Zurück zu den 80ern

0284Als ich mich letzte Woche mit meiner (Schul-)Freundin Viola traf, hatte ich mitten im Gespräch eine doppelte Erkenntnis: wir sprachen über die Schulzeit, unsere Wahrnehmung und was ich meinem jüngsten Sohn ersparen möchte. Irgendwann meinte sie, mir stünde der Pullover übrigens sehr gut. Ich blickte an mir hinunter und da traf es mich: nicht nur bringen mich meine Wechselsjahrsmalessen nahe an die Pubertät, nein, ich kleide mich auch wieder so wie damals in den 80ern!

Wer jetzt den Kaffee verschüttet hat und entgeistert auf den Monitor starrt, sei beruhigt; die 80er bestanden nicht nur aus Clochardhosen, Schulterpolstern und pink. Über die erste Hälfte des Jahrzehntes sahen die meisten von uns aus, als seien wir Statisten in DEM Film: La Boum. Wer nicht dabei war oder die Erinnerung auffrischen mag, bekommt hier ein Pinterest-Album.
Damals konnten Jeans kaum eng genug genäht werden, heute sind sie von vorne herein skinny (und zum Glück elastisch). Dazu gab es weiße Turnschuhe – in unserer Klasse musste es Puma sein, weil alle anderen adidas trugen – und Palästinenserfeudel oder Indientücher über Hemdblusen, Sweatshirts oder weiten Pullis. Ich selbst habe mit Vorliebe graue V-Pullis getragen und als Viola meinen blaugrauen V-Pulli ansprach, war es mir klar: die 80er bleiben ewig. Ich bin ganz kurz davor, mir Chinaschläppchen besorgen zu wollen und die kleinen Holzpüppchen mit einer Sicherheitsnadel auf den Oberschenkel meiner Jeans zu pinnen (kann sich daran noch wer erinnern?).

Und dann in den letzten Tagen traf es mich noch einmal: die 80er sind auch in anderer Hinsicht wieder für mich präsent. Es war die Zeit des Kalten Krieges; in der Bonner Innenstadt wurde bald täglich demonstriert und irgendwie waren wir uns ständig der Tatsache bewußt, dass sämtliche Raketen auf Deutschland gerichtet waren – einfach, weil sie entweder weiter nicht kamen oder weil unser Land so praktisch in der Mitte lag.
Wenn ich darüber nachdenke, ging die diffuse Angst vor der RAF in eine weniger diffuse vor einem dritten Weltkrieg und einer atomaren Katastrophe über. Ein Wunder eigentlich, dass wir Mitt-, Endvierziger dennoch so gut gelungen sind. Damals wurden alle, die für Abrüstung demonstrierten, die den Wald retten wollten, die Gleichberechtigung forderten oder sich für die Entwicklungshilfe einsetzten, als Spinner und Weltverbesserer abgetan. Denn solange nur ordentlich weiter aufgerüstet würde, könne nie was geschehen. Heute zeigen Dokumente, dass das Jahr 1983 womöglich unser letztes hätte sein können – so absurd waren die Ängste also nicht. Wenn heute Fernsehshows die 80er als das erste Spaßjahrzehnt zeigen, in dem Yuppies und Popper von Punkern angemacht wurden, dann wird diese Zeit schön geredet und klein gemacht. Ja, es war eine geile Zeit, “La boum” ein toller Film, Magnum und Remington Steele bescheren mir immer noch weiche Knie (und wenn wir uns die beiden heute anschauen – da kann man nicht meckern!) und die Neue Deutsche Welle hat tierisch Spaß bereitet.

0287Wir haben nicht nur Jeans enger genäht und Tipps ausgetauscht, wie man am besten reinkommt – liegend, Fuß abwechselnd nach oben und nach unten streckend, im Stehen dann hüpfen, hüpfen, hüpfen, und am besten nur einmal im Monat waschen – wir haben auch Pflanzenableger und Kakteen getauscht, aromatisierten Schwarztee gehortet und getrunken, am Blue Curaçao genippt, Kerzen gegossen, unter der Schulbank gestrickt, auf dem Schulhof diskutiert, gemeinsam das Buch vom Frieden gelesen, Videos geschaut und Musik mit dem Kassettenradio aufgenommen.
Und die Musik war wichtig, sie untermalte die Stimmung und die Ambivalenz der Zeit perfekt. In all der Düsternis, die um uns herum waberte, enstanden Lieder, die nur oberflächlich gesehen oberflächlich waren. Auf meiner FB-Seite habe ich gestern die typischsten Beispiele zusammengetragen. “Dancing with tears in my eyes” von Ultravox beispielweise – beim Zuhören erschien uns die Möglichkeit eines Atomkriegs sehr real. War sie ja auch.

Und nun sind wir 30 – in Worten dreißig! – Jahre weiter. So düster es manchmal auch war, so lag doch über allem sehr viel Hoffnung, mit den Protesten, der neuen grünen Partei, dem Nachwachsen unserer Generation, die Spaß und Laune und Frieden und Miteinander wollte, etwas zu erreichen: echte Völkerverständigung, Atomausstieg, Gleichberechtigung, eine grüne Umwelt und vor allem nie wieder Kriege, Nazis, Rassismus. Schauen wir uns jetzt um: wie erfolgreich waren wir? Ein bißchen vielleicht, denn die Bereitschaft, zu helfen, an ein gutes Auskommen zu glauben, ist größer geworden. Glaube ich. Aber auf einmal sprechen mich die gelisteten Lieder wieder an, wieder scheinen sie zur Stimmung zu passen, ja, sogar das russische Feindbild passt bald wieder. Wenn ich hier bei der Ingenieurin lese, wie sie sich fühlt – das kommt dem, wie es für mich war, schon sehr nahe. Leider. Da wünsche ich mir übrigens noch von viel mehr Bloggerinnen Beiträge, die für Menschlichkeit und Miteinander sprechen – nur mal so als Idee. Die Menschlichkeit braucht ein Gesicht und das könnte deines sein.

Aber eigentlich wollte ich gar nicht hierhin. Oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht, ich bin halt ein Kind der 80er und damit sehr ambivalent. Ich möchte Mode und Musik und Spaß und Zukunft und Hoffnung und Frieden. Bin traurig und erschüttert vom Großen, freue mich unbändig über das Kleine und Oberflächliche und habe gerade das Gefühl, meinen eigenen Kreis geschlossen zu haben. In den nächsten Tagen gestatte ich mir das Abschotten und das mich freuen und ärgern über Nähprojekte und Strickideen, werde mir ein paar lustige Filme raussuchen und ganz viel bedeutungsschwere Musik der 80er reinziehen. Und das wird oberaffentittengeil. Danach rette ich die Welt.

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