert warum die Seitennaht schief ist.
    Liebe Grüße Andrea

    • Dann macht es beim nächsten Mal gleich noch mehr Spaß, wenn man weiß, es ist richtig, oder? Ich habe mich immer enorm gefreut, wenn ich etwas fand, was ich mir genau so gedacht habe 🙂

  • Hmm, ich fürchte, ich habs nicht genau verstanden. Arbeitet man dann tatsächlich so riesige Abnäher vom Saum aus oder ist das Schnittteil dann komplett ohne Abnäher?
    LG Lotti

    • Nein, das ist dann kein Abnäher mehr 😉 Du hast dann einen weiteren Rock ohne jeden Abnäher; dabei erhälst du aber den auf dich angepassten Sitz deines Rockes. Wenn du also nun einen schönen Oberteilschnitt hast, den dazugehörigen Rockteil aber nicht magst, dann könntest du selber einen basteln.

      Wenn du noch Fragen hast, sag Bescheid, ich strenge mich dann an 🙂

  • Liebe Michou, schön erklärt. Ich schneide von beiden Seiten her auf: die Abnäher werden zuerst ausgeschnitten, anschliessend auf die Abnäherspitze zu von unten her aufgeschneiden – mit einem winzigen Teil, das stehen bleibt, damit man besser drehen kann. So erspare ich mir den beulenden Effekt beim Zukleben der Abnäher 😉
    LG, berry

  • Meine Güte, da habe ich in meiner Nähpause wieder eine Menge gelernt! Wo ich doch nur die Rechteckröcke der Siebziger/Achtziger kann! Ob ich trotzdem noch mal eine Kleid/ Rock für mich nähen werde, steht in den Sternen. Ich bewundere euer Tun grenzenlos.
    LG
    Astrid

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